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Verbraucherschutz:Vergleichsweise teuer

Verbraucher haben das Recht, Bankkonditionen zu vergleichen. Doch Online-Portale müssen sich dafür zertifizieren lassen, das ist teuer.

Für Bankkunden wäre der Zeitpunkt eigentlich optimal, sich im Internet nach einem günstigen Girokonto umzusehen. Einige Geldhäuser haben in den vergangenen Monaten die Preise erhöht, bei vielen Instituten wird es immer komplizierter zu überblicken, was sie in welchem Kontomodell zu welchem Preis anbieten und was nicht. Dabei helfen könnte eine zertifizierte Vergleichswebsite, die bei der Suche nach einem neuen Girokonto hilft und verlässliche, transparente Ergebnisse ausspuckt. Seit Ende Oktober 2018 müsste es sie in Deutschland geben, so sieht es eine EU-Richtlinie vor. Doch bislang lässt die Seite auf sich warten - und es ist fraglich, ob sich das so schnell ändern wird.

Jedenfalls ist der Betreiber einer Vergleichswebsite, der sich zertifizieren lassen wollte, kurz davor hinzuwerfen. Mehr als 150 000 Euro soll Horst Biallo vom gleichnamigen Online-Portal schätzungsweise zahlen, um sich vom TÜV Saarland für drei Jahre zertifizieren zu lassen. "Das kann und will ich nicht bezahlen", sagt Biallo. Die geplante, zertifizierte Vergleichswebsite ist ein Lehrstück darüber, wie schwierig es ist, Verbraucherschutz praktisch umzusetzen.

Bereits vor knapp sechs Jahren, im Sommer 2014, hatte das EU-Parlament beschlossen, dass Verbraucher in den Mitgliedsstaaten künftig einen kostenlosen Zugang zu mindestens einer Vergleichswebsite bekommen müssen.

Der TÜV verlangt mehr als 150 000 Euro für eine Zertifizierung

Solche Portale finden Verbraucher hierzulande zwar schon lange im Netz, allerdings gelten für die zertifizierte Vergleichswebsite strengere Regeln: So muss der Vergleich auf "klare, objektive Kriterien" gestützt sein, darf also nicht von kommerziellen Interessen der Plattformen beeinflusst werden, und muss "eine breite Palette" an Konten vergleichen, die "einen wesentlichen Teil des Marktes" abdecken. In Deutschland entschied die Bundesregierung daraufhin, keine staatliche Vergleichswebsite aufzubauen, sondern den Weg für privatwirtschaftliche Anbieter zu ebnen, sich zertifizieren lassen zu können. Die Plattformen sollten weiter Provisionen kassieren dürfen, wenn ein Kunde über sie ein Konto bei einer Bank eröffnet. Allerdings sollte das Suchergebnis davon nicht verzerrt werden dürfen. Um letzteres sicherzustellen, sollte nicht nur eine Prüfungsstelle wie TÜV oder Dekra die Plattformen zertifizieren, sondern vorher noch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) die potenziellen Prüfer überprüfen. Klingt kompliziert, und das war es auch: Erst fand sich lange kein TÜV, der ein wirtschaftliches Interesse an dem Auftrag hatte. Und als der TÜV Saarland schließlich seinen Hut in den Ring warf, dauerte es ein Jahr lang, bis die DAkkS ihn als Prüfer zuließ.

Seitdem prüft der TÜV Saarland, welche Plattformen sich überhaupt zertifizieren lassen wollen - und was sie dafür tun und vor allem zahlen müssen. Horst Biallo vom gleichnamigen Verbraucherportal ist neben Check24 und Verivox einer der Interessenten und, wie er sagt, "sprachlos" über das Angebot des TÜV, das der SZ vorliegt. Voraussichtlich 68 187 Euro soll demnach allein die Erstzertifizierung für drei Jahre kosten, 9000 Euro sollen für Reisekosten anfallen, weitere 77 100 Euro für die Überwachung. Das ergibt zusammen 154 287 Euro. Der TÜV betont allerdings, dass es sich dabei nur um eine Schätzung handle und die tatsächlichen Kosten geringer ausfallen könnten. Geschäftsführer Thorsten Greiner spricht von einem "Verfahrensentgelt", das nur 15 000 Euro für drei Jahre betrage, hinzu komme ein "individueller Prüf- und Auditaufwand", dessen Höhe vom Aufwand abhänge.

Geschätzt mehr als 150 000 Euro, das ist für Horst Biallo viel Geld. Von den Banken, mit denen er kooperiert, erhalte er für ein neu eröffnetes Konto im Schnitt 20 Euro Provision. Er müsste über drei Jahre hinweg monatlich mehr als 200 Verträge vermitteln, um die Kosten zu decken. Tatsächlich seien es durchschnittlich weniger als 50. Zudem hätten längst nicht mehr alle Banken ein Interesse daran, überhaupt neue Kunden für Girokonten zu gewinnen und dafür Provisionen zu zahlen. Denn es fallen für sie Strafzinsen an, wenn sie die Spareinlagen bei der EZB parken. "Unser Geschäft ist ohnehin schon schwieriger geworden", sagt Biallo. "Ich kann jetzt nicht auch noch die Arbeit für den Staat erledigen und am Ende nichts daran verdienen." Wenn der TÜV die Kosten nicht spürbar senkt, will er sich nicht zertifizieren lassen.

Ein Betreiber kritisiert, dass der Staat seine Aufgaben auf private Anbieter abwälze

Der TÜV Saarland erklärt, sich derzeit mit einem Websitebetreiber im "Prüf- und Zertifizierungsverfahren" zu befinden. Um wen es sich handelt, ist allerdings unklar. Die beiden Anbieter, die bislang neben Biallo ihr Interesse bekundet hatten, Check 24 und Verivox, äußern sich zurückhaltend. "Wir sind in der Abstimmung mit dem TÜV, was die Voraussetzungen und Kosten angeht und überlegen, ob sich das für uns lohnt", sagt Rainer Gerhard, Geschäftsführer von Check 24.

Bei Verivox heißt es, man habe die Datenbank bereits um einige für die Zertifizierung notwendige Vergleichskriterien erweitert, etwa die Dichte des Geldautomatennetzes. "Ob wir ein Zertifikat erwerben, wird am Ende davon abhängen, wie die Vergleichskriterien konkret umzusetzen sind", sagt Oliver Maier, Geschäftsführer des Verivox Finanzvergleichs. Dabei gehe es vor allem um die Frage, ob auch die vielen kleinen und regional tätigen Banken in der Übersicht vorkommen müssen. Bislang deckt der Vergleich von Biallo die meisten Konten ab.

So zeichnet sich gerade nicht ab, ob Verbraucher wie zunächst erhofft noch im ersten Quartal 2020 auf eine zertifizierte Vergleichswebsite zugreifen können. "Daran wird deutlich, dass die ganze Umsetzung in Deutschland viele Krücken hat und sich der Widerspruch zwischen einer kommerziellen und gleichzeitig unabhängigen Seite nur schwierig auflösen lässt", sagt Claudio Zeitz, Finanzexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV).

Trotzdem geht das zuständige Bundesfinanzministerium immer noch davon aus, dass "zeitnah" eine Vergleichswebseite zertifiziert wird. Was auch immer das heißt: Bis es soweit ist, dürften noch ein paar Banken ihre Preise erhöht haben.

© SZ vom 06.02.2020
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