Beschneidungs-Debatte Es geht um das Wohl der Kinder

Aber das Sorgerecht ist, anders als das der Religionsausübung, kein Freiheitsrecht der Eltern. Es ist ein treuhänderisches Mandat, es ist Pflicht mindestens so sehr wie Recht. Seine verbindliche Maßgabe ist deshalb das Wohl der Kinder, nicht die Autonomie der Eltern. Darüber "wacht", heißt es in Artikel 6 des Grundgesetzes, "die staatli-che Gemeinschaft". Das Elternrecht, sagt das Bundesverfassungsgericht, "ist wesentlich ein Recht im Interesse des Kindes". An dessen Wohl findet es daher seine zwingende Grenze.

Nun gehört die religiöse Erziehung nach den Vorstellungen der Eltern fraglos zu deren Sorgerecht. Aber die Beschneidung ist kein Akt der Erziehung, weder einer religiösen noch sonst irgendeiner. Sie ist das irreversible körperliche Mal der rituellen Integration in eine religiöse Gemeinschaft. Eine solche Integration auf Dauer zu sichern, liegt jenseits des Rechts der Eltern. Warum sollten sie zur Beglaubigung einer nicht dauerhaft erzwingbaren Zugehörigkeit dem kindlichen Körper ein unlöschbares Zeichen aufzwingen dürfen?

Man mag einwenden, wie die religiöse Erziehung so diene auch die rituelle Aufnahme in eine religiöse Gemeinschaft dem Kindeswohl. Und für Juden wie für Moslems werde diese Integration eben nur durch die Beschneidung möglich. Das dürfte freilich schon tatsächlich nicht stimmen. Zehntausende männlicher Juden weltweit, darunter zwei Prozent der israelischen Männer, sind unbeschnitten. Ihre Zahl wächst stetig. Die der unbeschnittenen Moslems dürfte weit in die Millionen gehen.

Vor einigen Monaten stand unter der Überschrift "Den Mythos Beschneidung herausfordernd" in der Jerusalem Post, dass "eine wachsende Zahl von Amerikanern, darunter viele amerikanische Juden, den Akt der männlichen Beschneidung in Frage stellt". Dutzende Vereinigungen mit dem Ziel der Abschaffung des Ritus sind in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit gegründet worden, zwei davon in Israel. Die Liste neuerer Streitschriften jüdischer Autoren gegen die Beschneidung ist lang.

Jude oder Moslem ist man nicht durch die Beschneidung

Schwerlich dürfte, das zeigen viele dokumentierte Äußerungen, irgendeinem von ihnen die Zugehörigkeit zum Judentum gerade wegen seiner intakten Vorhaut zweifelhaft sein. Und für unbeschnittene Moslems, deren Religion eine Beschneidungspflicht ohnehin nicht kennt, gilt das erst recht.

Nehmen wir trotzdem an, erst die Beschneidung mache einen Sohn jüdischer oder muslimischer Eltern zum vollwertigen Mitglied der jeweiligen Gemeinschaft. Dann lautet die Frage, ob der irreversible körperliche Eingriff als aufgezwungener Preis für die ihrerseits ja aufkündbare Integration nicht zu hoch ist und deshalb dem Kindeswohl zuwider läuft.

Das hängt vor allem vom Gewicht der Schädigung und der Gefahren ab, die mit dem Eingriff verbunden sind. Und hier muss freilich mit allem schuldigen Respekt, aber auch in der gebotenen Deutlichkeit gesagt werden, dass die landläufigen Versuche, Tiefe und Risiken dieses Eingriffs zu verharmlosen, ganz und gar unangemessen sind.

Ohne Anästhesie durchgeführt, ist die Beschneidung für das Neugeborene nicht nur schmerzhaft, sondern qualvoll. Seit mehr als zwanzig Jahren gibt es daran für die zuständige medizinische Forschung keinen Zweifel mehr. Auch fehlen dem Neugeborenen alle Möglichkeiten, den Schmerz im Wissen um dessen Vorübergehen zu relativieren.

Die große Mehrzahl der jüdischen Beschneidungen in Deutschland wird ohne Anästhesie durchgeführt. Denn in den Bund mit Gott, schreibt Paul Spiegel, der frühere Präsident des Zentralrats der Juden, in seinem Buch "Was ist koscher?", müsse man bei vollem Bewusstsein eintreten. Die Prozedur zieht substantielle neuronale Veränderungen nach sich. Sie schreiben die qualvolle Erinnerung dem Schmerzgedächtnis des Körpers ein. Nicht selten führen sie zu einer bleibenden Übersensibilität gegenüber Schmerzen.

Wer die Prozedur deshalb als "barbarisch" bezeichnet, löst gleichwohl regelmäßig helle Empörung aus. Das rührt daher, dass man zu ihrer Beurteilung die Sicht der wohlmeinenden Eltern einnimmt. Die moralisch gebotene Perspektive ist aber die des Kindes. Und in ihr darf der Vorgang so, ja kann er kaum anders genannt werden.

Nun könnte man natürlich eine ausreichende Anästhesie zur Voraussetzung jeder Beschneidung machen. Und mindestens das wird der Gesetzgeber, der in seinem wenig durchdachten "Entschließungsantrag" das Thema geflissentlich vermieden hat, zwingend fordern müssen, soll das avisierte Gesetz nicht offen verfassungswidrig sein.

Aber so leicht ist das nicht zu verwirklichen. In einem wissenschaftlichen Beitrag für die Zeitschrift Anaesthesia and Intensive Care haben zwei australische Anästhesisten im Mai dieses Jahres nicht nur die Praxis der betäubungslosen Beschneidung "inakzeptabel" genannt, sondern auch auf die großen Schwierigkeiten einer wirksamen Narkose hingewiesen.

Sicher für eine ausreichende Betäubung sei nur die Vollnarkose. Bei Neugeborenen schaffe diese freilich ein beträchtliches und für einen medizinisch nicht indizierten Eingriff daher unerlaubtes Todesrisiko. Hoffnungslos unzulänglich sei die verbreitete Anwendung lokalanästhetischer Cremes wie des "Lignocain-Prilocain"-Präparats "EMLA". Allenfalls mit bestimmten Techniken der vollständigen Nervenblockade im Penisbereich könne eine effiziente Teilnarkose gelingen. Sie sei nur von speziell ausgebildeten Anästhesisten zuverlässig zu handhaben.

Selbst dann bleibe in fünf bis zehn Prozent der Fälle eine ausreichende Narkosewirkung aus. Was das heißt, liegt auf der Hand: Vollständig lösen lässt sich das Problem überhaupt nicht. Auch weiterhin werden ein-zelne Neugeborene ihre Beschneidung , wie "fachgerecht" immer, als Qual erleben.