Versicherer und Industrie Dissonanzen in einem eingespielten Team

Der Stromerzeuger Steag und die Allianz streiten vor Gericht: Es geht um einen Kesselschaden im Steinkohlekraftwerk Duisburg-Walsum.

(Foto: Sepp Spiegl/Bloomberg)

Lange Jahre haben sie ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt. Nun gibt es Risse.

Von Herbert Fromme und Patrick Hagen

Es knirscht: Das Verhältnis zwischen Industrie und Versicherungswirtschaft ist eigentlich sehr eng, traditionell gibt es einen intensiven Personalaustausch. Aber die ersten Risse werden beim diesjährigen Markttreffen der beiden Seiten in München deutlich. 170 Einkäufer der Industrie konferieren zwei Tage lang mit 550 Versicherern, Maklern, Anwälten und Sachverständigen. Gastgeber ist Siemens-Versicherungschef Alexander Mahnke, hier in seiner Rolle als Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes, der Lobbyorganisation der Industrie für Versicherungsfragen.

Die Einkäufer sind beunruhigt über einen großen Schadenfall: Der Stromerzeuger Steag und die Allianz Versicherung streiten vor Gericht. Steag verlangt 142 Millionen Euro von einem Konsortium unter Führung der Allianz. Im Steinkohlekraftwerk Duisburg-Walsum kam es bei der Inbetriebnahme im Jahr 2011 zu einem Kesselschaden. Die Allianz lehnt die Zahlung ab, ihre Montageversicherung greife in diesem Fall nicht. Die erste Runde vor dem Landgericht Essen hat der Versicherer verloren, jetzt will er in Berufung gehen. Jahrzehntelang galt: Die Schäden der großen Unternehmen regelten die Versicherer prompt. Gerichtsverfahren waren höchst selten.

Doch jetzt der Steag-Fall, und das ausgerechnet mit der Allianz, dem Primus der Branche. Das beunruhigt die Kunden. Ohnehin bemängeln die ganz großen Konzerne, dass für ihre wirklich existenziellen Risiken die Versicherer keine Deckungen anbieten - oder dass sie zu niedrig sind. Dazu gehören politische Risiken, die Cyber-Angriffe auf die IT-Systeme der Industrie und neue Techniken wie Drohnen.

"Wer ist verantwortlich, wenn ein halbautomatischer Lkw einen Unfall hat?"

Die Diskussionen sind geprägt von Unsicherheit darüber, wie es weitergehen soll - auf beiden Seiten. Die Schlagworte sind Digitalisierung und Big Data. Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle durch den technologischen Fortschritt bedroht alle Branchen, auch die Versicherungswirtschaft, warnt Seraina Maag vom amerikanischen Versicherungs-Schwergewicht AIG. Die Wucht der Veränderung sei nicht beschränkt auf prominente Beispiele wie Kodak (Pleite wegen Digitalfotografie), Nokia (verschlief den Smartphone-Trend) oder die Video-Verleihketten (niederkonkurriert von Online-Anbietern). "Selbst das traditionelle Geschäftsmodell der Versicherer ist in Gefahr", sagt Maag. Auch wenn es schon lange Versicherer gebe, seien sie nicht geschützt gegen Neuerungen, die ihr Geschäftsmodell ersetzen könnten. "Die Gefahr geht aber weniger von unseren Wettbewerbern aus als von einigen Jungs in ihren Garagen", sagt Maag. "Wir müssen für unsere Kunden Lösungen für ihre neuen Risiken finden." Dazu gehöre die Erhebung großer Datenmengen - nicht einfach nur Schadenzahlungen. Dazu kommt das Internet der Dinge. Vor zehn Jahren waren nur 500 Millionen Geräte online vernetzt, heute sind es 10 bis 20 Milliarden, bis 2020 wird sich die Zahl auf 40 bis 50 Milliarden erhöhen, glaubt sie. Das ergibt Milliarden von Möglichkeiten, in IT-Systeme einzudringen und Daten abzugreifen oder Schäden anzurichten. Und neue Haftungsprobleme: "Wer ist verantwortlich, wenn ein halbautomatischer Lkw einen Unfall hat, der vom System und nicht vom Fahrer verursacht wurde?" Das könne Versicherern neue Möglichkeiten eröffnen, sagt Maag. "Es kann aber wiederum das bisherige Geschäftsmodell von Versicherern gefährden."

Bei solchen Unsicherheiten ist es verständlich, wenn sich die Beteiligten über die vorhandenen Gemeinsamkeiten freuen. Da gibt es die gemeinsame Haltung zum Terror-Versicherer Extremus - beide sind dafür, dass die Haftung des Bundes für sehr große Schäden verlängert wird, die Ende 2015 ausläuft.