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Umfrage:Zu wenig zum Leben

Textilindustrie in China

Qualitätskontrolle in einer Textilfabrik in Nantong, China.

(Foto: dpa)

Nur zwei von 45 befragten Modeunternehmen können belegen, das sie in ihrer Lieferkette Existenzlöhne bezahlen.

Jeder Mensch hat das Recht auf eine angemessene, existenzsichernde Entlohnung, so steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN. Doch davon ist die Textilindustrie mit ihren weltweit 75 Millionen Beschäftigten weit entfernt. Nach einer neuen Umfrage der "Kampagne für saubere Kleidung", einem internationalen Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Gruppen, Gewerkschaften und Kirchen, gibt es bei 43 von 45 befragten Unternehmen keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass "mindestens ein Teil der Arbeiterinnen Existenzlöhne erhält". Befragt wurden unter anderen Konzerne wie H&M, Zara, Primark oder Amazon.

Ein Existenzlohn deckt die Grundbedürfnisse einer vierköpfigen Familie für Nahrung, Wohnen, Gesundheit und Bildung. In vielen Produktionsländern gibt es eine große Diskrepanz zwischen den gesetzlichen Mindestlöhnen und dem Existenzlohn. In Bangladesch etwa beträgt der Mindestlohn für ungelernte Näherinnen weniger als die Hälfte des Existenzlohns. Doch selbst den gesetzlichen Mindestlohn ignorieren Unternehmen. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation betrifft dies zwischen 6,6 Prozent der Arbeiter in Vietnam und 53,3 Prozent auf den Philippinen.

Niedrige Löhne spielen im Konkurrenzkampf der Länder um Aufträge eine zentrale Rolle. Deswegen kommt Auftraggebern und Händlern eine große Verantwortung bei dem Thema Löhne zu. Neun der 45 befragten Unternehmen haben sich eigentlich zu einem Existenzlohn verpflichtet und schreiben ihn etwa in Lieferantenvereinbarungen, dazu zählt Tchibo. Das Unternehmen räumt ein, die selbst gesetzten Ziele noch nicht erreicht zu haben: Die Kritik der Kampagne für saubere Kleidung, dass der Konzern schneller vorankommen müsse, um die Beschäftigten in den Lieferketten zu erreichen, sei durchaus angebracht, sagte eine Unternehmenssprecherin.

Lediglich zwei Unternehmen können belegen, dass sie überhaupt einen Existenzlohn bezahlen: Der italienische Modekonzern Gucci lässt zu einem gehörigen Teil Bekleidung in seinem Heimatland fertigen, wo ein Branchentarifvertrag gilt. Mindestens jeder vierte Arbeiter in der Lieferkette erhalte einen Existenzlohn, heißt es in der Studie. Die Schweizer Modefirma Nile ist die einzige, die nachweislich auch bei zwei Zulieferern in China Existenzlöhne zahlt. Insgesamt zahle Nile mindestens der Hälfte der in der Lieferkette Beschäftigten einen Existenzlohn. Bis 2020 wolle die Firma dies sogar für alle umsetzen. Außer Nile konnte keine Firma nachweisen, "dass Lieferanten außerhalb ihres Hauptsitzlandes einen existenzsichernden Lohn erhalten". Zwar gab der Zara-Mutterkonzern Inditex an, dass in 3532 Fabriken ein Existenzlohn gezahlt werde, habe dafür aber trotz mehrfacher Nachfrage keine Belege vorgelegt, weswegen die Kampagne das nicht anerkannte. Einige Unternehmen beantworteten den Fragebogen gar nicht erst, darunter Amazon, Lidl oder die Otto Group.

Die Kampagne wertet die Ergebnisse als eindeutigen Beleg dafür, dass freiwillige Verpflichtungen der Unternehmen keine entscheidenden Verbesserungen für die Menschen vor Ort bringen. Zum ganzen Bild gehört aber auch, dass die Arbeiter in den für den Export nähenden Fabriken regelmäßig mehr verdienen, als wenn sie in lokalen Betrieben oder der informellen Wirtschaft tätig sind.

© SZ vom 19.09.2019
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