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Ernährung:Wie sich Europäer an die Milch anpassten

Die meisten Menschen europäischer Abstammung können Milch heutzutage auch im Erwachsenenalter gut vertragen. In anderen Weltregionen und auch bei anderen Säugetieren ist das nicht so. Wann entwickelte sich diese Fähigkeit?

Die Fähigkeit, auch jenseits des Säuglingsalters Milch zu verdauen, hat sich in Mitteleuropa erstaunlich schnell verbreitet. In nur gut 3000 Jahren stieg der Anteil der Menschen, die die dafür nötige genetische Anpassung in ihrem Erbgut tragen, erheblich an. Das berichtet ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Mainz im Fachmagazin Current Biology.

Die Wissenschaftler hatten Erbgut aus Knochen von Menschen untersucht, die um das Jahr 1200 vor Christus in der Schlacht von Tollense gefallen waren. Von ihnen hatten nur sieben Prozent eine Genvariante, die es ihnen ermöglichte, Laktose zu spalten und damit Milch zu verdauen. "Von der heutigen Bevölkerung desselben Gebiets verfügen 90 Prozent über dieses Merkmal, die sogenannte Laktasepersistenz", sagt der Erstautor der Studie, der Mainzer Populationsgenetiker Joachim Burger: "Dieser Unterschied ist enorm, wenn man bedenkt, dass nicht viel mehr als 120 Menschengenerationen dazwischenliegen." Abgesehen von der Genvariante für die Milchverdauung ähnelte das Erbgut der untersuchten Tollensekrieger dem heutiger Bewohner Norddeutschlands und des Ostseeraums.

Das Nahrungsmittel nutzen zu können, bot in Hungerzeiten einen Überlebensvorteil

Wann die Fähigkeit zur Laktosespaltung entstanden ist und wie sich das genetische Merkmal verbreitete, ist nicht abschließend geklärt. Die Knochen von der Schlacht an der Tollense erlauben nun aber neue Einblicke. Die Tollense ist ein Fluss in Mecklenburg-Vorpommern. In den 1990er-Jahren wurden dort zahlreiche Gebeine von etwa hundert Gefallenen einer Schlacht entdeckt; teils steckten noch Pfeilspitzen in den Knochen, einige Schädel waren durch Keulenschläge eingedrückt.

Aus den Knochen von 14 Individuen - zwei von ihnen waren Frauen - gewannen die Forscher Erbgut und suchten darin nach dem genetischen Merkmal für die Laktasepersistenz. Zusätzlich untersuchten sie Erbgutproben von bronzezeitlichen Menschen aus dem serbischen Mokrin. Sie waren etwa 3700 bis 4100 Jahre alt. Auch von diesen Menschen trugen weniger als zehn Prozent das Merkmal für die Milchvertäglichkeit. Dabei wurde zu dieser Zeit schon längst Landwirtschaft in Europa betrieben.

Doch erst in den folgenden Generationen habe sich das Merkmal plötzlich stark verbreitet. Als Grund nehmen die Wissenschaftler "eine starke darwinsche Selektion" an. Menschen, die Milch gut vertrugen, hätten im Verlauf der letzten 3000 Jahre mehr Kinder bekommen, oder diese Kinder hätten bessere Überlebenschancen gehabt als jene ohne das Merkmal. "Auf 100 Nachkommen ohne kommen in jeder Generation 106 Nachkommen mit Laktasepersistenz. Damit ist das entsprechende Gen das am stärksten positiv selektierte im ganzen menschlichen Genom", sagte Burger.

Welche Vorteile es mit sich brachte, auch als größeres Kind oder Erwachsener Milch verdauen zu können, ist bisher unklar. Allerdings könnte Milch als energiereiche, unkontaminierte Flüssigkeit in Zeiten von Nahrungsmangel oder verseuchtem Trinkwasser höhere Überlebenschancen geboten haben. Gerade in der frühen Kindheit, also in den Jahren nach dem Abstillen, mag das in prähistorischen Populationen immer wieder entscheidend gewesen sein.

In vielen Weltregionen können Erwachsene auch heute keine Milch verdauen. Die Fähigkeit, den Milchzucker Laktose zu spalten, verliert sich dort häufig nach der Säuglingszeit.

© SZ/dpa/beu
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