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Versicherungen:Künstliche Intelligenz statt Gutachter

LeasePlan Versicherungs-Halbjahr: weniger Kfz-Schäden

Selbst ein kleiner Blechschaden kann jede Menge Papierkram verursachen. Da können Fotos helfen, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet werden.

(Foto: obs)

Die Allianz treibt die Digitalisierung des Konzerns voran und beteiligt sich dafür an Technologiefirmen. Doch geeignete Spezialisten sind nicht so einfach zu finden. Worauf es ankommt und was dies für Kunden bedeutet , erklärt Nazim Cetin, Chef der Investmenttochter Allianz X.

Von Jonas Tauber, Berlin

Der Autofahrer fotografiert seinen verbeulten Wagen und lädt die Bilder in eine App. Augenblicke später landen sie in einem Programm zur Bilderkennung, eine künstliche Intelligenz analysiert den Schaden. Einige Stunden später hat der Kunde die Schadenhöhe auf seinem Smartphone. Dann kann er sich entscheiden, ob er eine Reparatur oder eine Entschädigung per Überweisung will. Das Langenfelder Unternehmen Control Expert ist ein Dienstleister, der die Abwicklung solcher Versicherungsschäden digitalisiert. Dafür wurden Algorithmen programmiert, die anhand von Fotos schätzen können, wie teuer die Reparatur eines Unfallschadens ausfallen wird. Die Anfahrt für einen teuren Gutachter fällt somit weg.

Mehrere Versicherer setzen auf das Angebot, darunter die Allianz. Der Versicherer ist so überzeugt von dem Geschäftsmodell, dass er das Unternehmen direkt übernommen hat. Die Investment-Tochter für digitale Beteiligungen Allianz X hält die Mehrheit, das Bundeskartellamt hat zugestimmt. "Gemeinsam mit Control Expert erwartet die Allianz eine deutliche Verbesserung der Schadenbearbeitung durch künstliche Intelligenz und Automatisierung", sagt Allianz X-Chef Nazim Cetin. Der Manager soll für die Allianz innovative Digitalfirmen ausfindig machen und sich an ihnen beteiligen. Voraussetzung für ein Investment ist, dass es sich nicht nur finanziell lohnt, sondern auch einen Mehrwert für das Versicherungsgeschäft bringt.

Übergeordnetes Ziel der Allianz X-Investitionen ist es, die Digitalisierung des gesamten Versicherungskonzerns voranzutreiben. Bei der Digitalisierung hinkte die Assekuranz anderen Branchen lange Zeit hinterher. Das hat Digitalfirmen auf den Plan gerufen, die den etablierten, aber technologisch rückständigen Risikoträgern, Vermittlern und Dienstleistern Konkurrenz machten. Mit Allianz X wolle der Marktführer nützliche Digitalfirmen an sich binden, ihre Expertise nutzen und neue Geschäftschancen ergreifen, erklärt Cetin. "Aus den operativen Einheiten kommen immer wieder Hinweise auf interessante Kandidaten für eine Beteiligung", sagt er. "Wir entscheiden dann gemeinsam, ob wir jemanden reinlassen."

So wie die Smartphone-Bank N26. Beim Premium-Angebot des Online-Geldhauses ist ein Versicherungspaket der Allianz dabei. Zu den erklärungsbedürftigeren Investitionen von Allianz X zählt eine Beteiligung an der Drone Racing League in New York, der Liga für Wettrennen zwischen ferngesteuerten Drohnen. Bei dem Deal stehe weniger das Versicherungsgeschäft als der Marketingeffekt zur Stärkung der Marke Allianz im Vordergrund, sagt Cetin.

Damit der Mutterkonzern das volle Potenzial einer Beteiligung ausschöpft, sind die zuständigen Kollegen aus den operativen Einheiten bei jedem Deal von Beginn an dabei. "Aus unseren Beteiligungen können wir lernen, ob wir die richtigen Produkte im Angebot haben, ob wir die Kunden richtig ansprechen und ob wir technologisch schnell genug sind", erklärt Cetin.

Die Corona-Krise hat nicht dazu geführt, dass Allianz X die Arbeit eingestellt hätte. Das zeigt die Beteiligung am kanadischen Vermögensmanager Wealthsimple im Oktober. "Mit der jüngsten Runde ist Wealthsimple mehr als eine Milliarde Dollar wert", freut sich Cetin. Damit habe Allianz X insgesamt vier Unternehmen mit einer Milliardenbewertung im Portfolio. Digitalfirmen mit einem überzeugenden Geschäftsmodell haben auch in Pandemiezeiten kein Problem, an die für weiteres Wachstum nötigen Mittel zu kommen. Da ist er überzeugt.

Zum deutschen Markt sagt er, dass für Start-ups in der frühen Phase genügend Investoren bereitstünden. Später und mit steigendem Geldbedarf werde es hierzulande dagegen schwieriger. "Im Vergleich zu Nordamerika oder Asien sind die Europäer oft abwartender und wollen zunächst fertige Produkte und nachweisbare Gewinne sehen", sagt Cetin. Allianz X könne bis Jahresende drei weitere Übernahmen stemmen, das Volumen liege im dreistelligen Millionenbereich.

Dabei will das Unternehmen vorerst ohne zusätzliche Mittel des Mutterkonzerns auskommen. Die eine Milliarde Euro, auf die das Kapital von Allianz X 2019 mehr als verdoppelt wurde, soll reichen. Ein Nachschlag sei auch deshalb nicht nötig, weil Allianz X zuletzt von lukrativen Börsengängen zweier Portfolio-Unternehmen profitierte, darunter der Digitalversicherer Lemonade. "Das Team hat aus den uns anvertrauten Mitteln wirklich etwas gemacht - wirtschaftlich und strategisch", sagt Cetin.

Auf die Frage, was der größte Fehler wäre, den Allianz X in der aktuellen Pandemie machen könnte, verweist er auf die Wurzeln des Wortes Krise. Sprachlich leite sich Krise aus dem Griechischen für Beurteilung, Entscheidung ab. Der größte Fehler in einer Krise ist es nach seiner Ansicht, wichtige Entscheidungen aufzuschieben.

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