Ärzte, Heilmittel und Rituale Medizin ist Show

Die moderne Heilkunde wirkt wie der Schamanismus nicht zuletzt dank ihrer Rituale - häufig gut, mitunter aber auch fatal.

Von Christina Berndt, Mitarbeit: Verena Pilger

(SZ vom 05.08.2003) - Abends, kurz vorm Dunkelwerden. Im Halbkreis sitzend, warten die Patienten gebannt auf ihren Heiler. Als er den Raum betritt, steigt die Spannung ins kaum Erträgliche an. Mit seinem bunten Gewand und seiner Krone verbreitet der Schamane eine geheimnisvolle Aura.

In einem exakt festgelegten Ritus bereitet er ein Rauchwerk aus allerlei Zweigen, Flechten und Moosen, durch dessen Qualm er fünf Minuten später in Trance fällt. Einen Patienten nach dem anderen behandelt er nun. Dabei beginnt er, unverständliches Zeug zu murmeln, zu schreien, sogar zu kreischen. Nur ein Bauernjunge, der als Vermittler dient, kann den Kranken diese Heilanweisungen übersetzen.

Morgens, 7 Uhr 10. Auf Tischen liegend, warten die Patienten aufgeregt auf ihre OP-Termine. Während sie in die Narkose sinken, bereitet sich der Chirurg auf seinen großen Auftritt vor. Mit seinem grünen Kittel und seiner weißen Haube verbreitet er eine geheimnisvolle Aura. In einem exakt festgelegten Ritus wäscht er sich die Hände, lässt sich den Kittel zuschnüren und die Handschuhe anziehen.

Dann behandelt er einen Patienten nach dem anderen. Als die Kranken aus der Narkose erwacht sind, beginnt er, unverständliches Zeug zu reden. Nur mit Hilfe eines Lexikons können die Patienten die Heilanweisungen verstehen.

Glaube kann Berge versetzen

Es gibt Antibiotika, die Bakterien töten. Es gibt Nägel, die Knochen zusammenhalten, und es gibt Hormone, die die Arbeit schwacher Schilddrüsen übernehmen. Antibiotika, Nägel und Hormone erfüllen bei jedem ihre Aufgabe. Sie wirken recht unabhängig von Ort und Zeit - und auch unabhängig davon, ob ein Arzt Hoffnung macht oder Ehrfurcht verbreitet. Mit Hokuspokus haben sie nichts zu tun.

Ein Großteil jeder Medizin aber ist Show. Das gilt auch für die westliche Heilkunde. Glaube kann Berge versetzen. Hoffnung kann Schmerzen lindern. Verheißung kann heilen. Das ärztliche Ritual ist dabei ein wichtiger Bestandteil.

"Die Akzeptanz und die Bewunderung, welche die moderne Medizin hervorruft, beruht nicht allein auf ihren zweifelsohne eindrücklichen Leistungen, sondern ebenso - wenn nicht sogar vorrangig - auf den rituellen und ritualisierten Darstellungen ihrer Autorität und Kompetenz", sagen Andréa Belliger und David Krieger vom Institut für Kommunikation und Kultur der Universität Luzern.

Daran hat sich nicht einmal etwas geändert, seit Ingenieure und Maschinenbauer zu den Adlaten des ärztlichen Könnens aufgestiegen sind. Im Gegenteil, die Apparatemedizin ist selbst zum Fetisch der vermeintlich wissenschaftlichen Heilkunde des Westens geworden.

Im Technologiezeitalter wirkt sie sogar noch besser als der Ratschlag des Herrn in Weiß allein, dessen Insignien die Form von Stethoskop und Kittel angenommen haben.

Zuwendung als Wundermittel

Zuwendung ist eines der Wundermittel, das auch heutige Heiler noch nutzen können. Und es wirkt umso besser, je mehr moderner Zauber ihm beigemengt ist. Viele Praxen wagen es kaum, das Röntgen zu unterlassen, weil der Kranke sonst meint, es sei nicht genug für ihn getan worden.

Von der "Droge Arzt" sprach der aus Ungarn stammende Psychoanalytiker und Biochemiker Michael Balint schon 1957: "Das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel ist der Arzt selber." Umso mehr bedauerte Balint, dass es "für dieses hochwichtige Medikament noch keinerlei Pharmakologie gab". "In keinem Lehrbuch steht etwas über die Dosierung, in welcher der Arzt sich selbst verschreiben soll."

