Wolfgang Grupp:Der Hexer von der Schwäbischen Alb

Lesezeit: 8 min

Er hat kein Chefbüro, keine Schulden und keine Abwanderungsabsichten. Warum "der König von Burladingen" trotz Globalisierung erfolgreich ist.

Von Dagmar Deckstein

Der erste Hinweis auf des Rätsels Lösung findet sich schon hinter der Eingangstür zur Firmenzentrale. Statt der obligatorischen Empfangsdame hinterm Tresen, die Besucher mal zackig, mal zuckersüß abfertigt, grüßt ein Pappschimpanse von der Wand.

Wolfgang Grupp: "Probleme sind nicht zum Beklagen da, sondern zum Lösen": Wolfgang Grupp

"Probleme sind nicht zum Beklagen da, sondern zum Lösen": Wolfgang Grupp

(Foto: Foto: dpa)

Eben jener aus der vielfach belächelten Fernseh-Werbung: "Hallo Fans, Trigema ist Deutschlands größter T-Shirt- und Tennis-Bekleidungs-Hersteller, Trigema produziert mit über 1200 Mitarbeitern nur in Deutschland. Was sagt der Inhaber, Herr Grupp, dazu?" Davor ein weißes Telefon und ein Schild: "Besucher bitte Hörer abnehmen." Kaum ist der am Ohr, bittet eine freundliche Frauenstimme, sich in die zweite Etage zu verfügen.

Auf dem Weg dorthin macht man schon mal Bekanntschaft mit dem Herrn des Hauses, Wolfgang Grupp. Im schmalen Treppenaufgang prangen drei ovale, goldgerahmte Fotos, die aufs Anschaulichste demonstrieren, warum der Trikotagen-Fabrikant auch "König von Burladingen" genannt wird.

Festgehalten sind drei Auftritte einer wahrhaft königlich herausgeputzten Cheffamilie zum 90. Firmenjubiläum 1999, zu Grupps 60. Geburtstag 2002 und bei der Hochzeit anno 1988, als Wolfgang Grupp die Baroness Elisabeth von Holleufer aus der Steiermark zur Frau nahm.

In seinem Gepränge könnte es das Paar in der schwarzen Pferdekutsche mit jedem Hochzeits-Duo aus echtem Königshaus aufnehmen. Der in vieler Hinsicht etwas andere Unternehmer Wolfgang Grupp wird später auch erklären, warum er seinen Wohlstand offensiv und auf vollkommen unschwäbische Art zur Schau stellt.

Pompös und mondän

Zumindest steht der Pomp im Treppenhaus im Widerspruch zum spartanischen Empfangsambiente, das auf eine äußerst schlanke Verwaltung schließen lässt. Noch ist das Rätsel jedenfalls nicht gelöst, wie es ein Textilunternehmer schafft, ausschließlich in Deutschland zu produzieren.

In einer Problembranche also, in der inzwischen jeder für verrückt erklärt wird, der nicht den Großteil der Zuschneide- und Näharbeit längst in die Türkei, nach Rumänien oder sser noch nach China ausgelagert hat. Trigema aber fertigt seit eh und je T-Shirts, Tennisbekleidung, Trainingsanzüge, Unterhosen oder Bademäntel in Deutschland. 1200 Menschen beschäftigt Wolfgang Grupp an drei Standorten im Zollernalbkreis auf der schwäbischen Alb, in Burladingen, Alzhausen und Rangendingen.

Aber der Wirtschaftspatriarch setzt noch eins drauf: seit mehr als 30 Jahren hat er nie jemanden aus betriebswirtschaftlichen Gründen entlassen, nie Kurzarbeit angeordnet, und obendrein gibt er seinen Mitarbeitern die abenteuerlich klingende Garantie, dass jedes ihrer Kinder einen Job bei Trigema erhält.

Was sich in den Ohren vieler seiner Mitunternehmer eher wie ein Zuschussgeschäft anhört, ist aber eine profitable Angelegenheit: 80 Millionen Euro hat Trigema 2003 umgesetzt, und die Umsatzrendite beträgt nicht unter zehn Prozent, wie Grupp versichert.

