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Archäologie:Die ersten Reiter der Welt

Lange Zeit jagten Menschen Pferde. Doch vor 5500 Jahren, viel früher als bislang gedacht, begannen sie, die Tiere zu züchten und auf ihnen zu reiten.

Tina Baier

Der Beginn der Pferdehaltung war eine Revolution für den Menschen. Plötzlich war es möglich, lange Strecken viel schneller als zuvor zu Fuß zurückzulegen. Das veränderte alles - von der Kommunikation über den Transport bis hin zur Kriegsführung.

Kasachstan heute: Eine Stute wird gemolken. Wie schon seit 5500 Jahren.

(Foto: Foto: Alan K. Outram/Science)

Doch obwohl das Pferd zu den am besten untersuchten Tieren gehört, ist noch unbekannt, wann und wo Menschen zum ersten Mal auf die Idee kamen, Pferde zu züchten und zu reiten, statt sie zu jagen und zu essen.

Ein internationales Team von Archäologen konnte nun zumindest nachweisen, dass dies mindestens 1000 Jahre eher passiert ist, als man bisher vermutet hat (Science, Bd.323, S.1332, 2009).

Demnach haben Menschen der Botai-Kultur im Norden des heutigen Kasachstan schon vor 5500 Jahren Pferde domestiziert - 2000 Jahre, bevor die ersten gezüchteten Pferde in Europa auftauchten. Die Wissenschaftler konnten dies aufgrund unterschiedlicher Untersuchungen zeigen, die alle das gleiche Ergebnis lieferten. Zunächst verglichen sie Pferdeknochen, die an vier verschiedenen Standorten gefunden worden waren.

Pferdeknochen für die Häuser

Allein in der Siedlung Botai, die der Kultur den Namen gegeben hat, hat man mehr als 300.000 Säugetierknochen ausgegraben, die meisten davon stammen von Pferden. Aus Mangel an Holz in der Steppe benutzten die Botai-Menschen die Knochen sogar zur Stabilisierung ihrer Häuser.

Archäozoologen können aus diesen Überresten Rückschlüsse auf das Aussehen der damaligen Tiere ziehen. Aus der Größe von Ober- und Unterschenkel-Knochen etwa lassen sich Schulterhöhe und Länge eines Tieres berechnen. Demnach waren die Botai-Pferde feingliedriger als ihre zur jener Zeit lebenden wilden Artgenossen und ähnelten bereits stark den domestizierten Pferden aus der späten Bronzezeit.

Als nächstes untersuchten die Wissenschaftler die Zähne der Pferde. Dabei entdeckten sie charakteristische Schäden, die entstehen, wenn Pferde ein Zaumzeug mit Gebiss tragen. "Das legt nahe, dass die Tiere auch geritten wurden", sagt Alan Outram von der University of Exeter, der die Studie geleitet hat.

Mit ziemlicher Sicherheit haben die ersten Pferdezüchter die Stuten gemolken, wie es heute noch in Kasachstan üblich ist. Die Pferdemilch wird zu Koumiss, einem leicht alkoholischen Getränk fermentiert. Möglicherweise stammt das Rezept aus der Botai-Zeit. Zumindest fanden die Archäologen in uralten Tongefäßen Spuren von Fetten, die nur in Pferdemilch vorkommen.

Vermutlich haben die Botai-Menschen die Pferde noch vor Kühen, Ziegen und Schafen domestiziert. Den abgehärteten Tieren machte Kälte nicht viel aus, und während andere Haustiere im Winter gefüttert werden mussten, suchten sich die Pferde ihr Futter zu jeder Jahreszeit selbst.

© SZ vom 06.03.2009/mcs
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