Interview mit Linde-Chef Wolfgang Reitzle "Was in Fukushima passiert ist, kann hier nicht passieren"

Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist einer der erfolgreichsten deutschen Industriemanager. Ein Gespräch über die Haltung der Bundesregierung in der Energiepolitik, Tabuthemen - und die Frage, ob sich die Wirtschaft mit Schröder oder mit Merkel leichter tut.

Interview: K.-H. Büschemann und H.-J. Jakobs

In der Vorstandetage von Linde grüßt ein rotes "Don't worry", ein Lichtobjekt von Martin Creed. Auffällig viel Kunst hängt hier, großformatige Fotos von Candida Höfer zum Beispiel oder ein Bild des Skulpteurs Richard Serra. Der Hausherr schätzt diese Werke. Vorstandschef Wolfgang Reitzle, 62, will an diesem Tag nicht über seine Linde AG reden, sondern über Politik. Da kann er energisch werden. Irgendwann im Gespräch malt er ein Bild mit einem großen Kringel: Deutschland als Insel, abgeschottet gegen das, was draußen passiert. So dürfe es nicht sein, findet Reitzle.

Linde-Chef Wolfgang Reitzle: "Hauruck-Schritte sind bei so einem wichtigen Thema nicht zielführend."

(Foto: Stephan Rumpf)

SZ: Herr Reitzle, wie finden Sie den Satz: "Es gibt keine rechte oder linke, es gibt nur gute oder schlechte Wirtschaftspolitik?"

Wolfgang Reitzle: Den kann ich unterschreiben. Ich kenne ihn vom früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder.

SZ: Täuscht der Eindruck, dass das Verhältnis der deutschen Unternehmenschefs zum früheren SPD-Regierungschef besser war, als es die Beziehung zur heutigen Kanzlerin Angela Merkel ist?

Reitzle: Schröder war sehr aufgeschlossen für Wirtschaftsfragen. Ich habe ihn relativ häufig getroffen. Auch die Kanzlerin sehe ich regelmäßig, das letzte Mal Ende des Jahres im kleinen Kreis. Bei Frau Merkel hängt die Enge des Kontakts von den Themen ab, die sie gerade beschäftigen. Manche meiner Kollegen treffen Frau Merkel wahrscheinlich häufiger als ich. Unser Unternehmen steht aber auch nicht so im Blickpunkt.

SZ: Tut man sich als Manager mit einem Kanzler leichter, wenn man mit ihm mal eine Zigarre rauchen und ein Glas Rotwein trinken kann?

Reitzle: Ich rauche zwar keine Zigarren, aber natürlich spielt manchmal auch die Atmosphäre eine Rolle. Jeder hat da seinen eigenen Stil.

SZ: Union und FDP gelten traditionell als wirtschaftsfreundlich. Wie zufrieden sind Sie mit der Wirtschaftspolitik von Frau Merkel?

Reitzle: Wenn die Energiepolitik zur Wirtschaftspolitik zählt, kann man damit derzeit nicht zufrieden sein. Bei einem so wichtigen Thema handelt die Regierung eher ideologisch als faktenbasiert.

SZ: Was stört Sie an der Energiepolitik der Bundesregierung? Sie wollte rasch auf die Atom-Katastrophe in Japan reagieren.

Reitzle: Wenn ein Land die Atomenergie in Frage stellen sollte, dann doch wohl Japan und nicht Deutschland. Bei uns wird der schnelle Ausstieg aus der Kernenergie unter dem Eindruck des Unglücks von Fukushima entschieden.

SZ: Die Kernenergie ist nicht allein das Problem von Japan.

Reitzle: Richtig. Aber eines muss uns allen klar sein: Mit dem sich jetzt abzeichnenden schnellen Ausstieg werden der Preis für Strom und der Ausstoß von Kohlendioxid in Deutschland steigen. Es ist unrealistisch, die Atomenergie in wenigen Jahren durch regenerative Energie ersetzen zu wollen. Die Kernenergie ist die preisgünstigste Energie, selbst wenn im Preis von Atomstrom nicht alle Kosten berücksichtigt sind. Zudem ist sie umweltfreundlich, weil sie CO2-frei ist.

SZ: Von den Risiken reden Sie nicht.

Reitzle: Doch, und deshalb bin ich dafür, noch mehr in die Sicherheit von Kernkraftwerken zu investieren. Sie sollten so sicher sein, dass überhaupt kein Störfall mehr denkbar ist. Selbst dann wäre der Atomstrom immer noch billiger als der Strom aus Kohle oder anderen Energieträgern.

SZ: Auch ein wichtiger Industriemanager muss akzeptieren: Die Menschen wollen Kernenergie nicht mehr.

Reitzle: Dies ist in erster Linie ein deutsches Phänomen. Dabei muss man doch sachlich feststellen: Was in Fukushima passiert ist, kann hier nicht passieren. Trotzdem gibt es bei uns eine auf dieses Ereignis bezogene, emotional geleitete Entscheidung. Die Folgen für die Industrie wurden nicht bedacht. Mir fehlt in der Debatte eine fundierte Analyse, mir fehlt die Gesamtschau auf die Folgen dieses Schwenks und mir fehlt ein Gesamtkonzept, das alle Einflussfaktoren berücksichtigt. Hauruck-Schritte sind bei so einem wichtigen Thema nicht zielführend. Wenn der Strompreis zu hoch wird, besteht die Gefahr, dass Unternehmen abwandern.

SZ: Fukushima ist wohl ein Anlass, die Atomenergie zu überdenken. Warum drohen Sie gleich mit Abwanderung?

Reitzle: Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich halte ein Moratorium für absolut richtig. Die Risiken müssen neu geprüft, und es muss analysiert werden, was wir aus Fukushima lernen können. Aber warum gleich abschalten und dann den Atomstrom aus Tschechien oder Frankreich importieren? Ist damit das Risiko für uns gebannt? Wenn schon Ausstieg, dann brauchen wir eine europaweit abgestimmte Regelung, keinen deutschen Alleingang.

SZ: Noch einmal: Wieso glauben Sie, dass Industrien dieses Land verlassen?

Reitzle: Eine sichere, verlässliche und bezahlbare Energieversorgung ist die Voraussetzung, um als Industriestandort nachhaltig erfolgreich zu bleiben. Wenn wir den Strompreis über ein bestimmtes Niveau nach oben treiben, beeinträchtigen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit. Das gilt besonders für die chemische Industrie. Die derzeitige Energiepolitik lässt den nötigen Weitblick vermissen.