Seit 1975 schuldenfrei

Dazu kommen weitere Absonderlichkeiten, von denen Wirtschaftsführer im angeblich gnadenlosen globalen Wettbewerb nicht einmal zu träumen wagen. So ist die Firma seit 1975, sechs Jahre, nachdem sie Grupp vom Vater übernahm und vor der nahenden Pleite rettete, absolut schuldenfrei.

Die Eigenkapitalquote beträgt 100 Prozent, wobei Unternehmen schon als solide finanziert gelten, wenn sie eine solche von 30 Prozent aufweisen. Mit anderen Worten: Banken können an Trigema schon lange nichts mehr verdienen.

Wenn Grupp wenigstens die Stoffe für seine Kollektionen fertig aus China beziehen würde, sich in Burladingen auf Design und Marketing beschränkte. Aber nichts dergleichen. In den Werkshallen stehen 36 Großrundstrickmaschinen - hergestellt von der Firma Mayer im benachbarten Tailfingen -, die in drei Schichten rund um die Uhr täglich fünf Tonnen Baumwolljersey, Feinripp, Doppelripp ausspucken.

Das Garn stammt selbstredend zum größten Teil aus deutschen Spinnereien. Auch gefärbt, gebleicht, bedruckt, bestickt, zugeschnitten und genäht wird alles an Ort und Stelle, zwischen 20000 und 40000 Teile am Tag verlassen die Werkhallen.

So wie auch diese dunkelblauen Sweatshirts mit dem eingestichelten roten Schriftzug "Feuerwehr Marl", die sich vor den Stickmaschinen stapeln. Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ihre Produktion inzwischen zu 90 Prozent ins Ausland verlagert hat, ist das alles nahezu unfassbar.

Chef ohne Zimmer

Zeit, nach dem kurzen Betriebsrundgang den Herrn des Hauses um Aufklärung zu ersuchen. Die nächste Überraschung: Der König von Burladingen verfügt nicht einmal über ein eigenes Chefzimmer.

Ganz hinten im Großraumbüro, dessen Boden, Wände und Säulen mit himmelblauem Velours überzogen sind, thront er im schwarzen Ledersessel vor seinem ausladenden weißen Schreibtisch, sozusagen auf Tuchfühlung zu seinen gerade mal 32 Verwaltungsangestellten. Unternehmen vergleichbarer Größe kommen locker auf das Doppelte bis Dreifache, um dann über die teuren "Verwaltungswasserköpfe" zu stöhnen.

Früher, sagt Grupp, sei er auch mal im Einzelbüro gesessen, aber das habe ihn richtig fuchsig gemacht: "Entweder hat der, den ich brauchte, telefoniert, und wenn nicht, war der gerade aus dem Raum gegangen." Er brauche seine Leute alle und außerdem habe er vor niemandem Geheimnisse.

Und wenn er mal die Füße auf den Schreibtisch legen möchte? Dann täte er's, "aber ich will das gar nicht". Wie sähe es auch aus, einer mit dunkelblauem Maßanzug, Weste, goldener Kragennadel im weißen Hemd, und dann die Füße auf dem Tisch?

Die miserablen Manager

Sein etwas mondäner, stets maßgeschneiderter Aufzug ist das Markenzeichen des "Anachronisten" Wolfgang Grupp, wie ihn einmal eine Wirtschaftszeitschrift tituliert hat. In die Abteilung Prunk gehört ebenso das 25000 Quadratmeter große Grundstück gleich neben dem Werksgebäude mit reetgedeckter Villa und 45 Meter langem Pool vor dem Haus, das Grupp mit seiner Familie bewohnt.

Drei Hausdamen und der englische Butler inklusive, der ihm, versichert Grupp, mittags die von ihm bevorzugten Müslis und abends die kalten Platten ("Ich esse nicht gern warm") stets in weißen Handschuhen serviert. Vom Mercedes 600 SEL draußen im Hof und dem Hubschrauber, einem Bell Jet Ranger mit blau-weiß-rotem Firmenemblem, gar nicht zu reden.

