Wettbewerb im All Mondlandung für Ariane 6

Die neue Trägerrakete Ariane 6 (hier die größere Version) soll im Juli 2020 erstmals starten.

(Foto: oh)

Die Produktion für die neue Generation der europäischen Trägerrakete hat begonnen - aber noch fehlen die Aufträge. Konkurrenten wie Space-X bieten ihre Flüge derzeit deutlich günstiger an.

Von Dieter Sürig

Im Pförtnerhäuschen des Augsburger Herstellers MT Aerospace steht ein Modell der europäischen Trägerrakete Ariane, Teile der Oberstufe werden hier für die Ariane-Group produziert. Als sich im Sommer ein Lieferant anmelden wollte, fragte er den Pförtner, ob dieser denn auch schon einmal mit der Ariane geflogen sei. Er meinte dies ohne jegliche Ironie und erntete den erstaunten Blick des Wachmanns. Der Deutschland-Chef der Ariane-Group, Pierre Godart, wertet solche Anekdoten als Indiz dafür, dass Raumfahrt noch nicht so richtig in der Gesellschaft angekommen sei. Für Godart ist dies ein Problem. Er muss Raketen verkaufen - ein bisschen so wie andere Autos. Die Menschen nutzen zwar ihr Navi, möchten einen Wetterbericht und verfolgen Live-Übertragungen aus aller Welt - wissen aber oft nicht, dass dafür Satelliten nötig sind, die wiederum von Raketen ins All geschossen werden.

Akzeptanz ist auch deshalb nötig, weil die europäische Raumfahrtagentur Esa und damit die Steuerzahler die Entwicklung der Ariane-Rakete finanzieren. 3,5 Milliarden Euro kostet es, das Nachfolgemodell der Ariane 5 zu konzipieren, 400 Millionen Euro investiert die Ariane-Group (Umsatz 3,4 Milliarden Euro), eine Tochter der Konzerne Airbus und Safran. Braucht man das? "Es ist extrem wichtig, dass Europa seine Satelliten unabhängig ins All starten kann", wirbt Godart. "Wir sind die Firma, die Europa den unabhängigen Zugang zum All sichert." Die Ariane 5, seit 1996 im Einsatz, ist zwar zuverlässig, bei 102 Starts hatte sie nur zwei Abstürze, doch sie ist veraltet.

"Es ist extrem wichtig, dass Europa seine Satelliten unabhängig ins All starten kann."

Bereits 2014 hat der Esa-Ministerrat das "Go" für die Ariane 6 gegeben, doch erst jetzt beginnt die Produktion. Fast zu spät: Institutionen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und sogar Airbus oder OHB, die über Ariane-Group und MT Aerospace am Bau der Rakete beteiligt sind, nutzen inzwischen auch schon mal die Konkurrenz von Space-X aus Kalifornien, um Satelliten zu starten. Deren Falcon 9 kostet 62 Millionen Dollar. Was für eine Ariane 5 gezahlt werden muss, verrät Godart nicht, in der Branche heißt es, 178 Millionen Dollar.

Seit 1979 haben Ariane-Raketen fast 250-mal Satelliten von Kourou in Französisch-Guayana in den Weltraum befördert, darunter auch solche für das Navigationssystem Galileo und die Esa-Merkursonde Bepi Colombo. Wenn Airbus und OHB nun auf die Falcon 9 von Space-X zurückgreifen, dann ist das ungefähr so, als würden Volkswagen-Vorstände einen Tesla als Dienstwagen nutzen: Der fährt elektrisch, könnte autonom fahren und ist auch sonst ganz hip. Kurzum: Eine modernere Ariane ist überfällig. Das bisherige Modell ist zu teuer, zu unflexibel - zu alt eben.

Ohne den Druck der neuen, privaten Wettbewerber wie Space-X von Tesla-Gründer Elon Musk oder Blue Origin, der Raumfahrtfirma von Amazon-Gründer Jeff Bezos, wäre das vielleicht so geblieben. "Space-X und Blue Origin haben den Laden schon ein bisschen durcheinander gebracht", gesteht ein Ariane-Mitarbeiter. Denn die neuen Raketenhersteller haben die Raumfahrt billiger gemacht - mit günstigeren Komponenten und einfacheren Strukturen. Konsequenz: Auch die Ariane 6 soll billiger werden, die Stückzahl soll mittelfristig von etwa sechs auf zwölf pro Jahr steigen. "Das ist manchmal kompliziert und manchmal schmerzhaft, aber das kriegen wir hin", gibt sich Godart optimistisch. "Wenn wir fünf institutionelle Launches haben, müssen wir zusätzlich sechs bis sieben am kommerziellen Markt bekommen. Dann können wir die Preise um 40 bis 50 Prozent reduzieren."

Genau hier hakt es aber. In einem internen Papier ist von einem "schwächelnden kommerziellen Markt" die Rede. Und der institutionelle Markt reißt es auch nicht heraus: "2018 allein hat Space-X mehr als zehn institutionelle Aufträge erhalten, Arianespace nur einen", heißt es. Um wettbewerbsfähiger zu werden, will das Unternehmen bis 2022 etwa 2300 der 9000 Stellen abbauen - durch natürliche Fluktuation. Bis dahin sollen die Produktion der Ariane 5 und die Entwicklung der Ariane 6 beendet sein. "Die Industrie braucht Chancengleichheit. Die Ariane-Group nimmt ihre Verantwortung an, kann die Last aber nicht allein tragen", heißt es in dem Papier.

