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Warren Buffett:Woodstock für Kapitalisten

Berkshire Hathaway Inc. Annual Shareholders Meeting

Er mag seine Anleger, und sie mögen ihn: Warren Buffett unterhält seine Anteilseigner mit Zeitungsweitwurf.

(Foto: Daniel Acker/Bloomberg)

Die Investorenlegende ruft zum 50. Aktionärstreffen. Ein Besuch in Omaha - zwischen Fans und wenigen Kritikern.

Von Kathrin Werner, Omaha

Dann humpeln die Helden auf die Bühne. Es regnet Konfetti, das Licht bricht sich in bunt glitzernden Papierschnipseln und rührungsfeuchten Augen. Die Menschen springen auf zum Applaus, Scheinwerfer tanzen über ihre Köpfe. Aus den Boxen tönt "With a Little Help from My Friends" von den Beatles. Die Aktionäre toben, klatschen, lachen, ihre Stars sind da: Warren Buffett, 84 Jahre alt, und sein Co-Chef Charlie Munger, 91 Jahre. Zwei schlohweiße Schöpfe, zwei dicke Brillen, zwei faltige Gesichter auf dünnen Hälsen, zwei schief sitzende Krawatten. "Ich bin Warren und das ist Charlie", sagt Buffett, als der Jubel abebbt. "Er kann hören und ich kann sehen. Wir arbeiten zusammen."

Willkommen beim jährlichen Aktionärstreffen von Buffetts Investmentfirma Berkshire Hathaway in Omaha mitten im amerikanischen Bundesstaat Nebraska. Berkshire Hathaway wird in diesem Jahr 50 Jahre alt und zum Jubiläum sind mehr Fans angereist als je zuvor: 44 000. Das Treffen trägt den Spitznamen "Woodstock für Kapitalisten". Das stimmt nicht ganz.

Buffetts Beteiligungen legten in 50 Jahren um mehr als 750 000 Prozent an Wert zu

Zwar sind sie wie damals die Woodstock-Hippies angereist, um ihrem Idol zu huldigen und um Teil einer Bewegung zu sein, dem Kult der Buffett-Fans. Aber hier regieren das Geld und der freie Markt, nicht die freie Liebe. Statt ausgelassen durch den Schlamm zu rutschen sitzen die Geld-Liebhaber in den Klappsitzen von Omahas Basketball-Arena, stellen Buffett Fragen und lauschen, wie er ihnen die Welt erklärt. Genauer gesagt: den Kapitalismus.

Zu Berkshire Hathaway gehören etwa der riesige Autoversicher Geico, mehrere Energieversorger, der Bahnbetreiber BNSF, dazu noch Beteiligungen an American Express, der Bank Wells Fargo, Coca-Cola, IBM, American Express, Wal-Mart, dem deutschen Rückversicherer Munich Re und dem Konsumgüterhersteller Procter & Gamble. Sein Unternehmen ist an der Börse fast 364 Milliarden Dollar wert. Der Buchwert, also der Wert aller Beteiligungen zusammen, stieg in 50 Jahren laut Aktionärsbrief um mehr als 750 000 Prozent.

Zum Auftakt des Treffens liefert Buffett Quartalszahlen: Der Gewinn stieg im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent auf 5,16 Milliarden Dollar, der Umsatz um sieben Prozent auf 48,6 Milliarden Dollar. Buffett hat viele hier auf seiner Hauptversammlung sehr reich gemacht, auch sich selbst, den derzeit drittreichsten Menschen der Welt. Die Fans standen seit Sonnenaufgang Schlange im Nieselregen, bis um sieben Uhr endlich die Tore öffnen für das große Event. Ein japanisches Pärchen hat sein gesamtes Erspartes in eine Berkshire-Aktie und die zwei Tickets nach Omaha investiert. Eine Gruppe BWL-Studenten der Columbia University ist aus New York eingeflogen. Ein älterer Herr aus Südkorea schwärmt von "seinem Idol, dem besten Geschäftsmann aller Zeiten". Victoria Rentrop aus Bonn ist 13 Jahre alt, hat schon eine Berkshire-Aktie und schulfrei bekommen, wenn sie ein Referat über Buffetts Treffen hält. Und Jimmy Seeber aus Florida sagt, dass er sich nichts im Leben so sehr gewünscht hat, wie einmal Buffett zu sehen. "Ich dachte, ich mache es so schnell es geht, man weiß ja nie."

