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Weltkonzerne:Hallo, Robo-Taxi!

Baidu ist der größte Google-Konkurrent der Welt. Nun arbeitet auch der Autohersteller BMW mit diesem chinesischen Computer-Konzern zusammen.

Bei BMW nennen sie es "das Mondlandeprojekt". Baidu Inc, führende Internet-Suchmaschine in China, hat seine offene Plattform für automatisiertes Fahren Apollo getauft - wie die Mondraketen der Nasa. Die beiden Firmen wollen ganz offenbar gemeinsam hoch hinaus: Im Rahmen des Besuchs von Chinas Premier Li Keqiang bei Bundeskanzlerin Angela Merkel haben sie verkündet, dass BMW Vorstand von Apollo vertreten sein soll. Die Münchner haben als erster internationaler Autohersteller eine Testlizenz zum autonomen Fahren in Shanghai erhalten. Mercedes testet zwar auch vollautomatisierte Transporter der V-Klasse auf öffentlichen Straßen in Peking. Baidu aber ist schon einen Schritt weiter und produziert Roboter-Shuttles in Serie. Die Apolong-Busse mit Platz für 14 Passagiere sollen auf Hunderten von Kilometern in neun urbanen Zentren eingesetzt werden.

Baidu ist der weltweit größte Rivale von Google. Jetzt dehnen die beiden Tech-Giganten ihren Zweikampf auf den lukrativen Mobilitätsmarkt aus. Dabei agiert Baidu weniger als Privatfirma, sondern als nationaler Champion: Die technischen Standards der Apollo-Plattform sollen die Regulierungsbehörden bei ihrer Arbeit unterstützen. "Made in China 2025" und "Internet+" heißen die beiden wichtigsten nationalen Entwicklungspläne. Autos spielen dabei eine zentrale Rolle.

China will das autonome Fahren genauso aggressiv vorantreiben wie die Elektromobilität. Antrieb ist nicht die Kundennachfrage, sondern der Ehrgeiz, die USA und Europa technologisch zu überholen. Unter dem Projektnamen "Intelligent Connected Vehicle" (ICV) koordiniert die Regierung alle Entwicklungsaktivitäten. "Ich gehe davon aus, dass wir uns nach diesen ICV-Standards richten müssen, um den Zugang zu den Testregionen für das autonome Fahren und die dortige Infrastruktur zu bekommen", sagt Volkmar Tanneberger, Leiter des Saic-Volkswagen Joint Ventures mit 25 000 Mitarbeitern in China.

Bei den häufig wechselnden Direktiven zur Elektromobilität haben es ausländische Firmen immer wieder erlebt, dass sie erst drei Monate vor ihrem Inkrafttreten die genauen technischen Details erfuhren. Daher haben sie großes Interesse am Apollo-Konsortium. Nur so können sie halbwegs sicher sein, dass sie frühzeitig Einblick in neue technische Standards rund um das autonome Fahren erhalten. Im Fokus der Zusammenarbeit mit Baidu liegen laut BMW daher auch "Anforderungen landesspezifischer Zulassungsvoraussetzungen". Das ist um so wichtiger, weil die chinesische Regierung die Fördergelder für Elektrofahrzeuge zunehmend kürzt und auf ICV-Fahrzeuge umlenken will.

Autonomes Fahren wird sich in China grundlegend von der restlichen Welt unterscheiden. Während die westlichen Hersteller die Sensorik und Rechner im Auto unterbringen, werden die ICV-Mobile immer mit einer Leitstelle vernetzt. Durch die breitbandige Anbindung an ein zentrales Überwachungssystem können die Fahrzeuge wie ein Schwarm koordiniert und zur Not auch ferngesteuert werden. Diese Möglichkeit zum teleoperierten Fahren beschleunigt die Entwicklung von fahrerlosen Autos, weil sie nicht alle möglichen Sonderfälle selbst lösen müssen. Zudem werden die rollenden Computer durch die teilweise Verlagerung der Intelligenz in die Infrastruktur wesentlich günstiger.

In drei Jahren will BMW den Vorsprung von Googles Waymo einholen

Ohne ein modernes 5G-Funknetz funktioniert diese Autovision aber nicht. Deshalb lässt sie sich in Europa, das beim flächendeckenden Netzausbau für das kabellose Highspeed-Internet weit zurückliegt, nicht realisieren. BMW will die Baidu-Kooperation nutzen, um die Datenanalyse weiterzuentwickeln. Ein Anwendungsbeispiel ist die Fernsteuerung des autonomen Autos von zu Hause aus: Ein Sprachbefehl oder ein Klick in der Smartphone-App genügen, um den digitalen gesteuerten Chauffeur vorfahren zu lassen.

Noch führt die Google-Schwesterfirma Waymo die Roboter-Bestenliste der kalifornischen Verkehrsbehörde an. Im Laufe diesem Jahr wollen die Vorreiter große Flottentests in den USA starten. "Waymo hat am meisten Erfahrung beim autonomen Fahren. Wir versuchen, diesen Vorsprung in den nächsten drei Jahren einzuholen", sagt Elmar Frickenstein, BMW-Bereichsleiter "Autonomes Fahren". Daimler will in einer Kooperation mit Bosch zu einem führenden Anbieter von Roboter-Taxis werden. Die Stuttgarter haben bekannt gegeben, dass sie einen neuen Mobilitätsdienst in Kalifornien vorbereiten. Unter dem Namen "Daimler Mobility Services" soll das autonome Carsharing zunächst mit Sicherheitsfahrern und zwei Passagieren an Bord starten. Das Ziel sind fahrerlose Mini-Busse, die sich als Ruftaxis selbständig im urbanen Umfeld bewegen können.

Solche Mobilitätsdienste "on demand" gelten als heißeste Wette auf den Straßenverkehr der Zukunft. Ohne den Fahrer können sie trotz der teuren Technik an Bord günstiger werden als herkömmliche Taxifahrten - und individuelle Fahrzeuge in Innenstädten auf absehbare Zeit komplett ersetzen. Dieser technologische Durchbruch soll Studien zufolge das Stau- und Parkplatzproblem in Ballungszentren lösen und zudem Freiraum zum Beispiel für Grünflächen schaffen. So idyllisch solche Hightech-Visionen zuweilen anmuten: Beim Wettkampf um das führende Software-System für autonomes Fahren wird es nur wenige Gewinner geben.

Wer ein solches System als erster realisiert und die meisten Partner an sich bindet, errichtet hohe Eintrittshürden für alle folgenden Wettbewerber. Das haben Google und Baidu mit ihren Internet-Diensten gezeigt. Sie spielen im Netz ein sehr wichtige Rolle, die meisten Websites werden über Suchmaschinen erreicht. Google hat mit Android auch das dominante Betriebssystem für Smartphones entwickelt, das weltweit die meisten App-Entwickler an sich bindet. Ein solches System strebt Baidu nun für das autonome Fahren an.