Volksabstimmung:"Ist es nicht wahnsinnig dekadent, durch die Straßen zu ziehen und Geld zu verteilen?"

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Dass es bisher kaum politische Unterstützung gibt? Ganz normal, beruhigt dm-Gründer Götz Werner die Zuhörer. "Politiker sind unkreativ. Ihre Kunst ist es nicht, Neues hervorzubringen. Aber wenn ein Politiker spürt, es ist etwas Großes im Kommen - Sie glauben nicht, wie schnell er sich an die Spitze der Bewegung vordrängelt."

Einer aus dem Obama-Team sinniert herum, was Obama eigentlich ab 2017 mache. Man weiß es nicht. Für die Schweiz wäre er in jedem Fall zu spät dran.

Gut vier Monate haben sie hier noch, um den Abstimmungskampf für sich zu entscheiden. Die Ideen, die an diesem Samstag entstehen, kommen aus einer Graswurzelbewegung. Tanzende Roboter als Symbol dafür, dass uns künftig die Arbeit abgenommen wird. Das Gemeinschaftsspiel "Welcher Grundeinkommenstyp bist du?", Post-its in der Straßenbahn, Schatzsuche auf dem Weg zur Urne.

Und eben: Die Sache mit den Zehn-Franken-Scheinen. 100 000 Franken wollen die Aktivisten in den nächsten Monaten unter die Leute bringen, gestempelt und mit kleinen Werbestickern. Aber dennoch: Es ist echtes Geld, mit dem man Eier, Milch und Miete bezahlen kann. "Ist es nicht wahnsinnig dekadent, durch die Straßen zu ziehen und Geld zu verteilen?", fragt eine Politikerin der alternativen Linken. "Manifestiert man so nicht das Bild der verschwenderischen, hedonistischen Nichtsnutze?"

Das Gegenargument, 100 000 Franken zu verteilen sei auch nicht dekadenter, als dafür Werbung zu kaufen, klingt überzeugend. Eine kleine Truppe macht sich mit Geldbündeln auf den Weg. Die Reaktionen in der Basler Fußgängerzone sind skeptisch. Was wollen diese Menschen? Warum nennen sie einen Zehn-Franken-Schein Flyer? Was hat es mit der Aussage auf sich, das Geld sei schon da, allein die Bedingungslosigkeit wäre neu? Und jetzt, wo man den Schein schon mal in der Hand hat: Darf man Danke sagen, den Sticker abmachen und sich ein Bier kaufen? Das ist es ja wohl nicht, was diese freundlichen jungen Leute wollen. Oder?

Die Aktion passt gut zur Initiative. Wer Geld geschenkt bekommt, wird zum Nachdenken angeregt. Das ist ein großartiger Effekt. Doch die Mehrheit der Schweizer, die für ihren wirtschaftsliberalen Pragmatismus bekannt ist, werden sie wohl nicht gewinnen. Erst recht nicht vor dem Hintergrund drängender globaler Probleme und der Flüchtlingskrise. "Es braucht drei Abstimmungen, bis sich das Grundeinkommen durchsetzt", diese Prognose hört man an diesem Samstag immer wieder, vielleicht um der Weltrevolutionsstimmung ein bisschen Pathos zu nehmen. Nur eine ältere Dame sagt unumwunden: "Jetzt sind wir so weit gekommen. Jetzt möchte ich das auch gewinnen."

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