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Frage der Woche:Warum sind wir alle Klatschweiber?

Ständig und überall kursieren Gerüchte. Manche hören wir gern, andere machen uns fertig. Wem nützt bloß der ganze Klatsch und Tratsch?

Getuschel in der Kaffeeküche, das abrupt endet, wenn man auftaucht, oder verstohlen gewechselte Blicke der Arbeitskollegen verheißen normalerweise nichts Gutes. Jedenfalls für den, den die hier ausgetauschten Gerüchte betreffen.

Klatschen und Tratschen - wir können offenbar nicht anders.

(Foto: Foto: istock)

Die Folgen übler Nachrede können furchtbar sein. Nicht nur in der Politik dienen unbewiesene Behauptungen dazu, Gegner zu ruinieren. Darüber hinaus lässt sich mit Gerüchten Hass schüren oder gar die Kriegsbereitschaft anheizen.

Man denke nur an die gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion", die den Anspruch der Juden auf die Weltherrschaft belegen sollen und insbesondere in der arabischen Welt noch immer als Rechtfertigung für dem Antisemitismus gelten.

Auf der anderen Seite, so belegen inzwischen eine ganze Reihe von Studien, haben Gerüchte offenbar einen Sinn.

So hilft üble Nachrede, innerhalb einer Gruppe auf nachhaltige Weise zu klären, welches Verhalten akzeptabel ist, und welches nicht. Wer mit anderen "Klatschweibern" schmutzige Wäsche gewaschen und verräterische Flecken in der Bettwäsche anderer Gesellschaftsmitglieder entdeckt hat, bekommt schnell ein Gefühl für die Regeln, nach denen gespielt wird.

Vorteile für die Gruppe

Das geht zwar häufig auf Kosten der Reputation eines anderen, und oft genug völlig zu Unrecht. Doch für die Gruppen selbst stellt das Verhalten offenbar letztlich einen Vorteil dar.

Gerüchte, so erklärt etwa Roy Baumeister von der Florida State University, ermöglichen es den Leuten, soziale Normen innerhalb ihrer Gruppe zu erlernen.

Charles Walker von der St. Bonaventure University im Staat New York stimmt ihm zu. Als die Amerikaner zum Beispiel über Bill Clintons Affäre mit einer Praktikantin im Weißen Haus diskutierten, waren die Gespräche seiner Meinung nach eine Art Test, um festzustellen, ob sich die Haltung der Gesellschaft gegenüber Seitensprüngen und Büro-Romanzen verändert hat.

Ein anderes Beispiel ist die aktuelle Debatte um Steuerhinterziehung. Wenn Prominente wie etwa der ehemalige Postchef Klaus Zumwinkel die Normen ignorieren, zeigt ihr Verhalten vielleicht eine Änderung dieser Normen an? Diese Frage wird gewissermaßen in der Gerüchteküche gestellt - und beantwortet. Im Falle Zumwinkel überwiegend ablehnend.

Und wem es gelingt, im neuen Job die kursierenden Gerüchte zu interpretieren, kann sein eigenes Verhalten - etwa gegenüber den Vorgesetzten - anpassen.

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