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Wohlhabende chinesische Einwanderer:"Ich hätte gerne ein auffälligeres Auto"

Sie sind jung, reich und lieben den Protz: In Vancouver leben Chinesen wie Diana Kim, die in einer eigenen Sendung ihren Luxus zur Schau stellen. Die Stadt leidet unter dem Wohlstandsgefälle.

Diana Kim fährt in ihrem schimmernd-weißen Range Rover Supercharged Sport V-8 durch Vancouver. Sie hat ihn kürzlich für umgerechnet 85 000 Euro gekauft. "Ich hätte gern ein auffälligeres Auto", sagt Kim, "aber meine Eltern halten das für zu gefährlich." Sie fürchten, dass ihre Tochter Ziel eines Überfalls werden könnte. Kim, 23, Studentin aus China, ist zierlich, hübsch, hochelegant und ein Star der Reality Show "Ultra Rich Asian Girls" in Vancouver.

Mit ihrem teuren Fahrzeug könnte Kim dem Vancouver Dynamic Auto Club beitreten. Dessen 440 Mitglieder besitzen alle Autos, die mehr als 100 000 kanadische Dollar (67 000 Euro) gekostet haben. Die meisten Club-Mitglieder sind sehr junge, sehr wohlhabende Chinesen. Fuerdai, die "reiche zweite Generation", nennt man diese Zuzügler aus Asien, die sich vom Geld der Eltern die neusten Maseratis und Lamborghinis leisten können und in Vancouver in Saus und Braus leben.

Wohlhabende Chinesen zieht es auch in die Vereinigten Staaten und nach Australien, in Städte wie San Francisco oder Sydney. Aber die geografische und historische Nähe zu China macht Vancouver besonders attraktiv: Als die Volksrepublik Hongkong 1997 übernahm, flohen viele Chinesen in die kanadische Stadt. Die Behörden vereinfachen den Zuzug und die Einbürgerung, weil sie etwa den Immobilienkauf nicht beschränken und weniger Einblick in die Finanzen verlangen als die USA. Hier in Kanada stecken die reichen Chinesen ihre Kinder in gute Schulen, ihr Geld in Immobilien und ihr Vertrauen in die Stabilität und Sicherheit des Landes. Chinesische Väter kaufen eine Millionenvilla am Pazifik, lassen die Familie in Vancouver zurück und führen ihre Geschäfte in Asien weiter. Die jungen reichen Chinesen schätzen die Freiheit in dem nordamerikanischen Land, weit weg von den autoritären Zwängen des chinesischen Politsystems. Es überrascht nicht, dass vor allem Millionen Menschen in Asien die kanadische Internet-Reality Show verfolgen.

In Vancouver ist der Gegensatz zwischen der reichen ausländischen Elite und dem Rest der Bevölkerung besonders augenfällig: Das Durchschnittseinkommen der Einwohner ist im Vergleich zu anderen Städtern in Kanada relativ niedrig. Der durchschnittliche Preis für ein Haus in Vancouver liegt aber bei 1,2 Millionen Euro und ist der höchste des Landes.

Die Eltern fuhren als Studenten BMW, heute haben die Kinder Lamborghinis

Wenn Kim ihre Eltern in Shanghai be-sucht, fährt sie deren Ferrari oder Mercedes-Maybach. Ihr Vater, der sein Geld "mit Erdöl und internationalem Handel" verdient, möge aber kein Aufsehen um den Reichtum seiner Familie, sagt Kim, wie die meisten jungen Chinesen ein Einzelkind. Wegen der Bedenken ihres Vaters hat sie gerade erst ihren Nachnamen geändert.

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Vancouver ist Chinesen geografisch und auch historisch nah: Schon seit Generationen ziehen Wohlhabende aus der Volksrepublik in die kanadische Stadt.

(Foto: imago)

Kim ist eine der fünf Frauen in der Serie "Ultra Rich Asian Girls", die beim Jetsetten, beim Trinken von teurem Wein mit Strohhalmen - damit sich die Zähne nicht verfärben -, auf Modeschauen, beim Kaufen von Ferienvillen in Los Angeles oder beim Knüpfen von Geschäftskontakten gefilmt werden. In einer der Folgen verteilt Kim hundert Hamburger an Obdachlose in Vancouver und mahnt die Almosenempfänger gut gelaunt: "Nach dem Verzehr von zwei müsst ihr Sport treiben."

Die Leute seien immer neugierig auf das Leben Reicher, sagt die Millionenerbin: "Einige mögen uns, andere hassen uns." Nach anfänglichem Zögern verschwinden ihre Hemmungen, von ihrem Lebensstil zu erzählen: "Ich liebe Schuhe, ich habe sicher tausend davon, von Louboutin, Jimmy Choo, Manolo Blahnik, Prada." Sie besitzt auch einige hundert Handtaschen von Dior und Chanel, jeweils "zwischen 5000 und 6000 Dollar wert." Und sie sammelt handgemachte Uhren wie die mit Diamanten besetzte Richard-Mille-Uhr für 200 000 Dollar.

