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Wirtschaft in Japan:Warum Abenomics gescheitert ist

Japans Premier Shinzo Abé hatte viel vor mit der Wirtschaft des Landes. Doch seine Pläne sind gescheitert.

(Foto: AFP)

Japans Wirtschaft bricht dramatisch ein, manche Experten halten das Land für insolvent. Die Politik von Premier Abé, das Land mit billigem Geld zu fluten, ist gescheitert. Sie hilft nichts, wenn das eigentliche Problem eine versteinerte Gesellschaft ist.

Angeblich ist ja alles nicht so schlimm. Japans Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2014 um 6,8 Prozent eingebrochen. Doch die Regierung von Premier Shinzo Abé redet die Zahlen schön, wie sie das mit schlechten Nachrichten meist tut.

Anfang April hat Japan die Mehrwertsteuer von fünf auf acht Prozent angehoben. In den Wochen zuvor kauften die Japaner so viel auf Vorrat, dass Tokio fürs erste Quartal ein aufs Jahr hochgerechnetes Wachstum von 6,1 Prozent registrierte. Mit dem Einbruch musste man rechnen. Das ebenfalls aufs Jahr gerechnete hohe Minus kompensiere nur den Sprung des vorherigen Quartals, beruhigte Wirtschaftsminister Akira Amari. Und verstieg sich dann in die Behauptung, das Ende des Computer-Betriebssystems Windows XP im April habe die Softwareverkäufe gebremst. Viele Unternehmen hätten noch im März neue Programme angeschafft. Das mag vielleicht stimmen, dürfte die Wirtschaftszahlen aber - wenn überhaupt - höchstens im Promille-Bereich beeinflusst haben. Dafür ist es ein gutes Detailbeispiel, wie Abé & Co. sich Zahlen zurechtreden.

Der Grundgedanke von Abenomics, dem Rezept des Premiers zur Sanierung von Japan, ist simpel: Wenn das Land mit neu gedrucktem Geld überschwemmt wird und man den Leuten einredet, es gehe endlich aufwärts, besonders auch ausländischen Anlegern, dann hellt sich die Stimmung schon auf. Zumal die Regierung zugleich enorme Summen in Großprojekte pumpt, etwa in die Verbarrikadierung Hunderter Kilometer Küste mit Beton für einen Tsunami-Schutz, von dem die meisten Experten sagen, er tauge nichts. Dank solcher Maßnahmen werde sich die milde Deflation, die Japan seit Jahren belastet, schon in eine Inflation drehen. Das gebe den Leuten, Verbrauchern und Unternehmern Vertrauen in die Wirtschaft und spüle ihnen mehr Yen in die Tasche - zumindest nominell. Dieses Geld gäben sie dann freimütiger aus. Die Wirtschaft ziehe mithin von selber an.

Experten halten Japan für insolvent

Confidence Game, Spiel auf Vertrauen heißt das dann. Man sollte es besser mit Bauernfängerei übersetzen. Denn Abés ökonomische Planspiele haben ein wesentliches Problem: Sie funktionieren nicht. Die Japaner machen nämlich nicht mit: die Verbraucher nicht, weil sie heute auch nominell weniger Geld in der Tasche haben als vor zwei Jahren. Die Mehrwertsteuer und mehr noch der schwache Yen, der die Importe verteuert, treiben die Preise an. Die Löhne stagnieren oder sind bloß um Promille angehoben worden. Die Unternehmen machen nicht mit, weil sie keine billigen Kredite brauchen. Sie sitzen selber auf mehr als 200 Billionen Yen Cash-Reserven, etwa 1,6 Billionen Euro. Dennoch bestellen sie immer weniger Maschinen und zahlen trotz wiederholter Ermahnungen Abés kaum höhere Löhne.

Auch die Schwäche des Yen, der angeblich "erwünschte Nebeneffekt" der lockeren Geldpolitik, hilft der japanischen Wirtschaft nicht. Obwohl "made in Japan" im Ausland inzwischen um fast ein Viertel billiger geworden ist, verkaufen sich die Produkte nicht besser. Das Exportvolumen ist geschrumpft. Japan exportiert 23 Prozent weniger als 2008. Der Rückgang der Nachfrage lag offenbar nicht am Preis. Erstmals seit drei Jahrzehnten hat Japan in einem ersten Halbjahr überdies nicht nur eine defizitäre Handelsbilanz, sondern - obwohl im Frühjahr Gewinne aus Investitionen im Ausland repatriiert werden - auch eine negative Zahlungsbilanz.

So kann es nicht weitergehen. Der japanische Staat ist mit 245 Prozent von Nippons Jahreswirtschaftsleistung verschuldet. Ein Viertel des Staatsbudgets geht in den Schuldendienst. Manche Experten halten Japan längst für insolvent. Abé habe die Mehrwertsteuer erhöhen müssen, heißt es, um den Staatssäckel zu sanieren. Doch den größten Teil der Mehreinnahmen hat er bereits weiterverteilt. Und versucht, Steuererleichterungen für Unternehmen durchzusetzen. Zudem soll, wenn die Wirtschaft nicht anziehe, im Herbst noch mehr Geld gedruckt und in die Wirtschaft gepumpt werden.

Japan lässt sich mit Geldpolitik nicht kurieren, seine Schwäche steckt in den versteinerten Strukturen seiner Gesellschaft - vor allem auch der Unternehmen. Abé hat zwar immer wieder von Strukturreformen geredet, aber auch im 20. Monat von Abenomics beschränken sich diese auf neblige Absichtserklärungen, Kosmetik - und Schönreden. Nur das billige Geld der Notenbank, das fließt.

© SZ vom 14.08.2014/vamü

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