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Weltwassertag:Geschäftsmodell Wasser

Bei professionellen Investoren sind private Wasserversorger beliebt, denn sie gelten als rentabel und nachhaltig. Aber staatliche Unternehmen arbeiten oft effizienter.

Von Jonas Schulze

Aus dem All betrachtet ist die Erde ein blauer Planet. Etwa zwei Drittel der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Wasser scheint im Überfluss vorhanden zu sein, aber der Eindruck täuscht. Nur etwa 2,5 Prozent des Wasserhaushalts der Erde besteht aus Süßwasser, und nur ein kleiner Teil davon ist trinkbar. Auch steigt der Bedarf nach Wasser seit Jahren. Seit den 80er-Jahren hat sich der weltweite Wasserverbrauch jährlich um etwa ein Prozent erhöht, Forscher rechnen damit, dass sich dieser Trend bis zum Jahr 2050 weiter fortsetzt. Am Weltwassertag an diesem Sonntag, der 2020 unter dem Motto "Wasser und Klimawandel" steht, erinnern die Vereinten Nationen deswegen daran, welche Bedeutung der Wasserversorgung zukommt.

Unter Finanzinvestoren gilt die Wasserversorgung als Schlüsselbranche. In den vergangenen Jahren haben Banken und Vermögensverwalter zahlreiche Investmentfonds aufgelegt, die in Unternehmen investieren, die sich mit Produkten und Dienstleistungen rund um die Wertschöpfungskette Wasser beschäftigen. Nach Angaben der Ratingagentur Scope-Analysis hatten Anleger in Deutschland im Februar 17 auf Wasser spezialisierte Themenfonds zur Auswahl, die ein Gesamtvermögen von rund 13,2 Milliarden Euro verwalten. Etwa zwei Milliarden davon fallen auf den Fonds Parvest Aqua, der vom Australier Justin Winter betreut wird. Der Fonds hält Anteile an 52 Unternehmen, die mindestens 20 Prozent ihres Umsatzes mit der Ressource Wasser erzielen. "Die wachsende Weltbevölkerung, der Klimawandel und die Landflucht stellen die Infrastruktur vor enorme Herausforderungen", sagt Winter. Um eine zunehmende Wasserknappheit zu verhindern seien hohe Investitionen nötig.

Die privaten Haushalte sind nur für etwa zwölf Prozent des globalen Wasserverbrauchs verantwortlich. Der mit Abstand größte Verbraucher ist die Landwirtschaft mit fast 70 Prozent des Weltbedarfs. Besonders die Rinder- und Schweinemast sind sehr wasserintensiv. Auch Industrieprodukte benötigen bei der Herstellung große Wassermengen. "Ein Blatt Papier verbraucht bei der Herstellung 10 Liter Wasser, ein T-Shirt 100 Liter und eine Smartphone 1 000 Liter", sagt Winter. Investitionen in Unternehmen, die etwa an technischen Lösungen zur Wasseraufbereitung forschen oder Rohre und Pumpensysteme herstellen, seinen deshalb sowohl rentabel als auch nachhaltig. Tatsächlich konnte Winters Fonds im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre leicht besser abschneiden als der Vergleichsindex MSCI-World-NR. Wie sozial oder nachhaltig die Anlage ist, kann man aber in Frage stellen. Denn unter den wichtigsten Positionen des Fonds finden sich mit den französischen Unternehmen Suez und Veolia zwei private Wasserversorger, die etwa in den USA davon profitieren, dass sich der Staat aus der Wasserversorgung zurückzieht.

Einer Studie der Organisation Food-and-Water-Watch zufolge müssen Privathaushalte in den USA bei privaten Wasserversorgungsunternehmen im Durchschnitt 59 Prozent mehr bezahlen als bei staatlichen oder kommunalen Betrieben. Auch in England stiegen die Wasserpreise nach der Privatisierung im Jahr 1989 deutlich an. Fondsmanager Winter glaubt, dass viele Kommunen trotzdem von der Versorgung durch private Unternehmen profitieren können.

Dieser Ansicht widerspricht die Geschäftsführerin der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft, Kirsten Arp. In Deutschland habe besonders die Stadt Berlin schlechte Erfahrungen mit der Privatisierung der Wasserversorgung gemacht. In einem Volksentscheid im Jahr 2011 hätten sich die Berliner deshalb dafür ausgesprochen, die Teilprivatisierung rückgängig zu machen und ihre Anteile von Veolia und RWE zurückgekauft. In der Folge seien die Wasserpreise wieder gesunken.

In Deutschland leisten öffentlich-rechtliche Betriebe etwa 90 Prozent der Abwasseraufbereitung und 70 Prozent der Trinkwasserversorgung. "Unsere Preise sind günstig, und die Wasserqualität ist hervorragend", sagt Verbandsvertreterin Arp. Im Gegensatz zu kommunalen Betrieben müssten private Versorger Gewinne erwirtschaften. Der wirtschaftliche Druck habe international häufig zu Qualitätseinbußen geführt, während er sich in Deutschland eher in überhöhten Preisen niedergeschlagen habe.

Dass eine Privatisierung meist zu Preissteigerungen führt, ist in Deutschland bislang aber nicht belegt. Im Jahr 2016 hatten vier Wissenschaftler der Universität Leipzig in einer Vergleichsstudie die Trinkwasserversorgung der 100 größten Städte Deutschlands untersucht und keine signifikanten Unterschiede zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Versorgern festgestellt. Kirsten Arp sieht Betriebe in öffentlicher Hand trotzdem im Vorteil. "Die Entscheidungen der kommunalen Versorger sind demokratisch legitimiert, und erwirtschaftete Überschüsse fließen an die Gemeinden zurück", sagt Arp. Sie glaubt, dass das deutsche Modell auch ein Vorbild für andere Länder sein kann. "Wasser ist keine Ware und der Zugang zu Wasser ein Menschenrecht", sagt Arp. Der Staat müsse deshalb die Hoheit über die Wasserversorgung behalten.

© SZ vom 23.03.2020
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