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Indonesische Inseln:Wallace entwickelte unabhängig von Darwin eine Theorie der Evolution

Vielleicht profitierte Wallace davon, dass er nie studiert hatte und als Autodidakt keinen falschen Ballast mitschleppte. Er war offen für neue Ideen. So hat er, ganz nebenbei, auf Lombok das Wesen eines Tsunami beschrieben. Nach einem schwachen Erdbeben erkannte er den Zusammenhang mit einem Meeresspiegelanstieg. Er fragte Ansässige nach ähnlichen früheren Ereignissen und fand die richtige Gesetzmäßigkeit.

Vor allem aber entwickelte er, zunächst unabhängig von Charles Darwin, die Theorie der Evolution und veröffentlichte dann 1858 mit diesem zusammen den ersten Artikel zu ihrer gemeinsamen Evolutionstheorie. Evolution und Wallace-Linie gehören untrennbar zusammen, denn ohne das Wissen um die Evolution hätte Wallace die Linie nicht richtig deuten können.

Gerade auf Inseln, wie er sie besuchte, spielt die Evolution eine große Rolle. Jede Insel ist eine Welt für sich, auf der sich Tierarten nach eigenen Gesetzmäßigkeiten weiter- und auseinanderentwickeln. Wallace durfte deshalb nicht nur nach Arten suchen, die er von Java oder von Australien kannte, sondern auch nach verwandten Arten und Gattungen, also Weiterentwicklungen. In einer Fleißarbeit listete er für jede Insel des fernöstlichen Archipels die Anzahl von Vogelarten auf, die auch in Java oder Australien lebten, und solche, die mit ihnen verwandt waren.

Über die Bedeutung seiner Entdeckung war sich Wallace vollkommen klar

So erkannte er, dass der Faunenschnitt, der zwischen Bali und Lombok verläuft, nicht unüberwindlich ist, sondern dass es eine große Übergangszone gibt, in der sich die australische und die asiatische Fauna mischen. Sie reicht von "seiner" Linie im Westen bis zur "Lydekker-Linie" im Osten, die dem australischen Kontinentalschelf folgt. Die Lydekker-Linie markiert die östlichste Ausbreitung asiatischer Arten. Dort, wo sich asiatische und australische Fauna etwa die Waage halten, spricht man heute von der Weber-Linie. Die gesamte Übergangszone wird seit 1924 Wallacea genannt.

Über die Bedeutung seiner Entdeckungen war sich Wallace vollkommen klar. Der Faunenwechsel zwischen Bali und Lombok, schrieb er, sei "von so fundamentalem Charakter, dass er ein gewichtiges Charakteristikum der zoologischen Geografie des Erdballes ausmacht". Tatsächlich ist aus seinen Arbeiten inzwischen ein eigenes Fachgebiet entstanden: die Biogeografie. Sie verknüpft geografische Parameter wie Plattentektonik, Vulkanismus und Meeresströmungen mit der Evolution.

Der Zoologe Professor Matthias Glaubrecht von der Universität Hamburg ist einer der Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen. Die Wallace-Linie gehört zu seinen Forschungsgebieten, auch wenn sich ihre Bedeutung inzwischen verändert hat. Heute liefert sie vor allem Anhaltspunkte für die evolutionäre Vorgeschichte einer Gattung oder einer Gruppe von Arten. Man kann sie als Zeitmarker nutzen, denn sie ist eine erdgeschichtlich junge Linie. Das letzte Eiszeitalter, das für die Wallace-Linie entscheidend ist, begann erst vor rund 2,7 Millionen Jahren.

Heute stützt sich die Wissenschaft auf DNA-Analysen

Davor galten im indonesischen Archipel völlig andere Bedingungen. Nicht nur Meeresspiegelschwankungen, auch Plattentektonik und Vulkanismus haben die Geografie immer wieder gründlich verändert. So ist die Vulkaninsel Bali gerade drei Millionen Jahre alt. Die Linie liefert deshalb keine Aussagen für sehr frühe Wanderbewegungen. Wenn eine Gattung beiderseits der Wallace-Linie anzutreffen ist, spricht das für eine solche frühe Ausbreitung. Glaubrecht vergleicht die Wallace-Linie mit der Zonengrenze, die einst DDR und Bundesrepublik trennte. Mit ihr könne man auch nicht die Verteilung von Germanen und Slaven erklären.

Heute stehen Wissenschaftlern andere Möglichkeiten offen als Wallace, wenn es um Verwandtschaften und Ausbreitungswege geht. Sie können sich vor allem auf DNA-Analysen stützen. Aus den Unterschieden im Erbgut zweier Arten kann man rekonstruieren, wann der gemeinsame Vorfahre gelebt hat.

Nur noch wenige Forscher ziehen durch die Wildnis und sammeln Käfer

Der Zoologe Alexander Riedel vom Naturkundemuseum Karlsruhe praktiziert das Verfahren für bestimmte Gattungen von flugunfähigen kleinen Rüsselkäfern. Er fand auf Bali mehrere Käfer, die von Osten eingewandert sind, also die Wallace-Linie überschritten haben. Die Ausbreitungswege der kleinen Insekten scheinen überhaupt recht willkürlich zu sein und in alle möglichen Richtungen zu führen. Vielleicht wird man daraus einmal ablesen können, wie sich Meeresströmungen oder die Verteilung von Land und Wasser einst, lange vor dem Eiszeitalter, verändert haben.

Riedel gehört zu den wenigen Forschern, die noch - wie Wallace - durch die Wildnis ziehen und Käfer sammeln. Dabei bekommt er zu spüren, wie stark sich die Welt seitdem verändert hat. Hatte sich Wallace noch über Rodungen gefreut, weil an einem Waldrand besonders viele Käfer zu finden sind, so muss Riedel die wenigen verbliebenen ursprünglichen Waldgebiete mit der Lupe - beziehungsweise mit Google Earth - suchen. In Touristenorten wie Kuta "habe ich höchstens ein gebrauchtes Kondom im Kescher", sagt er.

Auch die Wallace-Linie selbst verändert sich und verliert an Schärfe. Vor allem, weil der Mensch in das natürliche Artenspektrum eingreift. Er sorgt nicht nur dafür, dass Tiere aussterben, er schleppt auch ortsfremde Arten ein. "Die Homogenisierung ist ein großes Problem", sagt Glaubrecht. Sie setzte schon zu Wallace' Zeiten ein. Seiner Ansicht nach war Wallace der letzte, der den Faunenschnitt zwischen Bali und Lombok noch in seiner vollen Ausprägung erleben und mit seiner Forschung einen entscheidenden Beitrag zur Biologie leisten konnte.

© SZ.de/mahu

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