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Erde extrem - Teil 4:Der Gipfel des Wahnsinns

Dünne Luft, extreme Erschöpfung und ein kaltes Grab drohen am Mount Everest - und trotzdem wollen jedes Jahr Hunderte Bergsteiger den höchsten Berg der Welt erklimmen. Aber liegt der überhaupt im Himalaya?

Markus C. Schulte von Drach

Es ist eine riesige Kollision, die das Antlitz der Erde in Asien formt: Mit gewaltiger Macht schiebt sich die Erdplatte, auf der Indien liegt, über- und unter die Eurasische Platte, mancherorts falten sich die gigantischen Massen auf oder verkeilen sich, manchmal werden sie auf ihrem Weg in Richtung Süden aufgehalten und von nachfolgenden Gesteinsschichten in die Höhe gehoben. Was in die Tiefe gedrückt wird, schmilzt in den Magmaschichten des Erdinnern und drängt wieder nach oben.

Der Gipfel des Mount Everest lockt jährlich Hunderte Bergsteiger an.

(Foto: Foto: Reuters)

Doch zum Glück verläuft dieser Zusammenstoß nur sehr langsam. Seit etwa 50 Millionen Jahren kracht die Indische Platte in den eurasischen Kontinent, 2000 Kilometer tief hat sie sich bereits hineingebohrt und dabei die Bergkette hochgedrückt, die wir heute Himalaya nennen.

Und noch immer schiebt sich der indische Subkontinent auf Nepal zu, hebt die Berge weiter an - was auch immer wieder Erdbeben auslöst wie das von Sichuan in China.

Mehr als elf Kilometer würden manche Gipfel auf dem "Dach der Welt", wie der Himalaya auch genannt wird, heute in die Höhe ragen, hätten nicht Wind und Wetter sie über Jahrmillionen abgetragen. Dank dieser Erosion kommt der höchste Gipfel "nur" auf 8848 Meter.

Es ist - natürlich - der Mount Everest, den die Einheimischen in Nepal Sagarmatha (Göttin des Himmels) und in Tibet Chomolungma (Heilige Mutter) nennen.

Britische Landvermesser um George Everest hielten 1841 die Lage des als "Peak b" bezeichneten Gipfels fest, als sie für das britische Empire im Rahmen der "Expedition Great Arc" den indischen Subkontinent vermaßen. Die Berge des Himalaya konnten sie allerdings nur aus der Ferne betrachten, da Nepal sie nicht einreisen ließ.

1856 gab Everests Nachfolger Andrew Waugh bekannt, dass der inzwischen als "Peak XV" bezeichnete Gipfel seinen Peilungen zufolge 8840 Meter hoch war - und damit erheblich höher als der Chimborazo in Ecuador. Der 6310 Meter hohe Andengipfel galt zuvor als höchster Berg der Welt.

Nun war man sich sicher, dass der sogenannte dritte Pol - nach dem Nord- und Südpol - entdeckt war. 1865 gab die britische Royal Geographical Society dem Berg seinen angelsächsischen Namen Mount Everest, um die Leistungen des Landvermessers zu würdigen. Everest selbst hatte den Gipfel wohl nicht gesehen.

Nachdem Menschen bereits 1909 den Nordpol und 1911 den Südpol erreicht hatten, war der Ehrgeiz besonders unter den Briten groß, als Erste auf den höchsten Punkt der Erde zu gelangen. 1921 scheiterte eine Expedition unter Charles Howard-Bury, an der der Lehrer George Mallory teilnahm.

Mallory kehrte 1922 zurück und gelangte auf eine Höhe von mehr als 8000 Metern. 1924 kamen dann die Briten Howard Sommervell und Edward Norton bis auf etwa 8500 Meter - und kehrten aufgrund eines Sturms um.

Wenige Tage später versuchten George Mallory und Andrew Irvine es erneut. Mallory hatte zuvor seine berühmte Antwort auf die Frage gegeben, warum er auf den Gipfel wollte: "Weil er da ist."

