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Versicherungen:Anbieter lieben ihre lukrativen Altverträge

Kunden sollten alte Policen unbedingt prüfen lassen. Sonst zahlen sie oft drauf und haben weniger Schutz. Von sich aus teilen die Gesellschaften selten mit, wenn ein Tarif völlig veraltet oder viel zu teuer ist.

Von Katrin Berkenkopf, Köln

Es war mehr der Zufall, der den Rheinländer dieses Mal einen genaueren Blick auf die Rechnung seiner Versicherung werfen ließ. 82 Euro Jahresprämie wollte die Gothaer von ihm für seine private Haftpflichtversicherung. Seit rund 30 Jahren schon hatte er die Police, nie den Anbieter oder auch nur den Tarif gewechselt, einfach nur die Rechnung bezahlt.

Ein kurzer Blick ins Internet genügte, um ihm zu zeigen: Das war ein Fehler. Über die Jahre hat er mehrere Hundert Euro zu viel an Prämie bezahlt. Bei einer neuen Police wären auch die Leistungen deutlich umfangreicher. Die Versicherer verdienen an der Bequemlichkeit ihrer Kunden gut.

Mit der Police gab es zwei Probleme: Erstens hatte der damalige, längst pensionierte Versicherungsvertreter dem Single eine "Familienversicherung mit Kindern" verkauft - mit dem Argument, das sei das Standardangebot, die anderen Policen seien auch nicht billiger. Das mag damals so gewesen sein. Doch kostet die Familienversicherung heute fast doppelt so viel wie eine Police für einen Alleinstehenden.

Zweitens beträgt die Deckungssumme für die Altpolice nur drei Millionen Euro, nach Ansicht der Experten viel zu wenig. Beim Vergleichsportal Check24 schließen heute zwei Drittel der Kunden Verträge mit mindestens zehn Millionen Euro Schutz ab.

Außerdem gibt es inzwischen Leistungen, die bei älteren Verträgen noch gar nicht im Angebot waren, beispielsweise die Forderungsausfalldeckung. Sie ist heute laut Check24 in fast jedem Vertrag enthalten. Dann zahlt die eigene Haftpflicht für Schäden durch Dritte, wenn diese nicht versichert sind und den Schaden nicht begleichen können.

Gleichzeitig sind die Prämien deutlich zurückgegangen. Rund 42 Euro Jahresbeitrag kostet eine solche Police auf Vergleichsportalen heute für einen Single, einen ähnlichen Tarif bietet die Gothaer. Und selbst wenn der Rheinländer eine Familie hätte und deshalb eine Familienversicherung bräuchte, wäre der neue Policentyp bei der Gothaer neun Euro billiger - und hätte eine Deckung von zehn Millionen sowie der Forderungsausfalldeckung, also deutlich mehr Leistungen.

Ein jährlicher Check kann lohnen. Vergleichsportale im Internet geben einen ersten Überblick

Verbraucherschützer kennen das Problem. "Die Verträge vermodern in den Ordnern, und die Leute haben dabei das Gefühl, sie seien gut versichert", sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. "Dabei kann man leicht sparen, nicht nur in der privaten Haftpflicht, sondern auch bei Hausrat- oder Wohngebäudeversicherungen." In der Kfz-Versicherung rühren die Versicherer jedes Jahr vor dem 30. November die große Werbetrommel und bringen Kunden so dazu zu prüfen, ob sie nicht mit einem Wechsel Geld sparen können. Bei anderen Verträgen kommen sie nicht auf diese Idee. Für den Kunden lohnt sich auch hier ein kurzer jährlicher Check: Was hat sich verändert? Müssen die Kinder noch mitversichert werden, oder haben sie jetzt ihre eigene Versicherung? Was kostet die Police, wie hoch ist der Deckungsumfang? Reicht die Versicherungssumme bei der Hausratpolice?

"Eigentlich sollte es eine Verpflichtung der Gesellschaften sein, die Versicherten auf Neuerungen hinzuweisen", findet Bianca Boss. Für den Bund der Versicherten steckt hinter dem Schweigen der Versicherer Kalkül: Schließlich verdienen sie gut an überhöhten Prämien aus Altverträgen. Dafür nehmen sie dann in Kauf, dass einige Kunden verärgert wechseln, wenn sie dies entdecken. Boss setzt darauf, dass diese Kalkulation in Zukunft immer weniger aufgeht: Jüngere Menschen würden durch einen schnellen Klick ins Internet und auf Vergleichsportale veraltete Policen schneller erkennen und kündigen.

Die Gothaer weist eine böswillige Absicht zurück. "Wir weisen unsere Kunden beispielsweise bei jeder Beitragsanpassung auf der Hauptbeitragsrechnung darauf hin, dass eine Neuordnung des Vertrages meist mit Verbesserungen des Versicherungsschutzes verbunden ist", erklärt ein Sprecher. Merkwürdig - in der Rechnen an den Kunden mit der zu teuren Familienversicherung fehlt ein solcher Hinweis. Auch die Vertreter würden bei der "Vertragsmodernisierung" unterstützt. Der rheinische Kunde erhielt auf seine Nachfrage bei dem für ihn jetzt zuständigen Vertreter allerdings nur die vage Aussage, man habe ihn nicht erreichen können. Dabei kam die Prämienrechnung Jahr für Jahr pünktlich an. Nach telefonischem Protest will die Gothaer jetzt die alte Versicherungsbescheinigung stornieren und eine neue ausstellen. Dann ist die Haftpflichtpolice deutlich billiger und bietet wesentlich bessere Leistungen.

Wer seine eigenen Policen prüfen will, kann das sehr einfach tun: Ein Online-Besuch bei einem Vergleichsportal wie Verivox oder Check24 bringt einen ersten Hinweis auf das Preisniveau. Dann macht es oft Sinn, bei einer oder mehreren Gesellschaften direkt auf die Webseite zu gehen, auch bei dem bisherigen Versicherer. Hat der Kunde einen deutlich besseren Preis gefunden, gibt es zwei Möglichkeiten: Er sucht sich einen neuen Versicherer und kündigt dann, bitte nicht umgekehrt. Oder er ruft den bisherigen Anbieter oder dessen Vertreter an und weist auf den niedrigeren Preis hin. Oft gibt der Versicherer dann nach.

© SZ vom 11.06.2018

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