Man weiß ja nie, wie lange die beiden Alten das Unternehmen noch führen können. Berkshire Hathaway ist wie wohl keine andere Finanzfirma mit ihrem Gründer und Chef verknüpft - und mit Charlie Munger, dem stillen Strategen. Buffett ist der Vorzeige-Kapitalist, erfolgreichster Investor des 20. Jahrhunderts. Sein Erfolg und sein Instinkt sind legendär, man nennt ihn "Orakel von Omaha". Buffett hat Nachfolger auserkoren, aber er verrät nicht, wer es ist oder ob es mehrere geben wird.

Der beste Tag, um Berkshire-Aktien zu kaufen, wird wahrscheinlich sein Todestag sein, sagt Buffett. "Ich mache mir natürlich Gedanken darüber", sagt Buffett-Fan Seeber. "Aber ich vertraue ihm mit so vielen Dingen und auch damit. Er wird sich schon Gedanken darüber gemacht haben."

Es gibt ein paar harte Fragen von kritischen Köpfen auf dem Jubiläumstreffen, zum Beispiel wie es sein kann, dass Buffett immer häufiger mit dem Finanzinvestor 3G zusammen arbeitet, der so anders ist als alles, was Buffett stets predigt: Bei seinen Deals soll es nicht um schnelle Gewinne gehen, man könne auch auf anständige Weise Geld verdienen, mit gesundem Menschenverstand statt Trickserei. 3G dagegen ist ein klassischer Hedgefonds, der Firmen kauft, mit Krediten vollpumpt und so viele Arbeitsplätze wie möglich abbaut. "Haben Sie aufgegeben, Kapitalismus mit Mitgefühl zu verbinden?", fragt ein Aktionär. Wenn ein Unternehmen zu viele Mitarbeiter habe, müssten die eben gehen, sagt Buffett. "Effizienz ist Pflicht im Kapitalismus." Im März hatte er mit 3G die Fusion der US-Lebensmittel-Konzerne Heinz Ketchup und Kraft Foods eingefädelt.

Der Guru erzählt stattdessen vom guten Kapitalismus, von Investments, die man am besten 100 Jahre behalte, und wie man eine positive Unternehmenskultur schafft. Er gibt Lektüretipps (Adam Smiths "Wohlstand der Nationen"), preist die amerikanische Wirtschaft und den Dollar. Auch Deutschland bekommt Lob für die Ingenieurskunst und die Tatsache, dass "die Deutschen weniger arbeiten und mehr produzieren", sagt Munger. "Ich habe das immer bewundert." Berkshire hat gerade den Hamburger Mittelständler Louis, ein Unternehmen für Motorradzubehör, gekauft. "In den kommenden fünf Jahren werden wir mindestens noch ein weiteres Unternehmen kaufen", sagt Buffett. "Wir haben Deutschland jetzt mehr auf dem Radar."

Oft antwortet er ausweichend, aber die Menge applaudiert ihm trotzdem

Auf Fragen zur zuletzt kritisierten Kreditvergabepolitik einer seiner Firmen, die sich auf Billighäuser für Amerikas Arme spezialisiert, antwortet er genauso ausweichend wie zum Risiko durch unerwünschte aktivistische Aktionäre, die sich bei Berkshire einkaufen könnten, um seine Firmenpolitik zu ändern. Die Menge applaudiert trotzdem. Es ist ein bisschen wie ein Auftritt des Lieblings-Komikers, über dessen Witze die Zuschauer auch lachen, wenn sie nicht besonders lustig sind.

In Omahas Basketball-Arena gibt es an diesem Wochenende eine Shopping-Ecke, in der Buffetts Firmen Rabatte geben. Es gibt Coca-Cola, Cowboy-Stiefel, Perserteppiche, Eiscreme, Kreditkarten, Küchenmesser, Fertighäuser und vieles mehr. Die Menschen schleppen große Tüten weg, voll etwa mit gelben Unterhosen mit Dollar-Zeichen-Muster und dem Konterfei der zwei lachenden Greise. Beim Buffett-Fanshop stehen die Menschen Schlange. T-Shirts mit Buffett-Aufdruck sind schnell ausverkauft.

Ein Siebtklässler aus Florida fragt die beiden, wie man Freunde gewinnt und es schafft, dass die Menschen einen mögen. Munger hat die Antwort: "Indem man sehr reich und sehr großzügig wird."

© SZ vom 04.05.2015

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