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Babysprache:Das Fäustchen dreimal auf und zu

Beides haben Kinder erst dann kapiert, wenn sie ihre universelle und beliebteste Zeigegeste anwenden, die keinesfalls trainiert werden muss: das Deuten. Deutet das Kind auf etwas, dann nimmt der aufmerksame Erwachsene darauf Bezug.

Die Zwergensprache orientiert sich vor allem an der amerikanischen Gebärdensprache.

(Foto: Foto: AFP)

Dass man sich gemeinsam auf etwas bezieht, ist für Ulf Liszkowski eine Art Startschuss für das Sprechen - unabdinglich für den sprachlichen Dialog. Und tatsächlich fügen Kinder nach einigen Monaten des Zeigens ihren Zeigegesten Worte bei. Autistische Kinder, die nicht kommunizieren mögen, verweigern auch als Babys die Zeigegesten.

In Deutschland versuchen vor allem zwei junge Mütter, aus dem zunehmenden elterlichen Interesse an jeglicher Art von Frühförderung Kapital zu schlagen: Neben Vivian König, die das Markenzeichen Zwergensprache gegründet hat, ist das die Pädagogin Wiebke Gericke mit der Marke babySignal.

Beide beziehen sich auf US-Psychologen, die in den 1980er Jahren - motiviert durch Erfolge mit der Gebärdensprache in Familien mit gehörlosen Mitgliedern - auch bei hörenden Babys und Eltern einfache Gebärden ausprobierten.

Die Zwergensprache orientiert sich vor allem an der amerikanischen Gebärdensprache. Demgegenüber basiert babySignal stärker auf Ideen der kalifornischen Entwicklungspsychologinnen Michelle Anthony und Reyna Lindert.

Die amerikanischen Psychologinnen Susan Goodwyn und Linda Acredolo haben versucht, Langzeiteffekte von Gebärdentraining zu erfassen. Vor acht Jahren erregten sie auf einem Kongress mit einem Bericht über günstige Auswirkungen auf den Intelligenzquotienten (IQ) zwar Aufsehen; aber die Ergebnisse sind bis heute nicht wissenschaftlich publiziert - was Zweifel an der Studie nährt. Auf diversen Internetseiten wird dennoch ein IQ-Plus vermarktet.

Die Faust hinter dem Kopf heißt "Oma"

Die Nürnberger Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Rose Riecke-Niklewski ist jedoch sicher: Eltern versäumen nichts, wenn sie mit ihrem Kind keine kuriose Gebärden einstudieren. Sie fürchtet sogar, dass das Gebärdenpauken im Extremfall Schaden anrichten kann.

"Rechte Hand auf Brusthöhe zur Faust, Daumen nach oben, Faust dreimal öffnen und schließen wie beim Melken." So geht zum Beispiel das Zwergenzeichen für "Milch".

Weit entfernt von der Realität sind auch Gebärden wie ein Dutt auf dem Hinterkopf als Geste für Oma oder ein Schnauzer als Symbol für den Opa. "Zeigen Sie Ihrem Kind das Zeichen für Milch immer bevor Sie es stillen oder ihm das Fläschchen geben", rät Vivian König. Und zwei Seiten weiter steht, was sonst noch zu beachten ist: "Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt. Benutzen Sie Ihre Mimik und übertreiben Sie dabei. Wiederholen Sie die Zeichen so oft wie möglich. Loben Sie Ihr Baby soviel es geht" und so weiter.

"Solange Eltern die Gesten rein spielerisch einsetzen, sehe ich keine Probleme", sagt Liszkowski. Doch mitunter setzten die Babyzeichenkurse Eltern und deren Babys auch unter Leistungsdruck.

"Nach acht Wochen Training noch keine Gebärde? Hat das Kind versagt? Oder die Mutter? Oder der Vater?", fragt Rose Riecke-Niklewski rhetorisch. Sie hält es für fragwürdig, dass Eltern notieren sollen, wann ihr Kind welche Gebärde das erste Mal richtig zustande gebracht hat. "Da wird ein hoher Erwartungsdruck erzeugt. Beim Kind können Versagensängste entstehen, und Eltern können in ihrer spontanen Interaktion nachhaltig gestört werden."