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Orthopädie:Keime im Kunstgelenk

Künstliche Gelenke aus Rathenow

Kunstgelenke können vielen Menschen helfen. Doch es gibt immer wieder Komplikationen.

(Foto: dpa/dpaweb)

Künstliche Gelenke bergen die Gefahr gefährlicher Infektionen. Ein neuer Test könnte helfen. Der Irrwitz des Gesundheitswesens verhindert, dass er auf breiter Basis eingesetzt wird.

Von Edda Grabar

Der Gedanke hatte sich über Monate in ihrem Kopf entwickelt, und doch war Heike B. selber erschrocken, als er ihr zum ersten Mal klar wurde: "Das linke Bein muss weg." Sie erinnert sich noch gut, wie sie dem Arzt den Vorschlag machte: "Und wenn man das Bein über dem Knie abnehmen würde?"

Das war vor dreieinhalb Jahren. Wenn B. heute davon erzählt, klingt es so nüchtern, als würde sie von einer Fremden sprechen. B., die eigentlich anders heißt, ist Polizistin - und jung. Gerade Mitte 30. Vom Funktionieren ihrer Beine hängt ein großer Teil ihrer Zukunft, ihre Karriere, ihre Unabhängigkeit. Was trieb sie zu solch einem verstörenden Gedanken? B. war nicht verrückt - auch wenn manche ihr dies unterstellten. "Ich habe es nicht mehr ausgehalten", sagt sie über die Schmerzen, unter denen sie nach dem Einsatz von Knieersatzteilen litt, die nach mehreren Unfällen nötig geworden waren. Die Ärzte wollten ihr nicht glauben, obwohl sich schon einmal Keime in ihrem Knie ausgebreitet hatten.

Einigen Patienten werden die Beine amputiert, viele werden bettlägrig und manche sterben sogar

Oft verhelfen Kunstknie und -hüften, seltener Schultern, den Menschen zu neuer Lebensqualität. Doch häufiger, als es viele Mediziner zugeben, kommt es zu schweren Komplikationen: Erreger breiten sich in den künstlichen Gelenken aus. Manchen Patienten werden deshalb Knie und Schultern versteift, einigen die Beine amputiert, viele werden bettlägerig oder ihrer Arbeitsmöglichkeiten beraubt. Einige sterben. Und das, weil Ärzte mitunter Infektionen nicht erkennen, "die in 95 Prozent der Fälle heilbar wären", sagt der Mediziner Andrej Trampuz von der Berliner Charité, der schließlich das Bein der Polizistin B. retten konnte. Mit dieser Aussage beginnt ein irrwitziger Ausflug ins deutsche Gesundheitswesen. Er zeigt beispielhaft, welch absurde Folgen das Abrechnungssystem der Krankenkassen in Deutschland manchmal haben kann und wie sehr es immer noch an unabhängigen Studien fehlt.

Künstliche Gelenke beschäftigten die Gesundheitsbehörden schon häufiger. Mal brachen Prothesen wegen Materialmängeln. Mal standen sie unter Verdacht, giftige Stoffe ins Blut abzugeben. Sicher ist, dass ihr Einsatz lukrativ ist: Mehr als 3,5 Milliarden Euro setzten deutsche Krankenhäuser im Jahr 2013 mit künstlichen Gelenken um. Das sind etwa fünf Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Rund 400 000 neue Knie und Hüften wurden im Jahr 2011, dem Jahr als Heike B. um ihr Knie rang, verpflanzt.

Mittlerweile gehen die Zahlen zurück, auch Komplikationen wie Lockerungen, mechanische Probleme oder Brüche werden seltener. "Nur die Infektionen, die nehmen Jahr für Jahr zu", sagt Gerold Labek, Präsident des Europäischen Endoprothesenregister-Netzwerks. In den USA etwa kletterten zwischen 2001 und 2009 die jährlichen Kosten für entsprechende Behandlungen von 320 auf 566 Millionen Dollar. In Schweden stehen Infektionen auf Platz zwei aller Komplikationen, die einen Wechsel der Prothese nötig machen.

Wie es in Deutschland aussieht, weiß man nicht so genau. Glaubt man orthopädischen Fachjournalen, sollten lediglich 1 bis 1,5 Prozent der Patienten eine solche Infektion nach einem neuen Gelenk erleiden, das wären 4000 bis 5000 Fälle jährlich. Dem allerdings stehen im Jahr 2013 exakt 18 078 Diagnosen aus der Krankenstatistik gegenüber. Eine Erklärung für diese Diskrepanz könnte der Krankenhausreport 2010 liefern. Demnach schaffte nur das beste Viertel der mehr als 900 untersuchten Hüft-OP-Kliniken die in der Fachliteratur genannten niedrigen Komplikationsraten. "Zudem ist etwa jedem Dritten auch nach einem Prothesenwechsel nicht geholfen, weil die Infektionen entweder nicht korrekt diagnostiziert und/oder behandelt wurden", schätzt Labek.

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