Blockchain Wundermittel mit Nebenwirkung

Blockchain und Distributed Ledger begeistern viele. Noch aber gibt es zahlreiche ungelöste Fragen.

Von Moritz Schnorpfeil

Blockchain ist eines der großen Versprechen der digitalen Welt. Im Mai dieses Jahres erschien im Internetmagazin Wired ein Artikel mit "178 Problemen, die Blockchain lösen soll": darunter Krebs, Klimawandel und Fake News. Internetpionier Vinton Cerf nennt Blockchain gar das "Aspirin der Computerwelt" verbunden mit dem Appell, das so bitte nicht zu glauben. Kein Wunder also, dass Blockchain ein Megathema beim 6. Heidelberg Laureate Forum ist.

Aber was ist das überhaupt? Blockchain-Erklärer greifen gerne auf das Beispiel des digitalen Apfelhandels zurück. Physischer Apfelhandel ist einfach: Die Verkäuferin gibt dem Käufer einen Apfel. Der Apfel verlässt ihren Besitz, sie hat keine Kontrolle mehr darüber. Digitaler Apfelhandel dagegen ist kompliziert: Die Verkäuferin sendet dem Käufer das Foto eines Apfels, einen digitalen Apfel. Doch wie kann der wissen, dass sie den Apfel vorher nicht jemand anderem gesendet oder Kopien davon angefertigt hat? Computerwissenschaftler sprechen vom Double-Spending-Problem.

Eine Lösung des Problems: Banken. Sie protokollieren, wie viele digitale Äpfel die Verkäuferin hat. Sendet sie einen Apfel an einen Käufer, vermerkt die Bank das in ihren Büchern. Versucht die Verkäuferin später, den gleichen Apfel jemand anderem zu senden, wird der Betrug bemerkt. Die Lösung des Double-Spending-Problems war also die Einführung von Mittelsmännern.

Eine neue Lösung ist Blockchain. Das ist eine dezentrale, verteilte Datenbank, die nicht auf den Servern einer Bank gespeichert ist, sondern sich - das ist das Wesentliche - auf den Computern aller Netzwerkteilnehmer befindet. Versendet die Verkäuferin ihren digitalen Apfel, so sendet sie eine Nachricht an das gesamte Blockchain-Netzwerk. Spezialisierte Computer des Netzwerks sammeln im sogenannten Mining die so verkündeten Transaktionen in einem Block. Unter gegenseitiger Kontrolle überprüfen die Mining-Computer die Authentizität der Transaktion gegen eine Gebühr. Autorisierte Blöcke werden an die bereits bestehende Block-Kette - die Blockchain - angehängt. Die regelkonformen neuen Transaktionen werden wieder an das gesamte Netzwerk kommuniziert, befinden sich also wieder auf allen Computern des Netzwerks und sind somit quasi manipulationssicher.

Mit zwei Einschränkungen: Besitzt jemand mehr als 51 Prozent der Mining Power, kann er das System kontrollieren. Problem Nummer zwei: Der Inhalt einer sogenannten Wallet kann auch gestohlen werden, wie Cerf erläutert. "Dann ist zwar die Dokumentation der Transaktion noch vorhanden, doch der Inhalt ist weg."

Gearbeitet und experimentiert wird mit Blockchain dennoch. Felix Gerlach und Mathias Klenk etwa bauten im Silicon Valley eine App zum Tracken und Handeln von Kryptowährungen - die wohl bekannteste Blockchain-Anwendung. Dabei kamen sie in Konflikt mit den App-Standards von Apple, weil ihre Plattform nicht genügend Informationen über die Nutzer hat. "Danach haben wir uns noch viel mehr mit dem Thema Identität im Internet beschäftigt", sagen die Gründer. Jetzt arbeiten sie an einer Blockchain-basierten Anwendung, die es Nutzern erleichtern soll, sich online zu identifizieren.

Fast so etwas wie ein Allheilmittel ist Blockchain nach Ansicht von Mihai Alisie. "Blockchain kann im Grunde für alles verwendet werden, was von einem Mehr an Transparenz und Vertrauen profitiert", sagt Alisie. Er ist einer der Co-Gründer von Ethereum, nach Bitcoin die zweitgrößte Währung der Krypto-Welt. Ethereum ist aber nicht bloß digitale Währung, sondern auch Plattform für sogenannte Smart Contracts, selbstausführende Verträge, die in der Blockchain dezentral und transparent verwaltet werden. Alisies neuestes Projekt: Akasha, ein soziales Netzwerk auf Blockchain-Basis. Indem Nutzerbeiträge nicht mehr auf den Servern des Mittelsmanns Facebook verwaltet werden, sondern direkt in Akashas Blockchain gepostet werden, möchte Alisie die Macht der Facebook-Algorithmen brechen.

Ein Verfechter der Technologie ist natürlich Florian Glatz, Präsident des Blockchain-Bundesverbands. "Die Frage, in welchen Bereichen Blockchain verwendet werden kann, ist im Grunde die Frage danach, in welchen Bereichen das Internet verwendet werden kann", sagt er. Zwar befinden sich die meisten Anwendungen noch in der Prototypenphase. Doch die Technologie sei noch nicht mal zehn Jahre alt, auch das Internet habe Jahrzehnte gebraucht, um zur heutigen Verbreitung zu finden. Glatz fordert von der Politik eine innovationsoffene Regulierung.

So optimistisch sind nicht alle. Roman Matzutt forscht an der RWTH Aachen zu Blockchain - und auch zu Schwierigkeiten der Technologie. Wenn etwa illegale Bilddateien, zum Beispiel Kinderpornografie, in eine Blockchain hochgeladen werden, können diese nicht einfach wieder gelöscht werden. Man müsse deshalb Lösungen finden, um das Hochladen solcher Dokumente zu vermeiden. Auch benötigten die Mining-Computer sehr viel Energie für die Autorisierung der Inhalte, und die Anzahl der Transaktionen pro Sekunde sei beschränkt. Als größtes Hemmnis für die Verbreitung von Blockchain sieht Matzutt aber ihre Komplexität. Man müsse sich schon sehr intensiv damit beschäftigen, um die Technologie zu verstehen. "Mit Sicherheit ist so mancher Entscheider nicht genug informiert."

Ähnlich sieht das der Chef des Microsoft-Entwicklungslabors, Donald Kossmann. "Es gibt noch eine Menge technische Herausforderungen rund um Blockchain", sagt Kossmann. Und seine Skepsis reicht noch weiter: "Das Internet war auch eine Technologie, von der man sich ein verteiltes, demokratisches und viel transparenteres System erhoffte. Am Ende haben sich dennoch wenige große Player durchgesetzt."

Wer sich mit Blockchain-Experten - egal ob glühende Anhänger oder vorsichtige Beobachter - unterhält, der hört immer wieder ein Thema: In welcher Phase befindet sich die Technologie? Es gibt in der Betriebswirtschaft das Modell des Hype-Zyklus: Es beschreibt, wie technologische Neuerungen zunächst eine Menge Aufmerksamkeit erregen, wie der Hype zusammenbricht, und wie sich die Technologie schließlich langsam, aber geordnet weiterentwickelt. An dem Punkt befindet sich womöglich Blockchain, nach dem Kursverfall mancher Kryptowährung und der Enttäuschung darüber, dass es noch kaum ausgereifte Anwendungen gibt. Im Modell heißt diese Phase das "Tal der Enttäuschungen". Die nächste Phase im Modell: "Pfad der Erleuchtung".

In Heidelberg diskutierten am Dienstagnachmittag unter anderem Mihai Alisie, Roman Matzutt und Donald Kossmann.