Balints Überlegungen haben an Aktualität nichts verloren. Heute diskutieren Ärzte, inwieweit sie sich selbst, aber auch ihre bunten Pillen mit den kaum auszusprechenden Zauberformeln und ihren chromblitzenden Gerätepark besser nutzen können.

"Die Rituale könnten noch stärker zelebriert werden", sagte der Münchner Medizinpsychologe Ernst Pöppel vor kurzem auf einem Kongress über "Medizin im Kontext der Kulturen". Und der medizinische Anthropologe Daniel Moerman von der Universität Michigan plädiert gar dafür, den Zauber des Ärztlichen gezielt einzusetzen: Er sei "von großem Wert für die Kranken und die Lahmen", schreibt Moerman in seinem neuesten Buch (1).

Der Placebo-Effekt

Das klassische Beispiel für die Bedeutung des Hokuspokus in der modernen Medizin ist der Placebo-Effekt, der inzwischen eingehend untersucht ist. "Diese Tablette wird Ihnen gewiss helfen!" - Wenn ein Arzt seinem Patienten das verspricht, behält er oft Recht. Sogar dann, wenn in der Tablette nichts anderes als Traubenzucker enthalten ist.

Bei 25 bis 40 Prozent aller Patienten wirken solche Pillen ohne Inhaltsstoff. Sie bekämpfen erfolgreich Hautausschlag, Magenweh und Geschwüre und tragen sogar gegen Infektionskrankheiten den Sieg davon.

Dabei wirken rote Scheinmedikamente besser als weiße, größere Pillen besser als kleinere, drei Tabletten besser als zwei. Noch besser aber helfen Kapseln oder gar Spritzen. Und selbst Klinik-Hierarchien spielen eine Rolle: Placebos, die der Chefarzt verabreicht, haben deutlich größeren Erfolg als die von der Krankenschwester.

Placebos sind aber nicht mehr nur Tabletten. Längst haben Mediziner erkannt, dass sie auch mit einem freundlichen Gespräch, sinnlosen Aufnahmen im Kernspintomographen oder gar Schein-Operationen, bei denen nur die Haut aufgeritzt und wieder zugenäht wird, erstaunliche Erfolge haben. Daniel Moerman plädiert deshalb dafür, nicht mehr vom Placebo-Effekt zu reden, sondern von der "Meaning Response".

Das heißt so viel wie: "Die Reaktion auf Bedeutung". Und diese Reaktion des Patienten kann sowohl psychischer wie auch körperlicher Natur sein. Dabei entfaltet das ärztliche Brimborium seine Bedeutung über noch unverstandene Mechanismen.

Die bisher nicht lokalisierte "Seele" spielt dabei ebenso eine Rolle wie das Nerven- und das Immunsystem. Es ist vor allem die relativ junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie, die zu entschlüsseln versucht, wie aus dem dinglichen Nichts eine körperliche Reaktion entsteht.

Suggestionskraft sinnvoll einsetzen

Die geheimnisvolle griechisch-lateinische Fachsprache, das Blutdruckmessgerät, ein aufmunterndes Lächeln: Ihre Suggestionskraft sinnvoll einzusetzen, haben viele heutige Ärzte verlernt.

"Junge Medizinstudenten mit gutem Einfühlungsvermögen werden so lange an Apparaten geschult, bis sie dem Patienten verständnislos gegenüberstehen", moniert der Systemkritiker Ellis Huber, früher Präsident der Berliner Ärztekammer. Dabei bündele der Arzt schon von allein "alle Über-Ich-Normen": "Er erinnert uns an unsere Nachlässigkeiten und Sünden, wie früher der Pfarrer", sagt Huber.

Indem Mediziner vom Kranken Gehorsam einfordern, bieten sie ihm zugleich Sicherheit in seiner bedrohlichen Situation. Schließlich wirft Krankheit meist ein Gefühl von Kontrollverlust auf.

