Abtreibung Im Zweifel allein

Als Johanna Ziegler um eine Entscheidung ringt, da kennt sie Renate Brünig noch nicht. Sie ist in der 23. Schwangerschaftswoche, und ihr Sohn könnte jetzt theoretisch schon im Brutkasten überleben. Sie weiß das, aber sie weiß nicht, was es bedeutet.

Ihre Gynäkologin erspart ihr quälende Details, und als eine Ärztin in der Klinik zu ihr sagt, sie soll doch nach dem Abbruch ihr Kind in den Arm nehmen, erschrickt sie. Sie ist darauf nicht vorbereitet, lehnt ab, die Ärztin wird ruppig: "Kann sein, dass er dann quakt, wenn wir ihn raustragen."

Johanna Ziegler ist jetzt entsetzt, denn das heißt mit anderen Worten, dass ihr Kind womöglich die Abtreibung überlebt und nicht nur krank, sondern auch viel zu früh zur Welt kommt - und versorgt werden muss. Eine Frühchenstation aber gibt es im Haus nicht, und was dann passiert, steht jetzt im Raum.

Es hätte, vorsichtig ausgedrückt, bessere Kliniken für diesen Abbruch gegeben. Dort bereiten hochmotivierte Notfallteams Frauen nicht nur sorgsam auf den Abschied vor, sondern bieten auch eine PDA an, also lokale Betäubung. Ist das Kind schon lebensfähig, wird ein Fetozid vorgenommen, also Kalium ins Herz des Babys injiziert.

Oft weinen die Frauen dabei sehr, und auch für die Ärzte ist das nicht einfach. Der Eingriff aber verhindert Schlimmeres: dass das Kind schwerbeschädigt überlebt. Lehnen Ärzte ihn ab, wie das in kirchlichen Häusern und auch in Bayern oft der Fall ist, begeben die Frauen sich in Hände, die das Problem unauffälliger lösen. Das kostet oft Zeit - und ist nicht schonender.

Bei Johanna Ziegler dauert der Abbruch mehr als fünf Tage und tut so weh, dass sie irgendwann nur noch brüllt. Erst gibt man ihr eine Tablette und schickt sie heim, "ich sollte ganz normal weiterleben". Als Wehen einsetzen, geht sie in die Klinik, ihr Freund kommt mit und bleibt dann weg, wichtige Termine bei der Arbeit.

Zwei Tage Kampf, dann Stille

Sie kriegt jetzt mehr Wehen- und Schmerzmittel, schlottert, übergibt sich, heult, ihr Kind tritt nach ihr. Zwei Tage tobt der Kampf, "es hat sehr lange gedauert, bis wir uns getrennt haben", dann wird es still in ihr, der Sauerstoff wird im Bauch jetzt knapp. Als das Kind tot ist und sie es freigibt, schaut sie nicht hin. "Meine größte Angst war, dass ich ihn dann nicht mehr hergeben kann."

Sie weiß nicht, dass sie in diesem Moment fast den Fehler ihres Lebens begeht, verkriecht sich in einem Krankenbett, fühlt sich leer und glaubt, nicht mal ein Recht auf Trauer zu haben. Einen Tag hält sie das durch, dann treibt die Sehnsucht sie zu ihrem Sohn.

Sie hält ihn dann über zwei Stunden im Arm, sieht das Gesicht, die Finger, "für mich war er nur perfekt". Ihr Freund weist vorsichtig auf das hin, was sie nicht sieht: das Loch am Rücken und die verwachsenen Füße. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, reißt sie sich los. "Das war gut dann", sagt sie. "Einfach so Abschied."

Drei Monate nach dem Abbruch, Anruf bei Johanna Ziegler, sie kommt gerade aus einem Urlaub mit ihrem Freund. Bevor sie losfuhr, hat sie erzählt, dass sie jetzt nicht mehr sterben will wie damals, als sie heimkam, sondern wieder im Leben andockt.

Sie hat die Babysachen in eine Kiste gepackt und "Engelchen" draufgeschrieben. Vielleicht kann ein zweites Kind mal tragen, was das erste nie gebraucht hat. Vielleicht, vielleicht nicht, damals klingt das so, als stünde die Zukunft einen Spalt offen.

Jetzt aber klingt ihre Stimme dünn, ihr Freund ist weg, er will Abstand, für viele Wochen. Vielleicht werden sie sich erst im Herbst wiedersehen, wenn ihr Sohn begraben wird. Es gibt da eine Wiese auf einem alten Friedhof, auf dem alle paar Monate Frühgeburten bestattet werden. Dort liegen Stofftiere und kleine Briefe, und in der Mitte ist ein Stein mit Namen drauf. Mateo, soll da bald stehen, das heißt: von Gott gegeben. So hat Johanna Ziegler ihren Sohn genannt.