Archäologische Funde in Norddeutschland Weit mehr Funde als erwartet

Die übrigen Funde sind auf den ersten Blick weniger spektakulär. Verfärbungen des Bodens etwa sind Hinweise auf Gruben, Gräber oder Pfostenlöcher. Bevor die in diesen Befunden liegenden Funde geborgen werden, müssen sie dokumentiert, also beschrieben, gezeichnet, fotografiert und vermessen werden. Erst dann werden die Fundstücke entnommen. Die vielen Siedlungen und Gehöfte, die aufgrund der Pfosten erkannt wurden, reichen von der Bronzezeit bis ins Mittelalter. Zu den seltenen Entdeckungen zählt eine bronzezeitliche Siedlung mit vier Hausgrundrissen. In Gruben kühlten die Dorfbewohner damals unter anderem Getreide.

In Eydelstedt im Landkreis Diepholz fanden sich außer Gebäudepfosten Vorrats- und Abfallgruben, Feuerstellen und Massen von Keramikscherben, alles aus der Bronze- und Vorrömischen Eisenzeit. Einige Pfosten deuten auf Rutenberge, Erntestapel oder aufgebockte Speichergebäude. In Drentwede, ebenfalls bei Diepholz, wurden in einem in den Boden eingetieften Haus die Gewichte eines Webstuhls gefunden. Auch produzierte man hier Holzkohle. Auf weitreichende Handelsbeziehungen weisen zwei bunte Glasperlen in sogenannter Millefioritechnik aus offenbar römischer Produktion, die in der Wagenfelder Aue zu Tage kamen. Ein ganzes mittelalterliches Dorf mit fünf Wohnstallhäusern, Speichergebäuden, Brunnen und Grubenhäuser kam westlich von Bassum zum Vorschein. Auch auf die Äcker solcher mittelalterlicher Siedlungen, sogenannte Wölbackerfelder, wallartigen Ackerbeete, sind die Archäologen gestoßen.

Mehr als ein Dutzend Friedhöfe, jeweils mit bis zu 100 Bestattungen wurden im Trassenverlauf erfasst. Herausragend ist eine Gruppe von Gräbern der ausgehenden Jungsteinzeit, die südlich von Eydelstedt im Landkreis Diepholz angeschnitten wurde. Die Gräber enthielten vor allem Geräte aus Feuerstein, wie Beile und Messerklingen. Aus der Bronzezeit stammt eine Urne aus Abbenhausen mit Rasiermesser und Pinzette. Allein aus den Jahrhunderten nach Christi Geburt haben die Archäologen mehrere Friedhöfe mit Hunderten von Urnen ausgegraben. Die Toten auf den Brandgräberfeldern bei Syke hatte man verbrannt und ihre Knochen, Kleidungs- und Schmuckreste vergraben. Manche der Gräber waren reich ausgestattet mit Silbermünzen, Spielsteinen und Bronzegefäßen, in denen ursprünglich Wein serviert wurde.

Viele Fundstätten waren zuvor gar nicht bekannt

Die Menge an Funden überrascht selbst Archäologen wie Henning Haßmann. Gerade an solchen Stellen, wo zuvor kein Verdacht bestand, sei man immer wieder auf Relikte aus dem Altertum gestoßen. Mehr als 150 Fundstellen mit tausenden Artefakten sind aufgedeckt worden - nur ein Sechstel der Örtlichkeiten waren zuvor als Fundstätten bekannt. Auf zwei Dritteln der Strecke, so viel ist bislang ausgewertet, sind 127 Bodendenkmale mit Tausenden Befunden aufgedeckt worden - 96 Denkmale davon waren unbekannt. Verblüffend findet Haßmann, dass trotz der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung viele Fundorte überraschend gut erhalten waren. Gräber und Siedlungen lagen nicht selten fast unberührt direkt unter dem von Pflügen durchzogenen Erdboden.

Die Funde werden hundert Meter Regalfläche in Anspruch nehmen, die Grabungsdokumentation etliche weitere und zusätzlich viele Terabytes digitaler Daten, so Haßmann. "Wenn man sich vorstellt, dass wir von den 200 Kilometern der Nord-Süd-Ausdehnung Niedersachsens nur 36 Meter untersucht haben, dann bräuchten wir schon ganze Hochregallager für das, was da noch im Boden schlummert." Am liebsten wäre es Haßmann aber, das alles bliebe im Boden. Denkmale zu schützen ist ihm wichtiger als sie auszugraben.