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Unister-Chef:Unister-Chef lehnte 900 Millionen Euro ab

Thomas Wagner

Auf dem Rückweg aus Venedig kam der Unister-Chef ums Leben. Jetzt wird klar: Er schlug mehrfach Angebote für sein klammes Unternehmen aus.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Thomas Wagner reiste nach Venedig, um Geld für sein klammes Unternehmen zu beschaffen. Auf der Reise kam er ums Leben.
  • Nun wird klar: Dem Unternehmer lagen mehrere Angebote von bis zu 900 Millionen Euro vor. Doch er wollte offenbar mehr.

Das Angebot, es lag immerhin bei 635 Millionen Euro, war schnell abgehakt. "Bertelsmann, allerdings sehr tief", notierte Thomas Wagner, Gründer und Chef der in Leipzig ansässigen Internet-Unternehmensgruppe Unister. Diese hatte vor zwei Jahren ihren wertvollsten Teil, die Reisesparte, verkaufen wollen. Online-Portale wie Fluege.de und Ab-in-den-Urlaub.de haben Millionen Kunden. Die Offerten dafür, darunter auch von der Mediengruppe RTL aus dem Hause Bertelsmann, gingen am 17. November 2014 ein.

Schon wenige Stunden später gab Wagner in einer internen Mail zu verstehen, die von RTL genannten 635 Millionen Euro seien ihm zu wenig. RTL-Konkurrent Pro Sieben Sat 1 hatte nach Recherchen von SZ, NDR und WDR sogar 900 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Doch nicht einmal dafür konnte sich der als Star der deutschen Internet-Branche gefeierte Unister-Chef erwärmen. Eine Milliarde Euro müsse es schon sein, soll er gesagt haben.

Hätte Wagner damals zugegriffen, wäre er wohl noch am Leben. So aber versank Unister mehr und mehr im Chaos, weil Planung, Buchhaltung und Controlling mit dem rasanten Wachstum des Internet-Aufsteigers nicht mithielten. Das Geld ging aus. Mitte Juli 2016 versuchte Wagner vergeblich, in Italien frisches Kapital aufzutreiben. Der Unister-Chef fiel auf einen Betrüger herein. Der Rückflug von Venedig nach Leipzig in einer kleinen Propellermaschine endete mit dem Tod. Die Piper PA-32R stürzte in Slowenien ab. Zusammen mit Wagner kamen einer seiner Mitgesellschafter bei Unister, ein weiterer Fluggast und der Pilot ums Leben. Wenige Tage später erklärte die Internet-Gruppe, die spätestens seit 2015 ums Überleben kämpfte, ihre Insolvenz.

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Erst die Angebote, dann die verpasste Chance, und am Ende der Tod: Unister und Wagner, der gerade mal 38 Jahre alt wurde: Es ist ein tragischer Fall. Nun muss Insolvenzverwalter Lucas Flöther schauen, wie er den Betrieb mit mehr als 1000 Beschäftigten retten kann und wer die Unternehmensgruppe übernimmt. Flöther bringt Ordnung in den zuvor ziemlich hemdsärmelig geführten Laden und hat nach eigenen Angaben "sechs konkrete Angebote" für die Reisesparte vorliegen. RTL ist dem Vernehmen nach dieses Mal nicht mehr dabei. Auch die in München ansässige Pro Sieben Sat 1 soll sich eher zurückhalten. Die Münchner hätten es, wenn überhaupt, eher auf die starken Marken von Unister wie Fluege.de abgesehen als auf eine Firmenübernahme. So ist es aus der Fernsehbranche zu hören.

Bleiben Private-Equity-Fonds, die das Geld ihrer Anleger mit dem Kauf und Verkauf von Firmen vermehren. Solche Fonds sollen zu den sechs Bietern für die Reisesparte der Leipziger Internet-Gruppe gehören. Ein derartiger Fonds war bereits vor zwei Jahren bei Unister vorstellig geworden, ebenso wie zwei weltweit agierende Großbanken von der Wall Street in New York. Sie hatten den Wert der Reisesparte auf 600 bis 900 Millionen Euro beziffert. Das waren damals aber schon Scheinzahlen; ausdrücklich gekennzeichnet als "unverbindliche Angebote". Pro Sieben Sat 1 zum Beispiel schaute sich nach der 900-Millionen-Euro-Offerte vom 17. November die Unister-Gruppe genauer an, und kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Die Unternehmenszahlen seien lange nicht so gut wie ursprünglich angenommen. Drei Monate später, am 12. Februar 2015, reichte Pro Sieben Sat 1 ein überarbeitetes, ebenfalls unverbindliches Angebot über nur noch 350 Millionen Euro nach.

Der Insolvenzverwalter versucht das zu retten, was noch zu retten ist

Auch das wäre immer noch viel Geld gewesen, auch davon hätten Wagner und seine Mitgesellschafter den Rest ihres noch jungen Lebens gut verbringen können. Doch so tickte der Unister-Gründer nicht, der mit einer Internet-Plattform seine steile Karriere begonnen hatte. "Thomas wollte, dass die Firma wächst und wächst", sagt ein langjähriger Freund von Wagner. Das stetige Wachstum wuchs dem Gründer und Chef aber immer mehr über den Kopf. Er soll schließlich sogar kriminell agiert haben, wie die Generalstaatsanwaltschaft in Dresden ermittelte. Sie wollte Wagner unter anderem wegen Steuerhinterziehung den Prozess machen. Nach dem Tode des Firmengründers bleiben andere Unister-Manager übrig, die sich vor Gericht verantworten müssen.

Einer von ihnen ist Daniel Kirchhof, Gesellschafter von Unister. Er weist die Vorwürfe der Generalstaatsanwaltschaft Dresden zurück. Zu den früheren Angeboten für die Reise-Sparte sagt Kirchhof, der überwiegende Teil der Gesellschafter habe sich damals entschieden, "so einen Verkaufsprozess durchzuführen". Auch zu den von den Interessenten genannten Preisen. Leider habe sich Wagner nicht dazu durchringen können, dem zuzustimmen. "Daran ist es dann wahrscheinlich letzten Endes gescheitert." Mit einem neuen Inhaber, glaubt Kirchhof, hätte sich Unister deutlich anders entwickelt.

Nun versucht der Insolvenzverwalter zu retten, was noch zu retten ist. Und das sei eine ganze Menge. Denn mit dem laufenden Geschäft schreibe man schwarze Zahlen, sagt Flöther. Bleiben die Schulden, die sich alleine bei der Unister-Holding auf 57 Millionen Euro belaufen.

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