Anthropologie Kratzspuren und rituelle Entbeinungen

Vor 40.000 Jahren bekamen sie dann Besuch vom modernen Menschen, der einer weithin akzeptierten Hypothese zufolge aus Afrika zugewandert war. Der gemeinsame Aufenthalt der beiden Menschen-Arten in Europa währte jedoch relativ kurz. Spätestens 10.000 Jahre nach dem Auftritt des Homo sapiens war der Neandertaler wieder von der Bühne verschwunden.

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Sein Niedergang lag sicherlich nicht daran, dass der Neandertaler der primitive Wüstling war, als der er lange dargestellt wurde. Vielmehr war er dem modernen Menschen kulturell ebenbürtig. Ein Kunstverständnis hatte er ebenso entwickelt wie Speere und Keilmesser. Und körperlich war der bullige Kraftprotz dem Homo sapiens weit überlegen.

Der Neandertaler-Experte Ralf Schmitz vom Landesmuseum Bonn mag denn auch nicht so recht daran glauben, dass Homo sapiens seinen nächsten Verwandten in großem Stil gegessen hat. "Menschen zu jagen ist ja ein sehr gefährliches Unterfangen", sagt er. "Wenn man ein Rentier erlegt hat, zündet einem dessen Herde hinterher wenigstens nicht die Hütte an."

Die richtige Interpretation von Kratzspuren an Knochen sei zudem äußerst schwierig, sagen sowohl Schmitz als auch Michael Bolus von der Universität Tübingen. Niemand könne ausschließen, dass die Entbeinung eines Toten Teil einer rituellen Handlung gewesen sei. Schnittspuren auf Knochen sind bereits bei beiden Menschen-Arten gefunden worden - bislang allerdings immer zu Zeiten und an Orten, wo nur die eigene Sippe tätig gewesen sein konnte.

Katerina Harvati vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie findet Rozzis Sicht der Dinge nichtsdestotrotz "möglich" und "faszinierend". Allerdings sei es schwierig nachzuweisen, dass ein intensiver Wettstreit zwischen unseren Vorfahren und ihren nahen Verwandten häufig genug vorgekommen sei, um die Neandertaler auszurotten. Auch sei nicht zweifelsfrei nachgewiesen, dass der untersuchte Kieferknochen wirklich von einem Neandertalerkind stamme. "Es könnte auch einfach sein", sagt Harvati, "dass die Menschen in der Les-Rois-Höhle so archaisch waren, dass manche ihrer Eigenschaften an Neandertaler erinnern."