Vielleicht haben er und sein Bergkamerad ihr Ziel erreicht - vielleicht auch nicht. Sie kehrten nicht zurück. Augenzeugen gaben an, die zwei Bergsteiger auf einer Höhe von 8500 Metern gesehen zu haben.

Wie weit sie tatsächlich gekommen sind, ist bis heute unklar. Daran ändert auch der sensationelle Fund von Mallorys Leiche im Mai 1999 nichts.

Erst fast 30 Jahre später, am 29. Mai 1957, standen schließlich der Neuseeländer Edmund Hillary und der Sherpa Tenzing Norgay auf dem Gipfel.

Sie hatten, anders als Howard-Bury oder Mallory, Sauerstoffflaschen eingesetzt, um in der dünnen Luft atmen zu können.

Mehr als 200 Tote

Seit diesem Zeitpunkt ist es schon fast chic, sich der Herausforderung zu stellen, den höchsten Punkt der Erde zu besuchen. Ganze Reisegruppen werden von Bergführern und einheimischen Helfern hinaufgeschafft, manchmal Dutzende an einem Tag. Etwa 2500 Menschen sind bislang dort oben gewesen - trotz aller Gefahren, die am Berg lauern.

Denn der Everest ist der Gipfel des Wahnsinns. In der dünnen Luft und erschöpft durch den Aufstieg leidet trotz der Sauerstoffflaschen der Verstand. Manche Bergsteiger verlieren die Orientierung, finden nicht zurück ins Basiscamp, stürzen ab oder geben einfach auf.

Mehr als 200 Tote hat der Everest inzwischen gefordert, und die meisten liegen noch immer dort, weil es zu viel Mühe macht, die Leichen wegzuschaffen.

Manchen Bergsteigern reicht die Herausforderung, einfach nur den Gipfel zu erreichen, nicht. So wurde der Berg von Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 ohne Sauerstoffflaschen bewältigt. Messner stieg zwei Jahre später sogar allein und auf einer neuen Route auf.

Hans Kammerlander fuhr 1996 mit Skiern vom Gipfel ab, 2001 folgte Stefan Gatt auf einem Snowboard. Und Erik Weihenmayer bestieg den Gipfel als erster Blinder. Und 2008 ließ es sich die chinesische Regierung nicht nehmen, sogar die olympische Fackel hinaufzuschaffen.

Doch sind alle diese Bergsteiger eigentlich wirklich auf dem höchsten Berg der Erde gewesen? Nicht unbedingt. Es hängt nämlich davon ab, von wo aus man die Höhe des Gipfels misst. Vom Meeresspiegel aus gemessen ist der Mount Everest der höchste Berg. Aber vom Erdmittelpunkt aus betrachtet sieht die Sache anders aus.

Denn die Erde ist keine runde Kugel, sondern an den Polen abgeflacht. Das bedeutet, dass der Erdradius am Äquator etwas größer ist als an den Polen. Misst man die Strecke zwischen dem Mittelpunkt des Planeten bis zum Gipfel der Berge, so wird der Mount Everest mit 6382 Kilometern vom Chimborazo in Ecuador (6384 Kilometer) um zwei Kilometer übertroffen! Damit hätte der südamerikanische Andengipfel den Titel zurück, den er so lange getragen hatte.

Wenn man von der umliegenden Erdoberfläche aus misst, gibt es sogar noch einen dritten Anwärter auf den Höhenrekord. Der Mauna Kea auf der Hawaii-Insel Big Island (Hawaii) ist vom Meeresspiegel aus gemessen lediglich 4214 Meter hoch.

Der erloschene Vulkan hat sich allerdings vom Meeresboden aus erhoben, so dass der Fuß des Berges sich eigentlich dort befindet. Dann hat der Mauna Kea eine Höhe von 10.205 Meter. Und damit schlägt er den Mount Everest natürlich um Längen.

Wer also den höchsten Berg der Welt besteigen möchte, kann eigentlich darauf verzichten, Eispickel und Sauerstoffflaschen einzupacken, um sich in die eisigen Höhen des Himalayas zu begeben. Vielmehr lässt sich der Aufstieg mit einem Urlaub auf den wunderbaren Inseln Hawaiis verbinden.

© sueddeutsche.de/gf
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