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Wohltätigkeit:Nagellack auf der Intensivstation

In Frankreichs Kliniken maniküren Kosmetikerinnen Schwerkranke. Das Geld dafür spenden Managerinnen der Beauty-Industrie - aber nicht um für sich zu werben.

Michael Kläsgen

Der Patientin steckt zwar der Schlauch der Beatmungsmaschine im Rachen, und sie ist vom Hals abwärts gelähmt, trotzdem feilt und lackiert ihr Sandra Cloarec die Fingernägel.

Frau auf Intensivstation: Trotz ihres Leids wollen sich die Patienten gepflegt fühlen.

(Foto: Foto: dpa)

Der Anblick der 32-jährigen Kosmetikerin zwischen dem rhythmisch pumpenden Beatmungsgerät links und dem piepsenden Monitor rechts ist befremdlich - zumindest für nicht-französische Augen. In Frankreich jedoch sind kosmetische Pflege und Intensivmedizin kein Widerspruch. Daran haben die Top-Managerinnen der Pariser Kosmetikindustrie lange gearbeitet.

Bezahlt wird die Kosmetikerin Cloarec von einer Organisation, die Cosmetic Executive Women (Cew) heißt. Dahinter verbergen sich 150 weibliche Führungskräfte von französischen Beauty-Konzernen wie Yves Saint Laurent, L'Oréal, Marionnaud, Guerlain oder Louis Vuitton.

Unter Vorsitz der Chanel-Chefin

Vorsitzende des exklusiven Zirkels, zu dem erst kürzlich der erste Mann zugelassen wurde, ist die Chefin von Chanel, Françoise Montenay.

Benannt habe sich die Frauenvereinigung nach ihrem amerikanischen Vorbild, erzählt Montenay in ihrem Büro über den Dächern des Pariser Nobelvororts Neuilly. "Aber die Idee mit den Kosmetikerinnen im Krankenhaus entstand in Frankreich."

Eine exception française, für die es beharrlicher Überzeugungsarbeit bei den Ärzten bedurfte. Nach anfänglichen Vorbehalten ist Cloarec in dem staatlichen Universitäts-Krankenhaus in Garches westlich von Paris vorbehaltlos akzeptiert.

Viel Zeit

Ihre nächste Patientin ist eine Querschnittsgelähmte. Sie macht ihr eine Gesichtsmaske und nimmt sich viel Zeit für die Massage sämtlicher Gesichtsmuskeln. "Wer sich über die Kosmetikerinnen lustig macht, hat nichts verstanden", sagt die junge Patientin.

Auch um Männer kümmert sich Cloarec. Pierre-Yves Marie, ebenfalls Opfer eines Autounfalls, hat sich für die Pflegeeinheiten extra eine Sonderkonstruktion für seinen Rollstuhl einfallen lassen, so dass er wie beim Zahnarzt zurückgelehnt sitzen kann.

15 bis 30 Minuten dauert das Einkremen, Einmassieren, Einziehen lassen, Abwaschen und Abtupfen. Für die Patienten ist die Pflege kostenlos. Die Krankenkasse steuert nichts dazu bei. Crèmes und Lotionen spendieren die Kosmetikfirmen. Deren Markennamen überkleben die Kosmetikerinnen, um jeder noch so subtilen Werbung vorzubeugen. Sie selber müssen der Cew ein staatlich anerkanntes Diplom vorweisen, um den Beruf ausüben zu können.

Alle zwei Jahre eine Gala

Bezahlt werden sie aus den Spenden, die die Frauenorganisation auf einer alle zwei Jahre stattfindenden Gala einnimmt. Weil Cew eine gemeinnützige Organisation ist, lassen sich die Spenden zum Teil beim Fiskus absetzen. Viele ehemalige Patientinnen geben Geld. Der größte Teil der Spenden kommt aber von den Unternehmen.

"Nein, wir haben keine finanziellen Interessen", sagt Montenay auf die Frage, ob die Kosmetikkonzerne nicht doch etwa versuchten, mit Hilfe der Kosmetikerinnen neue Kundschaft in Krankenhäusern zu finden. "Ein Mitglied unseres Vereins war selber an Krebs erkrankt und verlor bei einer Chemotherapie alle Haare. Ihr kam aus purer Not die Idee für diese Initiative, weil sie sich nach dieser Art von Pflege sehnte."

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