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Ursachen:Wie geölt

Öl

Der abrupte Preisanstieg in Europa hat eine zentrale Ursache: Den Anstieg der Energiepreise in den vergangenen zwölf Monaten. Der Rohöl-Preis ist seitdem um rund 40 Prozent auf derzeit etwa 55 Dollar pro Fass gestiegen. In der Folge haben auch die Preise für Benzin und Heizöl angezogen.

(Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa)

Seit Jahren bestimmen Sorgen vor einer Deflation die Geldpolitik in Europa. Doch jetzt geht es in die andere Richtung. Im Dezember wird sich die Inflationsrate verdoppeln. Grund sind die Energiekosten.

Von Harald Freiberger

Das Jahr 2017 wird mit einer ökonomischen Überraschung beginnen, so viel steht fest: Am 3. und 4. Januar veröffentlichen die Statistikämter die Inflationsdaten für Deutschland und den Euroraum im Dezember. Alles deutet darauf hin, dass die Preise so kräftig stiegen wie seit Jahren nicht. Die Commerzbank spricht sogar von einem "Inflationsschock". Sie geht davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland von 0,8 auf 1,5 Prozent springt, im Euroraum von 0,6 auf 1,1 Prozent. Die Preissteigerung wird sich also kurzerhand verdoppeln. Es ist der höchste Stand seit September 2013.

Eine Überraschung ist das deshalb, weil die Wirtschaft in Europa schon lange unter dem Eindruck kaum mehr steigender Preise steht. Die Inflation dümpelt seit 2014 um die Nulllinie, in manchen Monaten lag die Rate sogar im Minusbereich, das heißt, dass die Preise nicht stiegen, sondern fielen. Für Verbraucher ist das erfreulich, für eine Volkswirtschaft aber bedenklich. Denn wenn sich diese Tendenz verfestigt, droht eine fatale Deflationsspirale, in der Unternehmen nicht mehr investieren und Verbraucher nicht mehr konsumieren, weil sie abwarten, bis es noch billiger wird. Die Wirtschaft käme dann vollends zu erliegen. Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), begründete seine Politik des billigen Geldes deshalb immer wieder mit Deflationssorgen. Er strebt eine gemäßigte Inflationsrate von rund zwei Prozent als Idealzustand an.

Energie ist teurer geworden, bei Dienstleistungen ist alles beim alten geblieben

Wenn nun die Preise in Europa wieder deutlich anziehen, bedeutet dies deshalb einen gewaltigen Einschnitt, der letztlich die Frage aufwirft, ob die niedrigen Zinsen und die Anleihenkäufe durch die EZB noch nötig sind (siehe Artikel unten rechts). Um sie zu beantworten, ist es aber erst einmal wichtig zu wissen, woher der abrupte Preisanstieg in Europa eigentlich kommt. Er hat eine zentrale Ursache: den Anstieg der Energiepreise in den vergangenen zwölf Monaten. Der Rohöl-Preis ist seitdem um rund 40 Prozent auf derzeit etwa 55 Dollar pro Fass gestiegen. In der Folge haben auch die Preise für Benzin und Heizöl angezogen, die einen wichtigen Posten im Warenkorb ausmachen, mit dem die Inflation gemessen sind. Im Warenkorb befinden sich alle Produkte und Dienstleistungen nach dem Anteil, den sie am Budget eines Privathaushalts haben. Die Inflationsrate errechnet sich aus dem durchschnittlichen Anstieg der Preise dieser Posten vom Vorjahresmonat bis zum aktuellen Monat, also von Dezember 2015 bis Dezember 2016.

Dass die Inflationsrate nun so in die Höhe schießt, liegt vor allem an dem, was Statistiker einen "Basiseffekt" nennen: Im Dezember 2015 hatten die Energiepreise einen sehr tiefen Stand erreicht. Den Anstieg seitdem macht allein in Deutschland 0,5 Prozentpunkte der gesamten Inflationsrate aus, schätzen Ökonomen. Hinzu kommt, dass auch von November bis Dezember der Ölpreis gestiegen ist, aber das spielt eine geringere Rolle.

"Andere Waren und Dienstleistungen sind dagegen kaum teurer geworden, es liegt allein am Ölpreis", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Dieser Befund ist auch deshalb wichtig, weil die Notenbanken vor allem auf die Kerninflation achten, aus der die stark schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel herausgerechnet werden. Diese Maßzahl wird sich im Dezember kaum erhöhen.

Dass das Thema Inflation in Europa wieder eine Rolle spielt, hat auch mit der Trump-Wahl in den USA zu tun: Er versprach im Wahlkampf Konjunkturprogramme und Steuererleichterungen im großen Stil, dazu die Einführung von Zöllen - lauter Vorhaben, die tendenziell die Inflation treiben. Ohnehin liegt die Inflationsrate in den USA schon bei 2,2 Prozent, was seine Ursache besonders in stark gestiegenen Preisen für Dienstleistungen, Immobilien und Mieten hat. Die Wahrnehmung der Inflation hat sich nach der US-Wahl geändert, auch in Europa. Dass die Preise in der Eurozone im Dezember stark steigen, verstärkt diesen Prozess noch.

Die Konjunktur in Europa wird von der Schuldenkrise und der Arbeitslosigkeit geprägt bleiben

Wie geht es weiter mit der Preissteigerung in Europa? Christine Schäfer, Leiterin der Konjunkturanalyse bei der DZ Bank, erwartet, dass sich der Preisauftrieb fortsetzt. In den nächsten Monaten werde das weiter am Basiseffekt durch den Ölpreis liegen, danach würden auch die übrigen Preise leicht anziehen. Sie erwartet bis Ende 2017 in Europa eine Inflationsrate von 1,5 Prozent, bis Ende 2018 von rund 1,8 Prozent. Diese Prognose deckt sich mit der anderer Ökonomen, auch die Schätzungen der Bundesbank gehen in diese Richtung.

"Deflationsrisiken sehen wir jedenfalls nicht mehr, wir sind von der Nulllinie weg", sagt Schäfer. Sie glaubt jedoch nicht, dass die Wahrnehmung der Preissteigerung nun von einem Extrem ins andere kippt - von Deflations- zu Inflationssorgen. Dazu sei der Anstieg der Preise noch vergleichsweise moderat. Auch in den USA erwartet die Konjunkturexpertin keinen abrupten Anstieg der Preise, die Inflationsrate dürfte ihrer Ansicht nach bis Ende 2017 kaum höher als drei Prozent steigen.

Ähnlich sieht es Chefvolkswirt Krämer: "Die niedrige Inflation in den vergangenen Jahren lag vor allem am Ölpreis, der starke Anstieg nun genauso, das hat mit der Kerninflation wenig zu tun", sagt er. Europa stehe immer noch unter dem Eindruck der Schuldenkrise, die Wirtschaft sei schwach, die Arbeitslosigkeitsrate doppelt so hoch wie in den USA. Das Bild für die Konjunktur und die Zinsen in Europa werde noch eine Zeitlang davon geprägt sein - und nicht von der nun überraschend stark gestiegenen Inflation im Dezember.

© SZ vom 23.12.2016
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