Historische Naturkatastrophe Der Jahrtausendwinter

Auch im Kleinen hinterließ die Witterung ungewöhnliche Spuren. Naturkundler in Deutschland staunten über seltsame Eis-Kristalle: Der Schnee von 1709 bestand nicht aus Sternformen wie in normalen Wintern, sondern aus Säulen und Plättchen. Es war "Polarschnee", wie er sonst nur an den Polen oder in Eiswolken in vielen Kilometern Höhe bei Extremtemperaturen vorkommt.

Erst Ende März gab es erste Hoffnung auf ein Ende der Kältewelle. "Gar ein lieblicher Tag mit Wolken und Sonnenschein", notierte eine Frau Frisch aus Deutschland in ihr Tagebuch. "Es hat gar fein getaut, doch liegt noch Schnee und Eis genug. Der Wind hat sich nun aus Westen gewendet, welcher bis dahin stets nördlich oder östlich gewesen."

Der Frühling brachte nicht nur Gutes

Doch es dauerte, bis das Eis wich. In Hamburg wurden noch Ende März 200 Ochsen über die Elbe getrieben. Trotz Tauwetters war die Ostsee am 8. April mit Eis bedeckt, soweit das "bewaffnete Auge reichen konnte", wie ein Professor aus Danzig schrieb.

Anfang April schließlich kam der Frühling - doch der brachte nicht nur Gutes. In den Flüssen wälzte sich das Schmelzwasser zu Tal. Dutzende Städte wurden überflutet. Mit den Wassermassen schossen Eisschollen durch die Siedlungen, wodurch Zeugen zufolge "Häuser, Menschen, Schiffe und Vieh sehr großer Schaden geschah". Die schlimmste Folge des Kälte-Winters zeigte sich im Sommer: Die Ernte war im Frost großteils eingegangen, die Hungersnot verschlimmerte sich. Man sah Menschen, die auf den Feldern "wie Schafe" grasten.

Die wohlhabenden Bewohner von Paris wurden gezwungen, Suppenküchen für die Armen einzurichten. Bauern stellten auf Fruchtwechsel-Wirtschaft um: Auf einem Feld wurden fortan wechselnde Sorten angebaut, um die Ergiebigkeit zu erhöhen. Zudem wurde die Bewässerung modernisiert, Moore urbar gemacht und Deiche aufgerüstet.

Die Agrar-Revolution bewirkte, dass Hungersnöte nach 1709 deutlich seltener wurden. Die aus der Krise folgende Verbesserungen hätten dazu beigetragen, schreibt der Historiker Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, dass sich "die Anfälligkeit der Gesellschaft für Aberglaube und religiöse Verirrungen verringerte."