Webasto:Batterien statt Dächer

Employees work at a Webasto plant in Wuhan

Das Werk des Autozulieferers Webasto in Wuhan. In der Region nahm das Coronavirus seinen Anfang.

(Foto: ANDREAS RINKE/REUTERS)

Holger Engelmann bekämpfte beim Automobilzulieferer Webasto Corona - jetzt sucht er Wege aus der Krise.

Von Thomas Fromm

Ja, er hätte die Journalisten am Tag der Jahrespressekonferenz lieber persönlich getroffen. "Dann könnte ich Ihre Gestik und Mimik besser erkennen", sagt Holger Engelmann. Dabei lässt sich auch per Videoschalte einiges erkennen. Zum Beispiel der Mundschutz, der über dem Krawattenknoten des Webasto-Chefs baumelt. Den trägt er wegen Corona schon sehr lange, wahrscheinlich länger als die meisten Menschen in diesem Land.

Denn Webasto, das ist jener Autozulieferer aus dem Münchner Umland, der das Virus schon bekämpfte, als man noch glaubte, es handele sich um ein rein chinesisches Phänomen.

Es begann Mitte Januar mit einer Webasto-Mitarbeiterin aus einer Niederlassung in Shanghai, die für einen Workshop in die Zentrale nach Stockdorf gekommen war. Nachdem sie drei Tage später mit schweren Symptomen wieder abreiste, häuften sich die Corona-Fälle bei Webasto - am Ende waren 16 Menschen infiziert. Und aus Webasto, dem Hersteller von Panorama- und Schiebedächern und seit einiger Zeit auch von Elektroauto-Batterien und Ladelösungen, war so etwas wie der erste Corona-Krisen-Konzern außerhalb Chinas geworden. Alle sprachen über Webasto und Infektionen. Keiner über Cabriodächer.

Vier Monate später hat das Virus auch die Bilanzen des Unternehmens erwischt. Im ersten Quartal brach der Umsatz um 18 Prozent ein, vor Zinsen und Steuern stand ein Verlust von 40 Millionen Euro. "Es war heftig", sagt Engelmann. Und dass man sich nun "für zwei schwierige Jahre rüsten" müsse. Mehr könne man derzeit kaum sagen. Eine valide Jahresprognose in dieser weltweiten Corona-Lage?

Ausgeschlossen.

Engelmann zeigt dafür eine Präsentation, eine Seite ist dabei besonders dramatisch illustriert. Unter der Überschrift "Gewaltige Herausforderungen" ist eine Landstraße zu sehen, die mitten in eine schwarze Gewitterfront hineinführt. Dunkle, bedrohliche Wolken, ein Blitz über dem Feld - sieht so etwa die Zukunft aus? Und wenn ja: Was kann man dagegen tun? Die Vorstandsvorsitzenden von VW, BMW und Daimler hätten gerne staatliche Kaufprämien, um das Geschäft wieder zu beleben. Das soll dann auch das Geschäft von Unternehmen wie Webasto absichern.

Engelmann zögert. Kaufhilfen? "Keine einfache Frage", sagt er. Klar, der Absatz müsse "stimuliert" werden, und solche Hilfen kämen auch ihm und anderen Dienstleistern zugute. Aber wenn, dann nur kurz. Eine Investition in das Vertrauen der Verbraucher, danach sollten solche Zuschüsse schnell "wieder abgebaut werden", so Engelmann. Denn das, was jetzt bei allen anstehe - der technologische Wandel bei den Motoren -, das müsse die Autoindustrie schon hinkriegen.

Allein in China hat Webasto elf Werke - das größte davon steht in Wuhan

Mitten in der Krise will Engelmann sparen und gleichzeitig sein Unternehmen neu ausrichten. Einerseits: Es werden keine Leute mehr eingestellt, Besetzungen gibt es nur noch intern. Und die Eigentümer verzichten auf Dividenden: "Das Geld bleibt im Unternehmen", sagt der Webasto-Chef. Andererseits: Der Zulieferer will sich unabhängiger machen von Dächern und Standheizungen und drängt in einen Markt, der in den nächsten Jahren noch sehr wichtig werden könnte: das Geschäft mit Batterien und Ladelösungen für Elektroautos. Erste Aufträge eines skandinavischen und eines japanischen Lkw-Herstellers und auch eines südkoreanischen Autoherstellers gebe es bereits, so der Manager. Und dann gibt es noch China: gestern noch das Land, aus dem das Coronavirus in die Unternehmenszentrale nach Stockdorf kam. Jetzt, wo die Wirtschaftskrise in den USA immer dramatischer wird und auch der europäische Automarkt am Boden ist, wird Asien mehr noch als vor Corona zur Zukunft erklärt.

Wenn dort die Krise bewältigt ist, sagt Engelmann, "werden wir mehr als 50 Prozent unseres Umsatzes in Asien machen". Schon heute entfallen 46 Prozent des gesamten Umsatzes auf die Region - der Anteil war noch gestiegen, nachdem Webasto im vergangenen Jahr das südkoreanische Gemeinschaftsunternehmen Webasto Donghee komplett übernommen hatte.

Webasto, der bayerisch-asiatische Konzern: Allein in China hat man schon elf Werke, das größte davon steht in Wuhan, also da, wo das Virus seinen Anfang nahm. Vier Monate nachdem Corona von Shanghai nach Stockdorf kam, ist das die Botschaft: Es soll jetzt da weitergehen, wo es zuletzt aufgehört hatte. Vorausgesetzt, es kommt zu keiner zweiten Welle. "Ich habe der Chinesin im Januar die Hand gegeben und habe mich nicht angesteckt", sagt Engelmann. Was natürlich nicht viel zu bedeuten hat - da hatte er wohl einfach Glück gehabt.

© SZ vom 20.05.2020
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