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Versicherung:Umstrittene Krebspolicen

Verbraucherschützer sehen solche Angebote kritisch. Die Festlegung auf eine bestimmte Krankheit ist riskant, und oft reicht das Geld dann doch nicht, um fehlendes Einkommen auszugleichen.

Von Christian Bellmann, Köln

Eine Krebserkrankung stellt das Leben auf den Kopf. Erst der Schock nach der Diagnose, dann die Unsicherheit, ob Behandlungen Erfolg zeigen, oft verbunden mit monatelangen Einschränkungen bis hin zum totalen Ausfall in Beruf und Familienalltag. Was man dann am allerwenigsten gebrauchen kann, sind finanzielle Sorgen.

Es klingt daher sinnvoll, sich vor finanziellen Engpässen infolge einer Krebserkrankung durch eine Versicherung zu schützen. Etwa durch eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU). Diese Policen sind allerdings nicht günstig: Schon Angestellte mit Bürojob zahlen schnell mehr als 100 Euro im Monat, für körperlich Tätige wie Handwerker ist es sehr viel teurer. Wer eine Vorerkrankung hat, muss hohe Zuschläge zahlen, wenn er überhaupt versichert wird.

Seit Jahren bringen Versicherer immer wieder Krebsversicherungen auf den Markt - die meisten sind inzwischen wieder verschwunden. Dabei handelt es sich um eine spezielle Form der so genannten Dread-Disease-Policen, die Versicherer seit einigen Jahren als BU-Alternative anbieten. Dread Disease heißt bedrohliche Krankheiten. Kunden erhalten im Fall einer schweren Erkrankung, die in der Police genau definiert ist, eine bestimmte Summe - jedoch keine monatliche Rente wie bei der BU-Police. Das Versicherungs-Start-up Getsurance bietet seit Ende 2018 eine solche Krebspolice an. Kunden, die beim Abschluss unter 45 Jahre alt sind, bekommen nach einer Krebsdiagnose bis zu 100 000, Neukunden über 45 bis zu 50000 Euro. Hinter dem Angebot steht der Lebensversicherer Squarelife aus Liechtenstein.

Das Unternehmen wirbt damit, dass alle Krebsarten versichert sind und der Versicherte nicht nachweisen muss, wofür er das Geld verwendet. Ob der Krebs zu Berufsunfähigkeit führt, ist unerheblich.

Verbraucherschützer zeigen sich skeptisch. Sie warnen davor, eine Police, die nur für eine einzelne Krankheitsart gilt, als Ersatz für eine BU-Police zu betrachten. Krebs ist für nur für 15 Prozent aller Berufsunfähigkeitsfälle verantwortlich, Nervenkrankheiten dagegen für 32 Prozent.

Andrea Hahne vom Bonner Krebshilfe-Verein BRCA-Netzwerk argumentiert ähnlich. "Versicherungsschutz ist ein wichtiges Thema, aber wir sprechen keine Empfehlung für Krebsversicherungen aus", sagt sie. Verbraucherschützer monieren auch, dass die Versicherten nach einer Diagnose nur eine einmalige Zahlung erhalten. "Das ist keine vernünftige dauerhafte Absicherung, dafür ist die Versicherungssumme zu gering", sagt Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Die Krebsversicherung sei auch nicht als Ersatz für eine Berufsunfähigkeitsversicherung gedacht, sondern als Ergänzung, entgegnet Getsurance-Chef Johannes Becher. Dass die Police nur für Krebs und keine anderen Krankheiten ausgelegt ist, habe erhebliche Vorteile. "Die Spezialisierung auf Krebs erlaubt es uns, besonders starke Versicherungsbedingungen anzubieten und Leistungsfälle automatisiert zu bearbeiten", so Becher. Dadurch sollen Kunden die Versicherungssumme innerhalb weniger Tage erhalten. "Sie können damit finanzielle Engpässe ausgleichen, die sich während langwieriger Antragsverfahren auf private und gesetzliche Leistungen ergeben."

Auch Advigon, ein Liechtensteiner Tochterunternehmen der Hanse Merkur, bietet in Deutschland eine Krebsversicherung an. Sie funktioniert als private Kranken-Zusatzpolice: Sie soll Patienten Zugang zu einer verbesserten Prävention und Therapie verschaffen und eine Betreuung auf dem Niveau von Privatpatienten ermöglichen.

© SZ vom 10.02.2020

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