Ethik in der Wissenschaft Erstaunlich viele Fotos in Studien sind falsch

Nur ein Beispiel: In 200 von 20 000 Studien wurde ein Foto einfach noch einmal verwendet, um ein ganz anderes Experiment zu dokumentieren.

Von Hanno Charisius

In einer Stichprobe von mehr als 20 000 Fachartikeln hat die Mikrobiologin Elisabeth Bik von der Stanford University 782 Studien mit fragwürdigen Abbildungen entdeckt. Das entspricht einer Quote von etwa vier Prozent. 230 Mal wurde ein Foto, das ein Versuchsergebnis belegen sollte, einfach noch einmal verwendet, um ein anderes Experiment zu dokumentieren. Dies könnte auch aus Versehen geschehen, schreibt Bik zusammen mit ihren Kollegen Arturo Casadevall und Ferric Fang in ihrem Bericht, den die drei frei zugänglich auf den Webserver für biowissenschaftliche Vorabveröffentlichungen biorxiv.org gestellt haben. In den übrigen 652 Fällen wurden Bilder jedoch nicht nur kopiert, sondern auch noch bearbeitet. Für die drei Forscher ein klarer Hinweis auf wissenschaftliches Fehlverhalten.

Nicht jede problematische Abbildung bedeutet Betrug. Manchmal fehlt es an Sorgfalt

Etwa zwei Jahre hat Bik gebraucht, um die insgesamt 20 621 Studien zu untersuchen. Die Texte waren zwischen 1995 und 2014 in 40 biomedizinischen Fachjournalen erschienen. Alle untersuchten Studien hatten eine "Western Blot" genannte Methode eingesetzt, die dem Nachweis von Proteinen dient. Üblich ist, ein Foto der Western Blots in der Veröffentlichung abzubilden. Bereits in der Vergangenheit hatte eine Reihe von Studien gezeigt, dass diese Blot-Fotos besonders oft Probleme aufwerfen.

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Bik kontrollierte aber nicht nur diese Aufnahmen, sondern sah sich auch alle anderen Fotos in den Publikationen an. Sie benötige nur etwa eine Minute pro Aufsatz, erklärte Bik gegenüber dem Weblog Retraction Watch, dessen Autoren Fälle wissenschaftlicher Manipulationen aufarbeiten. Jeder Western Blot aber auch jedes Foto von Zellen trage charakteristische Züge wie ein Gesicht. Mit etwas Übung werde es immer leichter, Ähnlichkeiten und Ungereimtheiten zu erkennen.

Sobald sie ein problematisches Bild entdeckte hatte, schickte Bik die betroffene Studie an Casadevall und Fang, die ihren Fund bestätigen mussten, bevor er in die Statistik ging. Die drei sind sich sicher, dass sie problematische Fotos übersehen haben, dass sie zu viele gefunden haben, halten sie hingegen für unwahrscheinlich.

Frühere Studien waren zu ähnlichen Raten gekommen, die meisten hatten bislang allerdings kleinere Stichproben untersucht. Biks und ihre Koautoren glauben, dass ihr Datensatz nun auch ein paar weiter gehende Aussagen erlaubt. So gebe es einen statistischen Zusammenhang zwischen der Zahl der entdeckten problematischen Bilder und dem sogenannten Impact Factor der die Relevanz einer Zeitschrift bemessen soll: Je höher dieser Faktor, desto weniger Problembilder. Mit der Zeit nahm die Zahl der beanstandeten Abbildungen zu, die meisten fand Bik in Publikationen aus China und den USA.

Bernd Pulverer, Chefredakteur des EMBO Journal, das seit einigen Jahren alle eingereichten Fachaufsätze extra überprüft, betont jedoch, dass nicht hinter jedem Fund eine böswillige Absicht stehe. In den meisten Fällen wollten Wissenschaftler die Aussage eines Experiments klarer herausstellen, durch die Manipulationen am Bild. Auch das sei nach den wissenschaftlichen Prinzipien nicht zulässig, aber zumindest sei es kein Betrug. Gerade jungen Wissenschaftler fehle es da an Bewusstsein. Pulverers Redaktion findet bei 20 Prozent der eingereichten Aufsätze Probleme, meist sind solche "Verschönerungen" die Ursache, die von den Wissenschaftlern dann vor der Veröffentlichung wieder zurückgenommen werden. In nur 0,5 Prozent aller Fälle würden Forscher wirklich versuchen, die Redaktion mit gefälschten Daten zu betrügen.

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