"Ich liebe das", meint der Patriarch nur knapp, "und ich bringe dafür eine Leistung - Ende der Diskussion." Und im Übrigen sei er diesen Hauch von Noblesse seiner Umwelt und seinen Mitarbeitern schuldig, die ja nicht zuletzt ein bisschen stolz auf ihre Firma und ihren Chef sein wollten. "Wenn einer im Rostkübel vor seine Firma fährt, ich bitte Sie, da verliere ich doch jede Achtung vor ihm."

Nach Grupps Einschätzung interessiert die Burladinger nicht im Geringsten, wie viel er verdiene und was er mit seinem Geld mache, solange er Arbeitsplätze garantiere. Wenn sich hingegen zurzeit alle Welt über die hohen Managergehälter aufrege, dann zu Recht: "Wenn die schlechte Leistung bringen und die Angestellten dann anschließend mit ihren Arbeitsplätzen bezahlen müssen, dann ist das keine Neiddiskussion, sondern eine Gerechtigkeitsdiskussion. Wenn einer aber von morgens bis abends für sein Geld ordentlich schafft, dann neidet ihm das auch keiner."

Das ist die Stimme der typisch schwäbischen, pietistisch fundierten Unternehmerphilosophie, in der irdischer Reichtum als verdienter Lohn für gottgefälliges Werken betrachtet wird. Nur versteckt der Schwabe gewöhnlich den Mercedes der gehobenen Klasse in der Garage, um mit irgendeinem unauffälligen "Rostkübel" auf dem Werksgelände vorzufahren.

"Der Standort Deutschland bietet genug Chancen"

Beim Thema "Manager" jedenfalls kann der Schwabe Grupp fuchsteufelswild werden, da schlägt er mit der flachen Hand auf die Schreibtischkante, dass der neue Trigema-Katalog fast herunterfällt. Der übrigens, dies nur am Rande, ebenfalls im eigenen Hause produziert wird und nicht von einer Werbeagentur, dazu mit Hilfe ebenfalls selbstproduzierter Models, Wolfgang Grupp jr., 12, und Schwester Bonita, 14, nebst ihren Freunden.

Manager also, regt sich Grupp auf, die für die Desaster, die sie anrichteten, keinerlei Haftung übernehmen müssten, aber Abfindungsmillionen kassierten. Oder Unternehmerkollegen, die ihr Vermögen aus der Firma ziehen, es der Frau überschreiben und dann "herumjammern, wenn die Banken den Kredithahn zudrehen".

In den Augen des Trigema-Chefs allesamt vaterlandslose Gesellen, deren arrogante Haltung er nicht genug geißeln kann: "Die handeln nur nach dem Motto: Hauptsache mir geht's gut, was interessiert mich mein Land." Wenn alle Wirtschaftsführer für ihr Tun und Lassen ebenso hundertprozentig hafteten wie er selbst, dann gäbe es keine Standortprobleme.

Womit wir der Lösung des Rätsels schon wieder ein Stück näher gekommen zu sein scheinen und lernen: "Die Wirtschaft" mit ihren angeblichen Sachzwängen zur Arbeitszeitverlängerung, Steuerflucht oder Produktionsverlagerung ins Ausland scheint manchmal mehr Manager-Mantra denn realitätstüchtige Gegenwartsbeschreibung.

"Genau. Der Standort Deutschland bietet genug Chancen, wir müssen sie nur nutzen", sagt Grupp und regt sich schon wieder auf. Das sei auch so ein Gerede, dass Arbeitsplätze, die ins Ausland verlagert würden, die übrigen im Inland sicherten. Deutsche Hersteller sollten wissen, dass sie damit über kurz oder lang ihre Produzentenrolle aufgäben und zu Nomaden würden, die vom Billiglohnland zum noch billigeren Billiglohnland ziehen.

Disziplin, Leistung, Verantwortung

Ganz zu schweigen davon, dass man sich mit dem dorthin transportierten Know-how auch noch eine Schar Konkurrenten heranziehe. Er, Grupp, kenne jedenfalls keinen deutschen Textilproduzenten, der mit Auslandsfertigung begonnen und nicht anschließend immer mehr inländische Arbeitsplätze abgebaut habe.

"Wir brauchen wieder Gründerunternehmer mit Disziplin, Leistung, Verantwortung, Vorbild und Motivation", lautet dagegen das Grupp'sche Mantra, und er stellt sich natürlich gerne als Vorbild zur Verfügung. Wohl wissend, dass er vielen seiner Unternehmerkollegen indes als fleischgewordene Provokation ein Ärgernis ist.

