Molekularbiologie Fälschungsvorwurf: Absturz einer Vorzeigeforscherin

Die Wissenschaftlerin González hatte in spektakulären Versuchen herzschwache Mäuse von ihrem Leiden befreit - und soll dabei Daten manipuliert haben.

(Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa)

Die spanische Forscherin Susana González wurde mit spektakulären Studien zur Herzschwäche bekannt. Nun wird sie des Betrugs bezichtigt.

Von Astrid Viciano

Es war ein fast märchenhafter Erfolg, an dem sich die krisengebeutelten Spanier erfreuen konnten. In jenem Land, in dem so manches viel versprechende Forschungsfeld jahrelang brach liegt, gab es endlich eine neue Heldin der Wissenschaft. Die Molekularbiologin Susana González arbeitete daran, der Herzinsuffizienz, einer der großen Volkskrankheiten, den Garaus zu machen. Vor einem Jahr bekam sie dafür 1,86 Millionen Euro als Stipendium des Europäischen Forschungsrats. "Das ist eine herausragende Auszeichnung für einen Wissenschaftler", sagt Lutz Hein, Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie des Universitätsklinikums Freiburg.

Die Forscherin wurde entlassen, ihr Millionen-Stipendium eingefroren

Doch damit ist nun Schluss. Susana González wurde vor zwei Wochen vom Nationalen Zentrum für kardiovaskuläre Forschung Carlos III (CNIC) in Madrid entlassen, ihr europäisches Stipendium wurde in der vergangenen Woche eingefroren. "Der Europäische Forschungsrat wird sich nun genau mit dem Fall befassen", sagt Madeleine Drielsma, Pressesprecherin des Rats. Der Vorwurf: Die Molekularbiologin soll Daten manipuliert haben.

Die Wissenschaftlerin hatte in spektakulären Versuchen herzschwache Mäuse von ihrem Leiden befreit. Den kranken Versuchstieren fehlte ein spezielles Eiweiß, das ihr Herz normalerweise vor der Alterung schützt. Daher war die lebenswichtige Muskelpumpe bei ihnen viel zu groß und weit gestellt, wie bei Patienten mit einer schweren Herzinsuffizienz. In ihren Experimenten schloss González den Blutkreislauf der schwachen Nager an jenen gesunder Artgenossen an. Nach einem Monat waren die kranken Mäuse genesen. "Die Herzen wurden verjüngt", frohlockte die Forscherin damals in der spanischen Tageszeitung El País. Ihre Studienergebnisse veröffentlichte sie im Fachjournal Nature Communications. Und seit dem 1. November 2015 erhielt sie bereits fast 350 000 Euro ihres Stipendiums, um der Ursache der wundersamen Genesung genauer nachzugehen.

Zu den Vorwürfen will sich CNIC nicht äußern, auch die Fachzeitschrift Nature schweigt zum Artikel der Forscherin. Dabei haben Wissenschaftler seit Monaten anonyme Hinweise auf verdächtige Stellen in den Publikationen der Spanierin auf PubPeer veröffentlicht. Das ist eine Internetseite, auf der seit Ende 2012 fundierte Kritik zu Forschungsarbeiten öffentlich diskutiert werden kann. 51 Kommentare finden sich bislang zu acht Publikationen von Susana González. Auch zu den herzschwachen Mäusen.

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In der gefeierten Arbeit aus dem Jahr 2015 finden sich demnach Auffälligkeiten. "Einige mikroskopische Bilder des Herzmuskels der Mäuse sind identisch, obwohl es sich um völlig verschiedene Versuchsmäuse handelt", erklärt der Pharmakologe Hein, der selbst genetische Studien zur Herzschwäche durchführt. Auch in anderen Studien ähneln sich so manche Darstellungen von Ergebnissen auf frappierende Weise. Seit dem Jahr 2003, so die Kommentare auf PubPeer, ziehe sich das durch Veröffentlichungen, auf denen unter anderem Susana González als Autorin firmiert. Sie selbst beteuert spanischen Medien gegenüber, keinerlei Daten gefälscht zu haben. Für eine Stellungnahme war sie vor Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

González ist nicht die erste Wissenschaftlerin, die unter anderem durch kritische Kommentare auf PubPeer der Manipulation verdächtigt wird. Erst im vergangenen Jahr wurde der ehemalige Superstar der Pflanzenbiologie, Olivier Voinnet, vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Frankreich für zwei Jahre suspendiert - wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Seit September 2014 hatten sich plötzlich Kommentare zu seinen Publikationen auf PubPeer gehäuft, mehr als 40 seiner Fachartikel wurden bis jetzt in Hunderten Kommentaren kritisiert und kommentiert.

Wissenschaftler haben seit Monaten Hinweise auf verdächtige Daten veröffentlicht

Auf PubPeer finden sich inzwischen insgesamt fast 50 000 Kommentare auf der Webseite, zu rund 10 000 Studien. Mehr als 500 000 Besucher zählt die Internetseite jeden Monat. "Doch selbst wenn wir kritische Anmerkungen auf unserer Seite sehen, geschieht bislang in den meisten Fällen überhaupt nichts", sagt Boris Barbour, Neurowissenschaftler am Ecole Normale Superieur in Paris und einer der Organisatoren von PubPeer.

Dabei seien die Folgen eines Forschungsbetrugs verheerend, klagt Barbour. Mal entwickeln Mediziner zum Beispiel Therapie-Leitlinien, die auf gefälschten Studienergebnissen basieren. Mal verlassen sich junge Wissenschaftler auf die Resultate und merken erst nach unzähligen Versuchen, dass mit den präsentierten Daten mächtig etwas im Argen liegt. Wie womöglich auch diesmal, bei den Mäuseversuchen in Madrid.

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