"Für den Heilungsprozess ist es in fast allen Kulturen ganz wesentlich, die Kontrolle zurückzugewinnen. Denn die meisten Menschen fühlen sich der Krankheit hilflos ausgeliefert", erklärt Norbert Kohnen, Internist und Ethnologe an den Universitäten Düsseldorf und München.

Das Gefühl, Kontrolle zu haben, erlangen die Patienten in anderen Kulturen beispielsweise durch Schutz-Amulette zurück. "Bei uns können es akribische Vorschriften sein, wie und wann man seine Tabletten nehmen soll", sagt Kohnen. "Wenn ein Arzt seinem Patienten kleine Aufgaben gibt, die dieser erfüllen kann, hat der Kranke das Gefühl, die Welt wieder im Griff zu haben."

So wie der Glaube an das Amulett für dessen Wirkung unabdingbar ist, so kann auch die moderne Schulmedizin nicht ohne das Vertrauen des Patienten existieren. Und Rituale schaffen Vertrauen - der weiße Kittel ebenso wie das Wechseln vom Sprechzimmer ins Untersuchungszimmer oder das Ausleuchten des Rachens.

"Das Ritual ist eine Urform der sozialen Kommunikation", sagt die Kulturwissenschaftlerin Belliger. "Es hat in der Menschheitsgeschichte seit jeher dazu gedient, Identität zu vermitteln, Konflikte zu lösen und Lebenskrisen wie Krankheit und Tod zu bewältigen."

Rituale können aber auch gefährlich werden. Dafür ist die ritualisierte Ferntötung im Voodoo nur ein besonders Aufsehen erregendes Beispiel. Gefahr droht gleichfalls durch die Medizin-Riten der neueren Zeit. Schon Michael Balint wollte, als er seine "Pharmakologie der ,Droge Arzt'" entwarf, auch etwas über deren Nebenwirkungen herausfinden.

Weil Placebos wirken, können sie auch Unerwünschtes hervorrufen. Mundtrockenheit, Schwindel und Sehstörungen gehören zu ihren häufigsten Komplikationen. Da überrascht es wenig, dass stärkere Riten mitunter fatal ausgehen können - zum Beispiel die Visite, "ein typisches Beispiel für die Repräsentation von Allmacht", wie Norbert Kohnen sagt.

So tat die Hälfte der Herzpatienten in einer US-Klinik, die gerade auf dem Weg der Besserung waren und an einem unerklärlichen plötzlichen Herztod starben, gerade zum Zeitpunkt der Visite ihren letzten Atemzug.

"Der zeremonielle Ablauf mit Massenaufgebot an weiß Bemäntelten und ihrem Nimbus eines zelebrierten Sakralaktes scheinen den gleichen Effekt auf die Psyche des Patienten auszuüben wie die rituelle Handlung eines Zauberers auf die Psyche eines Stammesmitglieds", schlussfolgert der Züricher Psychotherapeut Gary Bruno Schmid, der sich mit dem Phänomen des Todes durch Vorstellungskraft auseinander gesetzt hat.

Unbedachter Einsatz schädlicher Rituale

Auch Ellis Huber beklagt den unbedachten Einsatz mitunter schädlicher Rituale: Als Beispiel nennt er das Mammographie-Screening, das Brustkrebs frühzeitig erkennen soll. Es helfe aber nur einem Bruchteil der Frauen, so Huber, und löse bei zahlreichen weiteren auf Grund von Fehldiagnosen unnötig Angst aus.

"Manche technischen Massenuntersuchungen haben eher den Charakter eines modernen Exorzismusrituals", sagt er. Nach dem Motto: Krebs ist böse. Und das Böse muss gebannt werden.

"Ärzte müssen sich immer ihrer Suggestionskraft bewusst sein", betont der Münchner Internist Josef Hummelsberger. Sie sollten herausfinden, mit welchen Handlungen sie den Heilungsprozess fördern oder behindern. Denn ein Arzt, der bei seinen Patienten keinen günstigen Placebo-Effekt auslöst, sollte lieber Pathologe werden. Dabei, unterstreicht auch Daniel Moerman, ist es mitunter so einfach, das Beste aus seinem Patienten herauszulocken: "Es wird Ihnen bald wieder gut gehen, Herr Schmidt! Ganz sicher."

(1) Meaning, Medicine and the Placebo Effect, Cambridge University Press