Aber was ist nun mit den unleugbar hohen Lohnkosten in Deutschland, die vor allem einfache Produktionsarbeit aus dem Land scheuchen? "Ha", auf diese Frage hat Grupp nur gewartet, "Probleme sind nicht zum Beklagen und Weglaufen, sondern ausschließlich zum Lösen da."

Dann lehnt er verschwörerisch den Oberkörper nach vorne, kneift die Augen zusammen, und sagt: "Nicht die hohen Lohnkosten sind das Problem, sondern die Nichtnutzung qualifizierter Arbeitskräfte." So seien zum Beispiel seine 700 Näherinnen, die zwischen 8,50 und zwölf Euro die Stunde verdienen, ihr Geld nur dann wert, wenn er auch genügend Arbeit für sie heranschaffe.

Im Kampf mit den Ketten

Also laufen die Maschinen bei Trigema nicht nur saisonweise auf Hochtouren, sondern von Januar bis Dezember - und die T-Shirts und Unterhosen türmen sich dementsprechend in den Lagerhallen. Macht aber nichts, sagt Grupp, dafür könne die Firma bei jedem Trikotagenengpass innerhalb von 24 Stunden liefern.

Das sei eben der Unterschied zwischen ihm und Unternehmern, die nur nach Marktanteilen, Macht und Größe schielten. Die gerieten schnell in die Gefahr, Überkapazitäten zu schaffen, was nichts anderes bedeute, als unterbeschäftigten Arbeitskräften teure deutsche Löhne bezahlen zu müssen.

Damit wäre das Rätsel nahezu gelöst: Arbeit in Deutschland ist dann nicht zu teuer, wenn sie richtig eingesetzt und motiviert in ein verkaufbares Produkt eingeht. Der Rest der Lösung - Stichwort "verkaufbares Produkt" - ist an mittlerweile 43 Standorten in Deutschland zu besichtigen, in Form der so genannten Trigema-Testgeschäfte.

Mit denen begann Grupp Ende der Achtzigerjahre das Land zu überziehen, vorwiegend den süddeutschen Raum, um sich dem Würgegriff der großen Einzelhandels- und Supermarktketten zu entziehen.

"Weil die ihre Kosten nicht in den Griff bekamen, meinten die, gestandene Produzenten an die Wand und die Einkaufspreise drücken zu müssen. Da hab' ich nicht mitgemacht. Vom Kunden erpressen lässt sich nur der, der zu erkennen gibt, dass er den Auftrag braucht." So hat Grupp kurzerhand neue Vertriebskanäle gebohrt, verkauft fabrikfrische Ware zum Händler-Einkaufspreis an die Kunden und sagt, allein im Geschäft Burladingen mache er zwei Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Im ganzen eine unternehmerische Leistung, die auch der Gewerkschaft Respekt abnötigt. "Er ist bstimmt nicht mein Traumarbeitgeber", sagt Monika Lersmacher, Textil-Expertin in der Stuttgarter Bezirksleitung der IG Metall, "aber er garantiert Arbeitsplätze, er hält sich an die Tarifverträge, auch wenn er nicht Mitglied im Arbeitgeberverband ist. So etwas ist in dieser Zeit nicht hoch genug einzuschätzen."

So buchstabiert sie sich also, die Anti-Globalisierungs-Ökonomie à la Schwäbische Alb. Hier, wo die Textilindustrie einst die gleiche tragende Rolle spielte wie Kohle und Stahl fürs Ruhrgebiet, gab es bis in die Siebzigerjahre 26 Textilunternehmen allein in Burladingen mit seinen 13000 Einwohnern. Heute ist ein einziges übrig geblieben: Trigema.

Und einiges spricht dafür, dass Wolfgang Grupp den Mund nicht zu voll nimmt, wenn er dem Schimpansen aus der selbstgestrickten TV-Werbung auf die Frage "Was sagt der Inhaber, Herr Grupp, dazu?" antwortet: "Wir werden auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren und unsere 1200 Arbeitsplätze sichern."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema