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Geschlechterrollen:Gene oder Gesellschaft?

SZ: Wenn man - umgekehrt - eine rein biologische Betrachtungsweise auf die Kultur überträgt, ergeben sich doch erst recht Ungleichbehandlungen, Diskriminierungen.

Aber man kann die Geschlechter nicht gleichmachen. Schaut man in traditionale Kulturen, dann wird klar: Sie funktionieren überhaupt nur mit geschlechtlicher Arbeitsteilung. Solche biologischen Muster setzen sich auch schon früh in den Kindern unserer modernen Gesellschaften durch: Wenn man ihnen Silhouetten von Körperumrissen zeigt und fragt: "Was findest du schöner?", nehmen sich Jungen Männer zum Modell und Mädchen Frauen.

Mit dem Eintreffen der Hormone in der Pubertät ändern sich diese Vorlieben dann in dramatischer Weise. Solches Verhalten muss biologisch vorbereitet sein, andernfalls wären die Menschen wahrscheinlich schon ausgestorben. Allein kulturell wären wir dagegen nicht gut genug abgesichert.

SZ: Warum sollten kulturelle Vorlieben wie die freiere Arbeitsteilung biologischen Zwängen unterliegen?

Wer die Weichen gegen die Biologie stellt, den bestraft sie mit geringem Fortpflanzungserfolg. Das haben wir erkannt und darauf reagiert und stellen jetzt zum Beispiel die Zeit, die sich Frauen der Kindererziehung widmen, sozialversicherungstechnisch gleich. Auch Gehalt müssten Frauen für die Erziehung bekommen.

SZ: Noch einmal zurück zu den Guevedoces: Es gibt auch Interpretationen, denen zufolge Frauen im sozialen Umfeld dieser Kinder eine untergeordnete Rolle spielen. Deshalb sei der biologische Wandel mit zwölf Jahren nur ein willkommener Anlass gewesen, die anerzogene Rolle abzulegen. Gene und Hormone hätten demnach kaum zum Rollenwechsel beigetragen.

Das sind Behauptungen ohne jeden Nachweis. In der Mehrzahl der Kulturen spielen die Frauen eine ganz entscheidende Rolle. Die ganze Erziehung liegt in ihren Händen, und nahezu alle männlichen Initiationsrituale sind vom Gedanken getragen: Jetzt müssen wir den Jungen zum Mann machen und aus der starken Mutterbindung lösen! Das geht bis hin zur gespielten Wiedergeburt: In Neuguinea müssen Jungen zwischen den Beinen mehrerer Männer hindurchkriechen.

SZ: In Neuguinea gibt es auch Guevedoces, sie werden dort Kwoluaatmwol genannt, sind gesellschaftlich nicht so integriert und werden niemals als "echte Frauen" oder "echte Männer" betrachtet.

Schon die geringe Verbreitung dieser Mutation zeigt ja, dass sie auch biologisch nicht von Vorteil ist. Wie wir gebaut sind, geht in eine Kosten-Nutzen-Rechnung ein, die am Fortpflanzungserfolg gemessen wird. Würden sich solche Mutationen durchsetzen, könnte das eine Kultur schwer treffen. Ich verstehe bei uns diesen Trend zur Gleichmacherei nicht, der sich meist darin zeigt, dass Frauen Männermodelle nachahmen sollen.

SZ: Es gibt bei uns eben immer weniger typische Frauen- und Männerarbeit.

Genau, und immer weniger Kinder.

SZ: Könnten die sich angleichenden Männerund Frauenrollen einen evolutionären Effekt haben, werden sich die Geschlechter womöglich auch biologisch ähnlicher?

Es kann schon sein, dass die Erziehung darauf hinwirkt. Vielleicht vermännlichen die Frauen etwas. Aber ob die Männer verweiblichen? Wenn man sieht, wie auch heute noch Männer kollektive Aggression entwickeln, wenn es um Gruppenverteidigung geht, dann habe ich meine Zweifel, ob sich solche Eigenschaften wegzüchten lassen. Und wenn sich eine Gruppe dieses Verhalten einmal wegzüchtete, würde sie wahrscheinlich von anderen, männlich-draufgängerischen Gruppen sehr schnell unterjocht.