bedeckt München

Türkei:Flaute am Marktstand

January 13 2019 Istanbul Turkey Vendor sells vegetables in the organic market in Kasimpasa Is

Wochenmarkt in Kasımpaşa: Das Geschäft läuft nicht mehr gut, und das liegt nicht nur an Corona.

(Foto: Emrah Oprukcu/imago/ZUMA Press)

Ständig wird alles teurer, die Lira verliert an Wert - und die Anleger werden nervös. Das könnte für Erdoğan zum Problem werden.

Von Tomas Avenarius

Die Frau schaufelt sich durch den Berg an Beuteln und Taschen, greift erst nach einer roten, dann nach einer grünen. Sie schnüffelt am Leder, prüft die Qualität. Dann wirft sie die Einkaufstaschen kopfschüttelnd zurück: "Zu teuer, die Dinger. Die sind doch keine zehn Lira wert." Der Verkäufer weiß, dass viele Kunden schwach werden, wenn das Wort "Indirim" fällt: Rabatt. "Schwester, schau, die sind richtig gut. Nimm doch einfach zwei. Zwei für 15 Lira." Aber da hat sich die Frau schon umgedreht, geht davon, ohne einen weiteren Blick für den Verkäufer Umut, seinen Stand und seine Taschen, die umgerechnet 1,10 Euro kosten, im Doppelpack 1,80 Euro. Der 28-Jährige zuckt mit den Schultern und sagt: "Früher habe ich 300 Stück am Tag verkauft. Jetzt bin ich froh, wenn ich 100 schaffe."

Der "Vier-Wege-Basar" in Kasımpaşa, hoch über dem Goldenen Horn. Der Wochenmarkt beginnt an der Allee zwischen zwei alten Friedhöfen. Von deren Mauern aus ziehen sich die Stände durch enge Straßen, hier häufen sich die frisch gefangenen Bosporus-Fische, die blank geputzten Eiertomaten, die auf Hochglanz polierten Paprikaschoten, die knallbunten Gewürzkegel und die zu Pyramiden aufgeschichteten Eier, die Oliven, die Nüsse, der Käse. Doch das Geschäft läuft schleppend, nicht nur wegen Corona. Fern hält die Kundschaft auch die hohe Inflation - und der rasante Verfall der Lira.

Die türkische Landeswährung hat in den vergangenen zwei Jahren massiv an Wert verloren. Gerade nähert sie sich der Rekordmarke von sieben Lira für einen Dollar, beim Euro bewegt sie sich in Richtung neun. Dass Wirtschafts- und Finanzminister Berat Albayrak, ein Schwiegersohn des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, jüngst in einem TV-Interview behauptete, der schlechte Lira-Wechselkurs spiele im Inland doch für Menschen gar keine Rolle, macht die Sache nicht besser. "Bekommen Sie Ihr Gehalt etwa in Devisen?", fragte der Minister den Moderator.

"Letztes Jahr hat das Kilo Tomaten eineinhalb Lira gekostet. Jetzt sind es drei."

Doch viele Türken wissen, wie bedrohlich eine schwache Währung für ein stark importabhängiges Land ist. Die Türkei braucht Devisen. 1,1 Millionen Menschen leben direkt vom Tourismus, aber wegen Corona bleiben die Feriengäste weg. Der Währungsverfall hält ausländisches Kapital fern, befeuert die Inflation. Sie liegt nach Angaben der Behörden bei 11,8 Prozent, mehr als das Doppelte des angestrebten Ziels von fünf Prozent. Auch die Arbeitslosigkeit steigt, sie liegt offiziell bei 13,4 Prozent, aber Fachleute gehen von weit über 20 Prozent aus: Wegen Corona gibt es Kurzarbeit oder unbezahlten Urlaub, viele Beschäftigungsverhältnisse sind inoffiziell. Das wahre Ausmaß des Problems sieht man so wohl kaum.

Als Erste zu spüren bekommen es diejenigen, die ohnehin wenig haben. Wie die Kundschaft auf dem Vier-Wege-Basar. Kasımpaşa ist ein Traditionsstadtteil von Istanbul, früher lebten hier Seeleute und die Arbeiter aus den Docks am Goldenen Horn. Oft sind sie mit ihrer Familie zugezogen vom nahen Schwarzen Meer. Auch wenn inzwischen ein paar SUVs am Straßenrand stehen, bleibt Kasımpaşa die Heimat kleiner Leute, islamisch-konservativ, eher bildungsfern. Staatspräsident Erdoğan stammt aus dem Viertel, sein Vater war Seemann. Der Stadtteil ist bekannt für die raue, bestimmte Art seiner Menschen: "Die Männer aus Kasımpaşa", so heißt es, "reden mit den Fäusten."