Wenn ihr die Designerboutique Holt Renfrew oder Restaurants wie Black and Blue in Vancouvers West End zu langweilig werden - "Vancouver ist einfach zu klein", findet sie -, dann jettet sie für zwei Tage in ihre alte Heimat, die von Vancouver aus schnell und leicht erreicht werden kann: Im Sommer gibt es jede Woche mehr als siebzig Flüge nach China.

Vancouver ist für Chinesen zwar schon seit Generationen ein Wohnort, so reich wie die heutige Jungen waren sie aber nicht. Die Eltern von Kevin Li, dem 37-jährigen Produzenten von "Ultra Rich Asian Girls in Vancouver", wanderten in den Siebzigerjahren von Hongkong in die Westküstenmetropole aus. Als Kevin zur Schule ging, tauchten manche chinesische Studenten mit BMWs und Mercedes auf. "Heute kommen Trust-Fund-Kids nach Vancouver und fahren Ferraris und Lamborghinis", sagt er.

Kevin hatte keine Probleme, Frauen für seine Reality Show zu finden. "Nicht wegen des Geldes", sagt er, "sondern weil sie ein eigenes Geschäft aufbauen wollen". Kim plant mit Hilfe ihrer Mutter, die ein Kosmetik-Imperium in Korea besitzt, preiswertes Make-up für junge Leute zu vermarkten. "Ich will mein Image ändern", sagt sie. "Ich will ein business girl sein." Aber noch muss sie den Universitätsabschluss in Wirtschaft und asiatischen Studien schaffen. Sie braucht die Kreditkarte ihrer Eltern. Die erlaubten ihr, alle zwei Jahre ein neues Auto für rund 100 000 Euro zu kaufen, sagt Kim.

Diana Kim

Banken, Juweliere oder Bauunternehmer haben Mitarbeiter, die Mandarin sprechen. Sie wollen daran verdienen, wenn reiche Studenten wie Diana Kim ihr Geld ausgeben.

(Foto: oh)

Derzeit gibt sie um die 20 000 Euro im Monat aus, soweit sie das übersehen kann

Es ist ein Tabu in Vancouver, über die Exzesse reicher Chinesen zu sprechen. Viele profitieren von deren Geld: Banken, Immobilienmakler, Bauunternehmer, Händler, Autoverkäufer, Hotels, Restaurants, Juweliere. Sie alle haben Mitarbeiter eingestellt, die Mandarin oder Kantonesisch sprechen. "In Vancouver kann man ohne Englisch gut leben", sagt Craig Stowe, der Ausstellungen mit Luxusautos organisiert.

Die Stadtbehörden veröffentlichen keine Daten über den Zustrom reicher Chinesen. Es ist wird auch offiziell nicht ermittelt, wie viele Immobilien diese kaufen und dadurch die Häuserpreise in die Höhe treiben - oder wie weit Geldwäsche stattfindet. "Niemand möchte als rassistisch kritisiert werden", sagt Stowe.

Durchschnittsverdiener können sich in Vancouver kein Haus mehr leisten, das tatsächlich verfügbare Einkommen ist im Städtevergleich aber das niedrigste.

Wegen des wachsenden Unmutes macht der linke Abgeordnete David Eby auf das Missverhältnis aufmerksam. Mit wenig Erfolg. Auch der Auslandskorrespondent der Zeitung South China Morning Post, Ian Young, ist einer der wenigen Journalisten, die das extreme Wohlstandsgefälle kritisieren: Er sagt, für die jüngeren Kanadier sei die Lage "ein riesiges soziales Problem".

Unternehmer Shin Yi, 27, verkauft an der Vancouver Burrard Street superteure Autos, vor allem an Chinesen. Der New York Times sagte Yi vor Kurzem: "Hier leben viele Kinder korrupter chinesischer Beamter. Hier können sie ihr Geld zur Schau stellen."

Kim wurde einmal von Kommilitonen herausgefordert, ihre Privilegien zu überdenken. Sie spielte für drei Tage eine Obdachlose, in Chanel-Schuhen und einem T-Shirt von Victoria's Secret. Sie gab bald auf, "weil ich mich und meine Kleider nicht waschen konnte". Dann versuchte sie eine Woche lang mit acht Dollar pro Tag zu leben, aß jeden Tag Pizza.

Heute macht sie sich mehr Gedanken ums Geld - auf ihre Weise. Derzeit gibt sie um die 20 000 Euro im Monat aus, soweit sie das übersehen kann. Mit ihrer geplanten Kosmetikfirma muss sie erfolgreich sein, damit sie sich das weiter leisten kann. "Ich will viel Geld einnehmen, damit ich mehr Schuhe kaufen kann", sagt sie. Und lacht fröhlich.

© SZ vom 30.05.2016
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