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Das Gemeinsame Erbe der Menschheit:Wem gehört die Welt jenseits aller Grenzen?

Internationale Grenzen sind künstliche Linien, gezogen von Menschen, die meinen, sich von ihren Nachbarn zu unterscheiden. Sollten aber die Atmosphäre, die Weltmeere oder der Mond nicht allen gehören? Noch ist die Vorstellung eines gemeinsamen Erbes der Menschheit eine kühne Doktrin in einem engen Korsett - sagt die neuseeländische Juristin und Ethikexpertin Prue Taylor von der University of Auckland in einem Gastbeitrag.

Die Idee eines "Gemeinsamen Erbes der Menschheit" berührt die Ethik ebenso wie das internationale Recht. Sie bedeutet, dass manche Orte der gesamten Menschheit gehören und dass die Ressourcen dieser Orte allen Menschen zur Verfügung stehen sollten. Künftige Generationen und die Bedürfnisse der Entwicklungsländer müssten berücksichtigt werden.

Münchner Grundschüler betrachten einen Globus. Die Nationen haben große Teile unseres Planeten unter sich aufgeteilt. Manche Orte sind jedoch noch internationale "Commons" (Gemeingüter)  - Gebiete, deren Ressourcen jenseits der gegenwärtigen Hoheitsgebiete der Staaten liegen. Der vorliegende Text ist ein Kapitel aus dem Buch "Commons. Für eine neue Politik jenseits von Politik und Staat" (Heinrich-Böll-Stiftung).

(Foto: Robert Haas)

Als die Idee - man kann auch von einem Konzept sprechen - eines "Gemeinsamen Erbes der Menschheit" in den 1960er-Jahren eingeführt wurde, gab es Kontroversen zu Fragen des Geltungsbereichs, des Inhalts und des Status sowie zu der Beziehung zu anderen Rechtsbegriffen. Und so ist es bis heute geblieben.

Manche meinen, das Konzept sei nicht mehr aktuell, da es in der Praxis (etwa beim Abbau von Ressourcen am Meeresboden) nicht angewendet und von späteren modernen Umweltübereinkommen abgelehnt wurde. Andere hingegen halten es für ein allgemeines Prinzip des internationalen Rechts mit fortdauernder Bedeutung.

Die eskalierende globale ökologische Zerstörung unterstreicht die anhaltende Bedeutung des Konzepts vom "Gemeinsamen Erbe der Menschheit", trotz mangelnder Akzeptanz seitens der Nationalstaaten. Belege dafür finden sich in den zahlreichen Bemühungen, das "Gemeinsame Erbe der Menschheit" auf das natürliche und kulturelle Erbe, die Ressourcen des Meeres, die Antarktis sowie globale ökologische Systeme wie die Atmosphäre (Taylor 1998) oder das Klimasystem anzuwenden.

Ursprünge des Konzepts

Erörterungen zum Thema beginnen meist mit der Rede des maltesischen Botschafters Arvid Pardo (1914-1999) an die Vereinten Nationen im Jahre 1967. Pardo hatte vorgeschlagen, den Meeresgrund über den nationalen Zuständigkeitsbereich hinaus als gemeinsames Erbe der Menschheit zu betrachten.

So wurde die Rede unter anderem der Auslöser für die späteren Verhandlungen zum Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (UNCLOS III) von 1982, weswegen man Arvid Pardo auch den "Vater des Seerechtsübereinkommens" nennt. Aber das Gemeinsame Erbe der Menschheit hat eine viel längere Geschichte, von der Pardo Gebrauch machte, als er es als Rechtsbegriff für die Ozeane entwickelte.

Andere, darunter die Schriftstellerin und Umweltaktivistin Elisabeth Mann Borgese (1918-2002, Elisabeth Mann Borgese, die Tochter von Katia und Thomas Mann, wurde in den 1970er-Jahren Pardos Ehefrau (Anm. der Hg.)), hielten das Gemeinsame Erbe der Menschheit für ein ethisches Konzept, das für eine neue Weltordnung zentral sei und auf neuen Formen der Kooperation, der Wirtschaftstheorie und der Philosophie aufbaue.

Dieser Blick in die Geschichte ist wichtig, um den ethischen Kern des Gemeinsamen Erbes der Menschheit deutlich zu machen: nämlich die Verantwortung der Menschen, für die Umwelt - deren Teil wir sind - zu sorgen und sie für gegenwärtige und künftige Generationen zu schützen.

Entwurf für eine Weltverfassung

Ein Entwurf für eine Weltverfassung aus dem Jahre 1948 sah vor, dass die Erde und ihre Ressourcen zum gemeinsamen Eigentum der Menschheit gehören sollten und zum Nutzen aller zu bewirtschaften seien. Bedenken hinsichtlich der Nutzung der Nukleartechnologie für militärische und friedliche Zwecke führten zudem zu dem Vorschlag, sogar die nuklearen Ressourcen als gemeinsamen Besitz anzusehen, der gemeinsam bewirtschaftet werden sollte.

Auch im UN-Weltraumvertrag von 1967 hat das Konzept des Gemeinsamen Erbes der Menschheit Spuren hinterlassen. Zwar regelt der Vertrag die staatliche Erforschung und Nutzung des Weltraums, des Mondes und anderer Himmelskörper. Doch erst im Kontext der Herausbildung des Seerechts bekam das Konzept tatsächlich Gewicht. Die World Peace through Law Conference von Genf im Jahr 1967 bezeichnete die Hochsee als das "Gemeinsame Erbe der Menschheit" und erklärte, dass der Meeresboden unter die Hoheit und Kontrolle der UNO gestellt werden sollte.