Das philosophische Gespräch:Frauen mit Schuhtick

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Prunkschuh und Protzauto: Warum Frauen wie Männer auf Kaufen programmiert sind. Ein SZ-Wissen-Gespräch mit dem Philosophen Eckart Voland.

SZ-Wissen: Viele Freunde und Kollegen sind in letzter Zeit umgezogen, in unterschiedlich große Wohnungen - aber alle hatten dasselbe Problem: wohin mit den Schuhsammlungen ihrer Frauen?

Eckart Voland: Und die Frauen werden sich gefragt haben: wohin mit den Matchboxautos der Männer? Beide Seiten haben Neigungen, die man nicht mit Vernunft erklären kann. Viele Schuhe zu erwerben, wie das Sammeln überhaupt, zielt ja nicht auf praktischen Nutzen, sondern belohnt andere Interessen.

SZ-Wissen: Welche Interessen sollten das sein?

Eckart Voland: Die besonderen Stücke einer Sammlung machen stolz, steigern das Selbstbewusstsein. Ich denke, solche Phänomene kommen ursprünglich aus dem Bereich der Prestige-Akkumulation. Prestige macht ja sozial und sexuell attraktiv, aber Schuhe und Spielautos sind in dieser Hinsicht nicht mehr funktional. Sie haben sich verselbstständigt.

SZ-Wissen: Stimmt, dieses Anhäufen ist eher spleenig als sexy.

Eckart Voland: Dass sich Motivationslagen so verselbstständigen, gibt es aber in allen Lebensbereichen. Denken Sie nur an Erotomane, die unerreichbare Personen verehren. Solche Hinwendung ist völlig unfunktional. Oder die Körperpflege: Sie ist evolutionär plausibel, kann aber zum Kosmetikwahn werden, genauso wie das Einkaufen zur Verschwendung.

SZ-Wissen: Kaufen ohne Bedarf ist ein Zeichen von Kaufsucht. Die trickst das hirneigene Belohnungssystem ähnlich aus wie Drogen. Spielt das Belohnungssystem eine Rolle, weil ich eigentlich etwas evolutionär Überlebenswichtiges leiste, wenn ich Gebrauchsgüter ansammle?

Eckart Voland: Es spielt immer eine Rolle, ohne Belohnungssystem wären Sie zu nichts in der Lage. Die Frage ist nur, ob dieses System besondere Ausprägungen annehmen und eigenständige Motivationslagen hervorbringen kann - überflüssige Schuhkäufe etwa.

SZ-Wissen: Angeblich steigt die Kauflust, wenn noch ein anderer Kunde im Laden ist. Frauen kaufen Schuhe also nicht nur zum Spaß, sondern müssen es auch zeigen.

Eckart Voland: Weil es sonst keinen Spaß macht. Die Belohnung stellt sich nicht zuletzt durch den Vergleich zu anderen ein. Selbstbewusstsein speist sich schließlich ganz wesentlich durch die Betonung eines positiven Unterschieds zu den Mitmenschen.

SZ-Wissen: Aber später sieht die Schuhe nur noch der Mann, der die Umzugskisten packt.

Eckart Voland: Ich denke, das Kauferlebnis zählt: dass man den Preis zahlen kann - dadurch versichert man sich selbst seiner Position in der Hierarchie.

SZ-Wissen: In einem Grab reicher Frauen aus dem dritten Jahrhundert fanden Forscher in England fellverzierte Hirschledermodelle mit Korkabsätzen. Luxusschuhe stehen also nicht nur im Schrank, sondern auch in einer sehr langen Tradition - warum?

Eckart Voland: Schuhe gaben immer Auskunft über die Produktivität: Jemand, der hart arbeitet, trägt keine schicken Schuhe. Je unproduktiver und dennoch vermögend jemand ist, desto angesehener ist er. Das ist ein altes Prinzip der sozialen Organisation. Schuhe, die gesammelt werden, sind ja meist so unbequem, damit ließe sich gar nicht arbeiten.

SZ-Wissen: Manche Stöckel ließen sich aus Einkünften gewöhnlicher Arbeit auch nicht bezahlen. Sind Schuhe die Autos der Frauen?

Eckart Voland: Protzauto und Prunkschuh - das ist dasselbe Prinzip. Der Automarkt hat sich zwar geändert, aber kleine, vernünftige, sparsame Autos werden immer noch nicht gern gekauft.

SZ-Wissen: Außer Matchboxautos.

Eckart Voland: Ich sagte "vernünftige Autos".

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