Bislang liegen Aufträge für acht Starts der Ariane 6 in der Schublade - für die Jahre 2020 bis 2027. Für diese Zeit will die Ariane-Group aber nach jetziger Planung zwischen 50 und 100 Raketen bauen - je nachdem, wie schnell die Produktion wie vorgesehen verdoppelt wird. Bei der Ariane 5 sieht es etwas besser aus: Die sechs Starts für 2019 sind im Prinzip ausgebucht, doch für 2020 stehen noch kaum welche in der Liste. Die Ariane 5 soll bis 2022 auslaufen, der Erstflug der Ariane 6 ist für den 16. Juli 2020 geplant - genau 51 Jahre nach dem Start von Apollo 11 zum Mond.

Der Generationswechsel bei Ariane ist auch so etwas wie eine Mondlandung. Die Ariane 6 soll nicht nur billiger werden, etwa durch leichtere Bauteile und 3-D-Druck, sondern auch flexibler. Die Oberstufe ist beispielsweise mit dem wieder zündbaren Triebwerk Vinci ausgestattet, um mehrere Orbits ansteuern zu können. Außerdem sind zwei Versionen der Ariane 6 geplant: die Ariane 62 mit zwei Feststoff-Boostern kann bis zu 4,5 Tonnen in einen geostationären Orbit befördern, die Ariane 64 mit vier Boostern mehr als zwölf Tonnen. So können schwere und mittelschwere Satelliten, komplexe Teleskope oder Kleinsatelliten transportiert werden. "Was wir jetzt brauchen, sind Aufträge", sagt Godart.

Schließlich haben die etwa 600 Zulieferer in 13 Ländern viele Millionen Euro investiert, um ihre Produktion zu modernisieren. Am Bau der Ariane sind allein in Deutschland mehr als 60 Firmen beteiligt. Einer der wichtigsten Zulieferer ist MT Aerospace mit einem Anteil von etwa zehn Prozent, was dem Unternehmen etwa 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr beschert. Die OHB-Tochter stellt in Augsburg Komponenten für die Oberstufentanks her.

MT Aerospace hat gerade eine weitere Produktionshalle in Augsburg und eine 4000-Quadratmeter-Halle in Bremen gebaut - neben der neuen Halle der Ariane-Group. Auch hier gilt: "Wir brauchen schlankere Prozesse, um mit der gleichen Mannschaft größere Stückzahlen für die Ariane 6 bauen zu können", sagt MT-Aerospace-Chef Hans Steininger. Die Rede ist von 250 Mitarbeitern in der Produktion. "Die Kunst ist, dass der Mitarbeiter, der den letzten Niet an der Ariane 5 setzt, auch weiß, was er am nächsten Tag an der Ariane 6 zu tun hat", sagt er. "Wenn das Hochfahren auf Ariane 6 geordnet läuft, haben wir einen smoothen Übergang."

Manche Komponenten gehen von Augsburg direkt in die MT-Halle nach Bremen und werden dort zu einem riesigen Wasserstofftank mit 5,40 Metern Durchmesser verschweißt. Dann geht es dort durch ein Rolltor in die benachbarte Ariane-Halle, in der die Tanks mit den Triebwerken aus Vernon und Ottobrunn verbunden, mit Leitungen versehen und isoliert werden. Die Oberstufe hat eine Länge von etwa 14 Metern. In die 6000-Quadratmeter große Halle, die in zwei Reinräume unterteilt ist, haben Ariane-Group und Esa 40 Millionen Euro investiert. 80 Mitarbeiter können hier zwölf Oberstufen im Jahr bauen, bei drei Schichten sogar 16. "Wir kommen von einer Dockfertigung, wie wir es aus dem Schiffbau kennen, zu einer Serienfertigung", sagt Ariane-Produktionschef Jens Wenke.

Seine Mitarbeiter bauen bereits Testkomponenten und die erste Ariane-6-Oberstufe. Es herrscht Betriebsamkeit in der Halle. Auf einer Seite wird gerade ein Integrationsstand für den Triebwerksträger hochgezogen. In der Sprühkabine testen Mitarbeiter ein neues Verfahren, um die Tanks zu isolieren. Früher mussten sie die Schicht mühsam aufkleben, nun geht es schneller per Sprühvorgang. Dies ist einer dieser neuen Arbeitsschritte, die die Produktion beschleunigen. Anderswo helfen neue Schweißverfahren. Wesentlichen Anteil daran hat auch die zunehmende Automatisierung. In einem Video bewegt sich die Oberstufe wie von Geisterhand vom Rolltor zur Laser-Oberflächenreinigung und zu den Arbeitsbühnen, an denen die Komponenten zusammengefügt werden. Die Bühnen öffnen und schließen automatisch und müssen nicht mehr auf- und abgebaut werden. "Wir liefern aus Bremen eine komplett gefertigte Stufe, die Plug-and-Play in Kourou eingesetzt werden kann", sagt Wenke stolz.

Kritiker fürchten, dass die Ariane 6 trotzdem schon wieder veraltet ist - auch weil Space-X auf wiederverwendbare Raketenstufen setzt. Doch auch hier will die Ariane-Group aufholen: Die Europäer entwickeln gerade das Triebwerk Prometheus, das mehrmals genutzt werden kann, leichter ist und ein Zehntel der jetzigen Triebwerke kosten soll. Außerdem entwickelt MT Aerospace eine Oberstufe aus leichtem Kohlefaser-Werkstoff. "Ab 2030 wird die Ariane 6 anders aussehen", sagt MT-Chef Steininger.

Pierre Godart wartet derweil auf die Esa-Ministerratskonferenz Ende 2019, wo er sich Zugeständnisse für Ariane erhofft. Dies zeigt wiederum: Bei Space-X kann sicher schneller agiert werden.