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WEF-Gründer Schwab:"Zum Feiern kommt keiner nach Davos"

Stolz auf Erfolge: Gründer Klaus Schwab wehrt sich gegen Kritik am Weltwirtschaftsforum, das er für viel mehr hält als ein Partyereignis.

K.-H. Büschemann

Klaus Schwab wurde 1938 in Ravensburg geboren. Er studierte Maschinenbau und Wirtschaft in der Schweiz. Von 1972 bis 2002 war er Professor für Business Policy in Genf. Schwab hat nach eigenen Angaben 1969 die Stakeholder-Theorie begründet, nach der auch Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten ihre Interessen in Unternehmen haben und nicht nur die Aktionäre. Seit 1971 veranstaltet Schwab das Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, Foto: AFP

Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums: "Der Shareholder-Value-Gedanke, also die Betonung der Interessen von Aktionären, wurde in den zurückliegenden zehn bis 15 Jahren überbetont."

(Foto: Foto: AFP)

SZ: Herr Professor Schwab, Sie veranstalten 2010 zum 40. Mal das Weltwirtschaftsforum. Jedes Jahr steht über der Veranstaltung ein wohlklingendes Motto, als gehe es darum, in Davos die Welt zu retten. Was haben Sie erreicht?

Schwab: Es ist schwierig, unsere Leistungen im Einzelnen auszuweisen. Aber das Forum hat das Bewusstsein darüber geschärft, dass die Herausforderungen der Welt nicht von den Regierungen, den Unternehmen oder den Organisationen allein gelöst werden können, sondern dass eine Zusammenarbeit nötig ist.

SZ: Aber die Welt ist seit dem ersten Forum nicht besser geworden. Sind Sie nicht gescheitert?

Schwab: Wir haben maßgeblich dafür gesorgt, dass in der Welt das Umweltbewusstsein zugenommen hat. Wir haben politisch einiges bewirkt wie zwischen der Türkei und Griechenland, in Südafrika und im Nahen Osten. Die Nordatlantische Freihandelszone Nafta hat in Davos ihren Ursprung. Wir begleiten seit 30 Jahren China bei seinem Öffnungsprozess. Das Gleiche gilt für Indien.

SZ: Aber auch Sie konnten das Entstehen wie das Platzen der Internetblase am Beginn des Jahrtausends nicht verhindern. Das Gleiche gilt für die jetzige Finanz- und Wirtschaftskrise.

Schwab: Wenn man wie in Davos eine Zusammenballung von vielen Menschen hat, sind sie eher zu optimistisch als zu pessimistisch. Wir haben aber in unseren Risiko-Reports frühzeitig auf diese Gefahren hingewiesen.

SZ: Warum sollen Sie die Welt verbessern?

Schwab: Ich fühle mich wie ein Kreator oder wie ein Künstler. Ich liebe es, Probleme zu sehen und dafür zu sorgen, dass man etwas tut, um sie zu lösen.

SZ: Sie haben 1971 mit 444 Personen in Davos angefangen, die in einem winterlichen Bergort über Probleme der Welt nachdachten. Dieses Jahr kommen über 2500 mit ihren Begleitern. Davos ist zum Medienereignis geworden. Muss die Veranstaltung nicht wieder kleiner werden?

Schwab: Es kann nicht mehr größer werden, kleiner aber auch nicht. Wir haben mal als europäisches Forum angefangen. Heute sind wir ein Weltwirtschaftsforum. Wir wollen alle an der Wirtschaft Beteiligten dabeihaben, also Gewerkschafter genauso wie die Konzernchefs, Frauenvertreter wie Repräsentanten der jungen Unternehmer. Das hat natürlich Einfluss auf die Größe.

SZ: Bei diesem Auftrieb ist doch ein Gespräch kaum noch möglich.

Schwab: Wir versuchen, dem entgegenzuwirken, indem wir die Großveranstaltung mit vielen kleinen Treffen kombinieren. Davos ist ein Gipfel der Gipfel.

SZ: Der Davoser Gipfel ist vielfach kritisiert worden als Forum, auf dem ein paar Kapitalisten über das Schicksal ganzer Nationen entscheiden. Haben Sie Verständnis für diese Kritik und für Gegenveranstaltungen?

Schwab: Wir bauen auch Vertreter der sogenannten Basis in unsere Programme ein. Davos ist für jeden, der etwas zu sagen hat, eine Plattform. Allerdings wollen wir keine Ideologen, die nur antreten, um ihre Mission durchzubringen. Jeder Teilnehmer muss zum Dialog fähig sein.

SZ: Und die Proteste?

Schwab: Davos wird immer mit Riesendemonstrationen in Verbindung gebracht. Das ist eine verzerrte Sicht. Die größte Demonstration hatte vor einigen Jahren 3500 Teilnehmer. Das Thema wird hochstilisiert, wegen des hohen Sicherheitsaufwandes. Der hat aber seinen Grund nicht in den Demonstrationen, sondern darin, dass die Schweizer Regierung die Sicherheit der vielen Staats- und Regierungschefs sicherstellen muss, die nach Davos kommen.

SZ: Dieses Jahr soll ein Davos der Nachdenklichkeit werden. Sie wollen ins Gedächtnis rufen, dass es in den Unternehmen nicht nur auf die Aktionäre ankommt, sondern auch auf die Mitarbeiter, die Kunden und Lieferanten. Glauben Sie an die Rückbesinnung auf die Theorie der Stakeholder, die Sie vor über 40 Jahren selbst begründet haben?

Schwab: Ja. Der Shareholder-Value-Gedanke, also die Betonung der Interessen von Aktionären, wurde in den zurückliegenden zehn bis 15 Jahren überbetont. Das führte dazu, dass durch Boni und Gewinnbeteiligung einseitig die Interessen der Aktionäre bedient wurden. Wenn wir dabei bleiben, werden die großen Unternehmen von der Gesellschaft bald nicht mehr akzeptiert. Es ist unsere Aufgabe, die Wirtschaft darauf hinzuweisen. Es ist im langfristigen Interesse der Wirtschaft, zu mehr Stakeholder-Denken zurückzukehren.

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