Kasımpaşa ist AKP-Land, Hochburg der Erdoğan-Partei. Aber wenn die Wirtschaft weiter verfällt, könnte es bei Wahlen auch mit den Stammwählern schwierig werden. Das nationalistische Getöse, das Säbelrasseln im Mittelmeer, der islamische Feuerzauber mit der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee mag bei den Frommen ankommen. Aber auch die müssen leben, essen, Miete zahlen. "Letztes Jahr hat das Kilo Tomaten eineinhalb Lira gekostet," sagt die angehende Englischlehrerin Aylin. "Jetzt sind es drei." Aylins Vater ist arbeitslos, das Geld für den Unterhalt der Familie verdient einer ihrer fünf Brüder.

"Am Ende entscheidet die Wirtschaft", sagt der Ökonom und Publizist Mustafa Sönmez. "Da hilft Erdoğan auch sein nationalistisches und islamistisches Getrommel nichts." Die Grundprobleme, das sagt nicht nur Sönmez, liegen auf der Hand. Als klassisches Schwellenland bleibt die Türkei gefangen in der "Mittelklassen-Falle". Die ersten Schritte in Richtung erste Welt sind getan. Erdoğan hat die Infrastruktur seit seiner Machtübernahme 2002 entschlossen modernisiert, Straßen, Brücken, Kliniken und Schulen gebaut, der Mittelstand ist gewachsen. Das, so Sönmez, sei "die Dolce-Vita-Phase" gewesen. Doch mit der Währungskrise von 2018 stockte der Aufschwung, war es vorbei mit Dolce Vita. Als es Anfang 2020 gerade wieder besser zu werden schien, kam Corona. Jetzt bleiben die ausländischen Touristen weg, fehlen der Türkei noch mehr Devisen.

Das Land braucht Kapital, importiert schon lange zu viel und zu teuer, exportiert zu wenig und wegen der schwachen Lira immer billiger. "Hightech made in Turkey" ist Mangelware, das Land bleibt eine Art verlängerte Werkbank führender Industrienationen wie Deutschland. Groß angekündigte Prestigeprojekte wie ein "rein türkisches" Elektroauto oder der erfolgreiche Ausbau der Rüstungsindustrie lassen sich nur mit Importen realisieren. Die auf dem libyschen Schlachtfeld erfolgreichen türkischen Kampfdrohnen fliegen mit europäischer Technologie. Die Landwirtschaft hingegen lasse man verkümmern, sagt Wirtschaftsfachmann Sönmez: Das Land ist inzwischen Netto-Importeur.

Geld vom IWF könnte dem Land helfen. Doch das lehnt der Staatschef vehement ab

Die chronisch negative Leistungsbilanz der Türkei spricht für sich. Vor allem im Energiebereich bleibt das 82-Millionen- Einwohner-Land bei rasch steigendem Bedarf zum Import verdammt. Was Erdoğans kompromisslosen Kurs bei der Suche nach Erdgas im östlichen Mittelmeer erklärt: Er will die an fossilen Ressourcen arme Türkei aus der Abhängigkeit von Ländern wie Russland lösen.

Naheliegender und auch schneller spürbar wäre eine Leitzinserhöhung. Sie könnte die Lira stabilisieren. Doch der Staatspräsident ist ein erklärter Feind von Zinserhöhungen. Er behauptet - entgegen der gängigen ökonomischen Überzeugung -, dass hohe Zinsen die Inflation befördern: "Der Grund für die Inflation sind nicht Tomaten oder Gurken, der Grund sind hohe Zinsen." Den letzten Zentralbankchef hat Erdoğan Mitte 2019 durch einen Währungssteuermann ersetzt, der die gewünschte Niedrigzins-Politik von 8,25 Prozent betreibt.

Experten sehen die Gefahr, dass sich der Währungsverfall von 2018 wiederholt. Andere warnen dagegen vor Panikmache: "Die Türkei ist extrem krisenerprobt", sagt der Chef der Deutschen Industrie- und Handelskammer, Thilo Pahl. "Und zwar nicht nur der Staat selbst, sondern auch die Unternehmen." Allerdings könnten "die oft sehr unorthodoxen Methoden türkischer Währungs- und Wirtschaftspolitik schnell das Vertrauen ausländischer Investoren kosten". Die Ratingagentur Moody's hält das Land schon für weniger kreditwürdig, sie hat ihre Einstufung gerade von B1 auf B2 gesenkt und die Möglichkeit einer weiteren Herabstufung angedeutet.

Eine Möglichkeit, die Probleme der türkischen Wirtschaft grundsätzlich anzugehen, wäre ein IWF-Kredit. Doch das lehnt der Staatschef wegen der damit stets verbundenen Reformauflagen ab: Der IWF und ausländische Banken wollten die Türkei "an der Gurgel" packen, so der Staatschef. "Dieses Kapitel ist abgeschlossen." Das sind starke Sprüche, die bei den Erdoğan-Wählern in Kasımpaşa und anderen Landesteilen gut ankommen, die Teller der Menschen am Morgen, Mittag und am Abend aber nicht füllen. Welche Schlüsse die Türken daraus ziehen, wird sich bei den Wahlen 2023 zeigen.

© SZ vom 14.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite