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Wohltätigkeit:Nagellack auf der Intensivstation

Die Ärzte waren anfangs sehr skeptisch. Heute machen zwölf Krankenhäuser in Frankreich mit. Professor Louis Dubertret, Stationsarzt am Pariser Saint-Louis-Hospital, sagt: "Natürlich haben wir Mediziner erst Bedenken gehabt. Denn damit heilt man ja niemanden, sondern lindert höchstens das Leid. Aber wenn es nichts mehr zu heilen gibt, kann Lindern den Patienten sehr helfen."

Er erinnert sich an eine Alzheimerpatientin, die das erste Mal seit Monaten wieder sprach, nachdem sie sich frisiert und geschminkt im Spiegel gesehen hatte.

Auch die Klinik-Psychologin Isabelle Ansieau in Garches steht den Kosmetikerinnen aufgeschlossen gegenüber: "Das ersetzt natürlich keine medizinischen Eingriffe und steht nicht oben auf der Prioritätenliste. Aber für Patienten kann die kosmetische Pflege wie eine Therapie wirken, die einem Kraft gibt, weiter gegen die Krankheit anzukämpfen.

Es geht nicht um Schönheit

Dabei geht es ja nicht um Schönheit, sondern darum, dass sich die Patienten trotz ihres Leids gepflegt fühlen."

Wissenschaftlich lässt sich die Wirkung der Pflege kaum belegen. Der britische Kosmetikverband fand in einer von ihm in Auftrag gegebenen Studie heraus, dass die Arbeitsproduktivität einer Person umso höher sei, je stärker deren Selbstachtung ist. Aber daraus einen Schluss für Schwerkranke ziehen zu wollen, wäre vermessen.

Mit dem französischen Ansatz eher vergleichbar ist die weltweite Initiative "Look good...feel better", der sich der deutsche Kosmetikverband angeschlossen hat. In den vergangenen zehn Jahren haben in Deutschland mehr als 40.000 Krebspatientinnen an den kostenlosen Kosmetikseminaren dieser Initiative teilgenommen. Dabei lernen sie unter anderem, wie sie Hautflecken oder Wimpernverlust kaschieren können.

Mit der Arbeit von Sandra Cloarec ist das jedoch nicht zu vergleichen. Wie ihre Kolleginnen kümmert sie sich um jeden Patienten einzeln und sieht sie in der Regel alle 14 Tage wieder. Manchmal stehe sie ihnen dann näher als manche Verwandten, sagt sie, was zur Belastung werden könne.

Abstand bewahren

Natürlich sterben Patienten auch, die ihr ans Herz gewachsen sind. Cew lässt die Kosmetikerinnen alle drei Monate psychologisch schulen, damit sie mit solchen Situationen fertig werden. Sie dürfen auch nur drei Tage in der Woche ihren Beruf im Krankenhaus ausüben, um Abstand halten zu können.

"Das ist keine Arbeit wie jede andere", sagt Cloarec. "Vor allem bringt sie eine große Befriedigung." Ursprünglich wollte sie Englischlehrerin werden. Dann kam ein Autounfall dazwischen. Sieben Monate war sie vom Becken abwärts gelähmt. Im Krankenhaus wurde sie selber von einer Kosmetikerin gepflegt.

Trotzdem musste Cew-Chefin Montenay feststellen, dass der Einsatz für Kranke dem Ruf der Kosmetikindustrie nicht unbedingt hilft. Sie erinnert sich, wie sie nach einem Vortrag an einer Hochschule von einem Studenten gefragt wurde, ob sie nach so vielen Jahren in der Kosmetik nicht ein seriöses Unternehmen führen wolle. "Ich erzähle Ihnen jetzt mal eine Geschichte", sagte sie darauf und begann mit den Kosmetikerinnen.

© SZ vom 18.03.06
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