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Evolution der Pest:Schwarzes Erbgut

Die Pest entwickelte sich aus einem harmlosen Verwandten.

Christoph Behrens

Der Schwarze Tod erreichte Messina mit dem Schiff; um Europa zu entvölkern, brauchte er sechs Jahre. 25 Millionen Menschen, etwa jeden dritten Einwohner, raffte die Pest während des schlimmsten Ausbruchs im Abendland von 1347 bis 1353 dahin. In Florenz überlebte nur jeder Fünfte. Die hilflosen Menschen machten üble Gerüche verantwortlich, eine Strafe Gottes, oder Juden, die angeblich Brunnen vergiftet hätten.

Zwar weiß man seit einem Jahrhundert, dass der Rattenfloh die Bevölkerung mit dem Erreger Yersinia pestis infizierte. Über dieses Bakterium selbst rätseln Forscher aber auch heute noch, weil es eng mit dem harmloseren Keim Y. pseudotuberculosis verwandt ist, der bei Menschen meist nur Fieber und Durchfall auslöst. Drei Viertel der Gene stimmen bei beiden Bakterien zu mehr als 97 Prozent überein. Was also macht die Pest so tödlich?

Eine Gruppe Mikrobiologen um Jovanka Koo von der Northwestern University in Chicago vermutet nun im Fachmagazin PNAS (online), dass neben den genetischen Unterschieden kleine evolutionäre Veränderungen in sogenannten sRNA-Moleküle die Schwere der Infektion mitbestimmen. Diese Moleküle können die Aktivität einzelner Gene im Erbgut steuern.

Bei Analysen fanden die Forscher 150 verschiedene sRNAs im Ergbut aller Yersinia-Arten. Sechs dieser Moleküle seien dem Pest-Erreger aber abhanden gekommen, als er sich vor einigen tausend Jahren von seinem harmloseren Verwandten trennte. Dann löschten die Forscher gentechnisch einzelne sRNAs aus beiden Stämmen. Als sie Mäuse mit den veränderten Bakterien infizierten, zögerten sie so den Ausbruch und den Verlauf der Pest sowie den der milden Infektion hinaus. Die Befunde stützten die These, schreibt Koos Team, dass die unterschiedlichen sRNAs "in unterschiedlichen Krankheitsbildern resultieren können".

Unterdessen wiesen Forscher auf einem Friedhof in London nach, dass wirklich Yersinia pestis für die mittelalterliche Seuche verantwortlich war. Bis vor kurzem galten dafür auch Ebola-artige Viren oder Milzbrand als verdächtig. Ein Team um Verena Schünemann von der Universität Tübingen untersuchte mehr als 100 Knochenstückchen aus einem Londoner Massengrab, das während der Pestwelle 1348 eilig ausgehoben worden war (PNAS, online).

In allen Proben fanden sich Überreste eines charakteristischen Teils des Pest-Erbguts. In Toten, die man vor 1348 bestattet hatte, fehlten diese Überreste hingegen. Schünemann vermutet, dass dieser spezielle Pest-Stamm vom Londoner Friedhof mittlerweile ausgestorben ist. An heutigen Varianten der Pest erkranken laut WHO aber weiterhin jährlich rund 2000 Personen, die meisten davon im Kongo und auf Madagaskar.

© SZ vom 31.08.2011/mcs

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