Versicherungen:Telematik floppt

Policen, die das Fahrverhalten berücksichtigen, werden kaum gekauft.

Von Jonas Tauber, Hannover

Das mediale Interesse war groß, als der Hannoveraner Versicherer VHV vergangenen Herbst mit einer der ersten Telematik-Autoversicherungen Deutschlands auf den Markt kam. Bei solchen Tarifen beobachtet der Versicherer über ein im Fahrzeug befindlichen Sender das Fahrverhalten seiner Kunden und verspricht vorsichtigen Fahrern einen Rabatt, im Fall der VHV bis zu 30 Prozent. Vorstand Per-Johan Horgby sprach vor den versammelten Journalisten von nicht weniger als einem Meilenstein. "Mit der neuen Technik fragen wir den Kunden nicht mehr, wer bist du, sondern wie fährst du."

Aber bisher ist die Anzahl derer, die sich dieses Frage stellen lassen wollen, noch überschaubar. "Bis dato sind es keine 1000 Stück", sagte VHV-Vorstand Thomas Voigt bei der Vorstellung der Unternehmenszahlen zu den Vertragsabschlüssen. Laut Voigt gehört der hohe Beratungsaufwand zu den Gründen für die Zurückhaltung der Kunden. Für die Nutzung der Telematik müssen sie zusätzlich zu ihrem Versicherungsvertrag einen weiteren Vertrag abschließen. "Das Produkt ist erklärungsbedürftig." Bis Ende 2016 will die VHV 3000 Verträge an den Mann bringen.

Während Versicherer in Italien oder Großbritannien schon seit Längerem auf Telematik-Tarife setzen, sind sie hierzulande noch neu. Mit der Allianz hat einer der größten Kfz-Versicherer im April 2016 eine solche Police auf den Markt gebracht, Branchenprimus HUK-Coburg hat ebenfalls ein Angebot angekündigt. Über die Bedeutung der Tarife sind sich die Branchenexperten uneins. Sinnvoll können sie für Autofahrer sein, die den Versicherern als besonders hohes Risiko gelten und mit hohen Beiträgen "bestraft" werden, wie junge Männer mit Sportwagen. Die Versicherer hoffen darauf, dass die Technik zu weniger Unfällen führt.

Als Hemmnis für den Verkauf von Telematik-Tarifen in Deutschland gilt der hohe Stellenwert des Themas Datenschutz. Dieser Aspekt spielt bei der Zurückhaltung der VHV-Kunden laut Vorstand Voigt aber keine Rolle.

In der Autoversicherung hat die VHV 2015 insgesamt 230 000 Neuverträge verkauft, abzüglich Kündigungen bleiben noch 83 000 übrig. Auch der Bereich Bauversicherung, eine Spezialität der VHV, ist gewachsen. Häufig ging es laut Voigt dabei um den Bau von Wohnungen oder auch Infrastrukturprojekte. Der Wachstumstrend in der Sparte habe sich im ersten Halbjahr 2016 fortgesetzt.

© SZ vom 09.06.2016
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