Wasserstoff:Explosives Gemisch

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Fahrzeugstudie mit Wasserstoffantrieb: BMW i Hydrogen NEXT. Copyright BMW, Online-Rechte frei.

Fahrzeugstudie von BMW: Wasserstoff kann über Brennstoffzellen Motoren antreiben und so Treibstoff einsparen.

(Foto: oh)

Es wird höchste Zeit für eine Strategie für den Wasserstoff. Immerhin will die Bundes­regierung mit der Technik in eine klimafreundliche Zukunft. Wie ehrgeizig sie diese Zukunft aber angehen will, darüber gibt es Streit.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Allein die Bemerkung auf Seite 16 spricht Bände. "Bitte nochmal alle Ressorts prüfen, ob die Verzögerungen bei der Strategie Anpassungen der Maßnahmen erforderlich machen", schreibt das Wirtschaftsministerium - "insbesondere Starttermine". So steht es in einer Randnotiz des jüngsten Entwurfs der "nationalen Wasserstoffstrategie". Ist schließlich eine Weile her, dass die Regierung sich an die Strategie gemacht hatte. Da kann sich mancher Plan auch mal als überholt erweisen.

Noch Ende letzten Jahres sollte die Strategie verabschiedet sein, als "zentraler Bestandteil unserer Dekarbonisierungsstrategie", wie es in dem Entwurf heißt. Doch daraus wurde nichts. Seither schiebt die Regierung die Strategie vor sich her. Bei der Kabinettssitzung diesen Mittwoch sollte sie endlich beschlossen werden - doch auch das wird nicht passieren. Die Ministerien können sich nicht darauf einigen, wie ehrgeizig die Ziele darin sein sollen. Selbst CDU-geführte Ministerien sind uneins.

Auf dem Weg zum klimaneutralen Deutschland gilt Wasserstoff mittlerweile als Wunderwaffe. Schon jetzt lassen sich damit Stahl oder Chemieprodukte herstellen, ohne die Atmosphäre stark mit Treibhausgasen zu belasten. Wasserstoff könnte über Brennstoffzellen Schiffe, Lastwagen und Generatoren antreiben und so jede Menge Diesel einsparen. "Wasserstoff ist das Öl und das Gas der Zukunft", schwärmt Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands BDI. "Er ist entscheidend für die Zukunft unseres Industriestandorts."

Die Auffassung teilen im Prinzip alle in der Bundesregierung, nur über den Weg gibt es Streit. Eine Weile war umstritten, wie der Wasserstoff hergestellt werden soll: allein aus erneuerbaren Energien? Oder auch mithilfe fossilen Erdgases? Zumindest das ist beigelegt: Nur "grüner Wasserstoff", der auf Basis erneuerbarer Energien hergestellt wird, sei "auf Dauer nachhaltig", soll es nun in der Strategie heißen. Technisch ist das längst möglich, per Elektrolyse kann man Wasserstoff zum Beispiel aus Windkraft erzeugen. Doch wie viel lässt sich davon bis 2030 herstellen?

Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium, seit jeher zurückhaltend bei der Formulierung allzu anspruchsvoller Ziele, würde es gerne bei einer Elektrolyseleistung von "mindestens 3, möglichst 5 Gigawatt" bewenden lassen. Vom geschätzten Bedarf im Jahr 2030 - um die hundert Terawattstunden Energie - ließen sich so 14 Terawattstunden heimisch erzeugen. Vor allem Windkraftanlagen zur See könnten dabei zum Einsatz kommen.

Dem Forschungsministerium geht das nicht weit genug. Nötig sei jetzt eine echte "Aufbruchstimmung", sagt Forschungsministerin Anja Karliczek. "Da müssen wir noch eine große Schippe drauflegen", sagt sie. Das spreche eher für zehn Gigawatt Leistung. "Wir wollen ja eine ambitionierte Zielsetzung." Herstellung, Transport und Anwendung von Wasserstoff könnten zum Exportschlager für Deutschland werden, wirbt die CDU-Frau. Gerade der deutsche Maschinenbau könne von einer Wasserstoff-Zukunft profitieren, hochwertige Jobs könnten entstehen.

Das sieht auch die SPD-Fraktion so, und mit ihr offenbar Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). "In Deutschland wollen wir die Elektrolyseleistung von Wasserstoff mit Strom aus erneuerbaren Energien bis 2030 auf mindestens 10 Gigawatt erhöhen", heißt es in einem Mitte Mai beschlossenen Positionspapier der Fraktion. "Hinzu kommt der Import." Das Bundeswirtschaftsministerium müsse "schleunigst liefern", verlangte Fraktionsvize Sören Bartol, wolle es nicht zum "Innovationshemmnis" werden.

Dort grassiert vor allem die Angst, die wachsende Nutzung des Windstroms für die Erzeugung von Wasserstoff könnte ein anderes Ziel konterkarieren: Schließlich sollen bis 2030 auch 65 Prozent des deutschen Stroms aus grünen Energien kommen. Für beides, zehn Gigawatt Wasserstoff und 65 Prozent Ökostrom, reiche der Platz nicht, heißt es aus dem Ministerium. Der Wasserstoff dürfe nicht "mit utopischen Zielen" vorangetrieben werden.

Die Beamten von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ersannen deshalb einen bemerkenswerten Kompromiss: Zu den drei bis fünf Gigawatt Elektrolyseleistung "in Deutschland" soll noch eine "weitere deutsche Elektrolyseleistung von bis zu fünf Gigawatt" kommen. Nur soll die "deutsche" Leistung nicht zwingend in Deutschland stehen, sondern gern auch in "Anrainerstaaten" von Nord- und Ostsee. Der Trick verfing offensichtlich nicht.

In einem allerdings ist die Bundesregierung derzeit einig: Es wird höchste Zeit für eine Strategie für den Wasserstoff. Der Rest der Welt schläft schließlich nicht. Nächste Woche soll die Wasserstoffstrategie, Stand jetzt, wieder auf die Tagesordnung. Irgendwann muss es ja klappen.

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