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Arbeitspsychologie:Auf den letzten Drücker

Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, heißt es. Aber wer wichtige Aufgaben vertagt, statt sie sofort zu erledigen, macht alles richtig - solange das Aufschieben nicht krankhaft wird.

Wenn es um seine Arbeit geht, versteht Joseph Ferrari keinen Spaß. Immer die gleichen Witze müsse er sich anhören, sagt er verärgert. Nein, wiederholen werde er sie jetzt nicht, das Thema eigne sich überhaupt nicht zum Spaßen. "Die Leute kapieren einfach nicht, dass ein Problem, unter dem jeder fünfte Erwachsene leidet, nicht lustig ist."

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Man muss nur früh genug die Kurve kriegen.

(Foto: Foto: istock)

Joseph Ferrari, Psychologe an der De- Paul University in Chicago, hat den Ernst der Lage erfasst. Seine Studienobjekte sind Menschen, die stundenlang die Wohnung aufräumen, statt sich an die längst fällige Steuererklärung zu setzen, Menschen, die die Toilette auf Hochglanz schrubben, um nicht über ihre Altersvorsorge nachdenken zu müssen und solche, die sich vor Jahren ein Sportprogramm vorgenommen, es aber nie begonnen haben. Ferrari forscht über all jene, die Unangenehmes und Mühsames stets auf den nächsten Tag verschieben. Oder den übernächsten. Oder den darauffolgenden.

Prokrastinieren sagt Ferrari dazu. Das heißt auf Lateinisch "vertagen". In dieser Disziplin haben es seine Probanden zur Meisterschaft gebracht. Sie lassen Dinge, die sie selbst als wichtig, aber unangenehm ansehen, so lange unerledigt, bis die letzte Frist verstrichen ist. Oder sie stürzen sich kurz vor knapp in die Arbeit, verzichten auf Essen und Schlaf, um in letzter Sekunde fertig zu werden.

Umfragen in Europa, den USA, Kanada, Peru und Chile ergaben, dass weltweit 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ein ernsthaftes Problem mit ihrer Aufschieberei haben. Überdurchschnittlich häufig sind Studenten betroffen, denn die wenig strukturierten Studienpläne und Abgabetermine, die selbst die Dozenten nicht ernst nehmen, machen sie besonders anfällig fürs Prokrastinieren.

95 Prozent der amerikanischen Studenten schieben zumindest hin und wieder wichtige Dinge vor sich her, schreibt der kanadische Psychologe Piers Steel. Bei etwa der Hälfte von ihnen habe sich das Prokrastinieren bereits zu einer behandlungsbedürftigen Arbeitsstörung entwickelt.

"Mindestens 70 Prozent aller Studenten, die mit Lern- und Leistungsstörungen zu uns kommen, leiden unter einem Aufschiebeproblem", sagt auch Hans-Werner Rückert, der die psychologische Studienberatung der FU Berlin leitet.

Nicht faul, sondern schlecht organisiert

Vehement verteidigt Ferrari die Aufschieber gegen den Vorwurf der Faulheit. Wer faul ist, nimmt sich gar nicht erst vor zu arbeiten und tut konsequenterweise auch nichts. Prokrastinierer dagegen wissen, dass sie etwas tun und wie sie es angehen müssten - nur an der Selbstorganisation und der Umsetzung ihrer Entscheidung hapert es.

Statt sich der eigentlichen Aufgabe anzunehmen, räumen sie auf, kochen, putzen, telefonieren oder schreiben E-Mails. Mehr als ein Drittel ihrer gesamten Tagesaktivitäten verwenden Studenten im Schnitt auf solche Ausweichtätigkeiten, hat Tim Pychyl von der Carleton University im kanadischen Ottawa festgestellt. Pychyl und Ferrari haben als Pioniere die "Procrastination Research Group" gegründet, die bis heute die weltweiten Experten des Aufschiebens vereint.

Immer wieder stoßen die Wissenschaftler in ihren Befragungen auf zwei verhängnisvolle Trugschlüsse, denen Prokrastinierer aufsitzen: den unerschütterlichen Glauben an die Selbstmotivation und an die beruhigende Aussicht auf morgen.

"Aufschieber haben eine genaue Vorstellung davon, was sie morgen alles schaffen können, wenn sie erst ausgeruht und vorbereitet sind", hat auch der Münsteraner Psychologe Fred Rist in vielen Gesprächen mit Studenten erfahren.

Falsch ist daran zweierlei: Die richtige Arbeitsstimmung kommt nicht vom Nachdenken oder Vorbereiten, sondern vom Handeln. Erst mal anfangen mit der ungeliebten Aufgabe, dann wird man sich zumindest irgendwann daran gewöhnen, lautet der Rat des Psychologen. "Außerdem überschätzen wir, was wir in einem begrenzten Zeitraum schaffen können", sagt Rist. Sein Tipp: weniger vornehmen, dafür mehr Ziele erreichen.