Erbgut Rätselhaftes Sprach-Gen

Unter den etwa 20 000 menschlichen Genen hat es eines zu besonderer Berühmtheit gebracht: FOXP2, etwas salopp auch als Sprach-Gen bezeichnet. An dessen Bedeutung und Entwicklung arbeiten sich Forscher seit Langem ab.

Von Katrin Blawat

Unter den etwa 20 000 menschlichen Genen hat es eines zu besonderer Berühmtheit gebracht: FOXP2, etwas salopp auch als Sprach-Gen bezeichnet. Es ist die bisher einzige Erbanlage, die sicher mit der Fähigkeit zu sprechen assoziiert ist. Zwar besitzen vermutlich alle Wirbeltiere dieses Gen. Doch nur im Menschen findet sich eine Variante, die sich in zwei Aminosäure-Bausteinen von der anderer Lebewesen unterscheidet. Menschen ohne diese spezielle Variante lernen nur sehr schwer sprechen. Auf den ersten Blick entsteht damit ein schlüssiges Bild: Während der Entwicklung des Menschen haben sich in FOXP2 zwei Aminosäuren verändert. Weil sich diese Mutationen vorteilhaft auswirkten, verbreitete sich die Variante des Gens im Rahmen einer positiven Selektion immer weiter, bis schließlich die Erde von quasselnden Zweibeinern besiedelt war.

Nun zeigt jedoch eine Studie im Fachmagazin Cell, was sich bereits angedeutet hatte: So einfach ist die Geschichte nicht. Eine Gruppe um Elizabeth Atkinson von der Stony Brook University in New York widerlegt die Theorie von einer positiven Selektion der menschlichen FOXP2-Variante vor vergleichsweise kurzer Zeit, also vor etwa 200 000 Jahren. Nicht in Frage stellen die Autoren jedoch die beiden typisch menschlichen Mutationen an sich sowie die Bedeutung des Gens für die Sprachentwicklung. Damit wird die Geschichte von FOXP2 komplizierter, als Forscher gedacht haben.

Anhand öffentlich verfügbarer Erbgut-Daten untersuchten Atkinson und ihre Kollegen das FOXP2-Gen in verschiedenen menschlichen Populationen, darunter zahlreiche aus Afrika. Auch DNA zweier Frühmenschen, des Neandertalers und des Denisova-Menschen, flossen in die Analyse ein. Dabei ergaben sich keine Hinweise darauf, dass sich die beiden Aminosäure-Mutationen erst im modernen Menschen durchgesetzt hätten, wie es Forscher aufgrund einer Studie von 2002 vermutet hatten. Die damaligen Autoren seien wohl durch ihre kleine und überwiegend europäische Stichprobe in die Irre geleitet worden, schreibt das Team um Atkinson.

Mäuse mit der menschlichen Genvariante lernen leichter und fiepen auf anderen Frequenzen

Neandertaler und Denisova-Menschen besaßen bereits die gleiche FOXP2-Variante wie der moderne Mensch. "Das Problem ist, dass wir nicht wissen, ob oder wie der Neandertaler gesprochen hat", sagt der Anthropologe Wolfgang Enard von der Uni München. Er war sowohl Erstautor jener Studie, die vor 16 Jahren die - inzwischen widerlegte - Theorie von der kürzlich erfolgten positiven Selektion aufgebracht hatte, als auch fünf Jahre später an der Untersuchung beteiligt, die die typisch menschliche Genvariante bereits bei den Frühmenschen nachwies.

Während also FOXP2 und die Aminosäure-Änderungen bedeutend für die Entwicklung der Sprache zu sein scheinen, sind die Details dieser Entwicklung wieder mehr ins Unscharfe gerutscht. Insbesondere der Zeitpunkt der Mutationen lässt sich derzeit nur sehr grob bestimmen: "Nach der Abspaltung vom Schimpansen und vor dem Neandertaler", sagt Enard.

Der Anthropologe und Genetiker hat auch versucht, das rätselhafte Sprachgen zu verstehen, indem er in Mäusen deren FOXP2-Variante durch die menschliche Version ersetzt hat. Die Nager verständigen sich mittels Ultraschalllauten, und diese fielen bei den gentechnisch veränderten Tieren anders aus als normalerweise. Die Laute der "humanisierten" Nager hatten niedrigere Frequenzen, außerdem lernten die Mäuse unter manchen Umständen leichter. Doch wie immer die Wissenschaftler es auch angehen: Eines der berühmtesten menschlichen Gene wird seine letzten Geheimnisse so schnell wohl nicht preisgeben.