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Time Warner wird zerlegt:Wie ein Bestatter

Seit einem Jahr ist Jeff Bewkes der Chef von Time Warner, dem weltgrößten Medienkonzern - nun zerlegt er ihn. Dem neuen Zuschnitt wird sogar die Führungsrolle geopfert.

Thomas Schuler

Im Frühjahr 2002 kam es in New York zu einer Zusammenkunft der führenden Manager von Time Warner, die seitdem Legende ist bei dem Unternehmen.

Angespannt: Jeff Bewkes kann harte Kritik üben. Dem Verwaltungsratschef von Time Warner warf er einst vor, "Bullshit" zu reden, da war er selbst noch nicht Vorstandsvorsitzender. Für seine Vorgänger war die Summe des Medienriesen stets wichtiger als die Teile. Bewkes glaubt an das Gegenteil. Nun werden die ersten Teile verkauft.

(Foto: Foto: Reuters)

Heute, da Time Warner vor einer Zäsur steht und bald nicht mehr der führende Medienkonzern der Welt sein wird. Das Treffen geriet zum ersten Spatenstich für das Begräbnis des damaligen Verwaltungsratsvorsitzenden Steve Case, markiert aber auch die Geburt von Jeff Bewkes als heutigem Chef des Unternehmens.

Damals hieß es noch AOL Time Warner, und der ehemalige AOL-Chef Steve Case stand an der Spitze. In jener Sitzung, die in der alten Konzernzentrale am Rockefeller Plaza stattfand, schwärmte Case von der Zukunft des weltweit führenden Medienunternehmens.

Mit der 2001 geschlossenen, 112 Milliarden Dollar teuren Fusion, der größten der Mediengeschichte, bei der sich America Online (AOL) und Time Warner verbündeten, sei man der Konkurrenz von News Corporation, Disney, Viacom und Bertelsmann weit enteilt.

Ernten, ehe die Früchte gewachsen waren

Die damals kaum 20 Jahre alte Internetfirma AOL würde dem 79 Jahre alten Inhalte-Koloss Time Warner neues Leben einhauchen, versprach Case. Er redete von Konvergenz und Synergie, den Zauberworten der Fusion.

America Online würde helfen, die Hollywoodfilme und Musikstars von Warner zu verkaufen, und die Zeitschriften von Time würden Abonnements für AOL generieren. Case wollte gar nicht mehr aufhören, die Früchte der Fusion zu feiern.

Dabei gab es ein Problem: Es schien, als wollte er ernten, ehe die Früchte gewachsen waren. In Wirklichkeit waren die Aktien im Wert stark gefallen, die Aussichten düster. Mitarbeiter von Time Warner fürchteten um ihre Pensionen, und der größte Aktienbesitzer, Ted Turner, fürchtete um sein Vermögen. Steve Case tat bei dem Treffen so, als hätte er von alledem nichts mitbekommen.

"Das einzige Problem ist AOL"

Irgendwann unterbrach ihn Jeff Bewkes, der seit zwei Jahrzehnten bei Time Warner arbeitete und damals den Bezahlsender Home Box Office (HBO) leitete.

Bewkes hatte Erfolge mit Fernsehserien wie "Sex and The City" und "Die Sopranos" gefeiert und sprach nun deutlich aus, was er von Case' Versprechungen hielt: "Ich bin es leid", sagte er. "Das ist Bullshit. Die einzige Abteilung, die nicht funktioniert, ist deine. Jeder von uns wächst und erreicht seine Vorgaben. Das einzige Problem in diesem Konstrukt ist AOL."

So berichtet es Alec Klein 2003 in seinem Buch "Stealing Time", der Geschichte des Zusammenbruchs von AOL Time Warner. Bewkes hat damals ausgesprochen, was alle dachten. Sein Ausbruch sei mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Richard Parsons abgestimmt gewesen, glaubt Klein.

Steve Case musste im folgenden Jahr gehen. Wie ein Betrüger wurde er vom Hof gejagt. Es gab Ermittlungen, wonach AOL seinen Aktienkurs mit Scheingeschäften hochgetrieben habe. Die Börsenkennung AOL wurde aus dem Firmennamen gestrichen, als wollte man diesen Teil der Geschichte schnellstmöglich vergessen.

Ted Turners größter Fehler

Vorstandschef Parsons musste 100 Milliarden Dollar abschreiben. Allein Ted Turner hat mit seinem Anteil von unter fünf Prozent nach eigenen Angaben bis heute rund acht Milliarden Dollar verloren. Kurz vor Weihnachten sagte er, die Fusion mit AOL sei der größte Fehler seiner Laufbahn gewesen.

Richard Parsons hielt den Konzern bis zu seinem vollständigen Ausscheiden aus allen Ämtern Ende 2008 (das Tagesgeschäft hatte er Bewkes bereits Ende 2007 übergeben) an der Weltspitze und betonte stets, dessen Summe sei wertvoller als die Einzelteile.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Bewkes weniger in der Tradition der Erbauer von Time Warner steht als vom einstigen Warner-Chef Steve Ross, einem früheren Bestattungsunternehmer.

Wie ein Bestatter

Vermutlich war er sich stets bewusst, dass er ein Mann des Übergangs war. Als er im Sommer 2007 den Mitarbeitern den damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama vorstellte und Bewkes in seiner Einführung erwähnte, Parsons überlege auch, in die Politik zu wechseln, kommentierte dieser, Bewkes wolle ihn offenbar loswerden.

Tatsächlich war Parsons lange im Gespräch als Nachfolger von Michael Bloomberg im Amt des Bürgermeisters von New York, doch mittlerweile will Bloomberg sich selbst nachfolgen.

Parsons und Bewkes verbindet die Liebe zum Weinanbau. Parsons besitzt ein Gut in Italien; Bewkes führte eines in Kalifornien, ehe er zur Citibank und dann, vor fast 30 Jahren, zu Time Warner wechselte.

Eine Zäsur

Aber es gibt auch deutliche Unterschiede. Es sei klar, daß Bewkes einen ganz anderen Kurs einschlage, sagte Parsons vor dem Wechsel, und Bewkes hat diese Worte bestätigt. Er zerlegt nun, was Case aufgebaut hat. Die Einzelteile seien mehr wert als die Summe, sagt Bewkes. Er schneidet Time Warner zu wie einen Weinstock und hofft, dass die Triebe so besser wachsen. Eine Zäsur.

Time Warner ist das Produkt mehrerer Zusammenschlüsse. Mehr als 60 Jahre nach der Gründung von Time (1922) und Warner (1923) fusionierte 1989 der Verlag Time, zu dem Zeitschriften wie Time, Fortune, Sport Illustrated und People gehören, mit dem Unterhaltungskonzern Warner, der Fernsehen, Filme und Musik produziert. 1995 fusionierte Time Warner mit CNN und den Fernsehsendern von Ted Turner, 2001 mit AOL. Am 4. Februar dieses Jahres wird Bewkes bekannt geben, wie viel Gewinn die 90.000 Mitarbeiter erwirtschaftet haben.

Jeff Bewkes ist seit Januar 2008 Vorstandsvorsitzender; seit Januar 2009 leitet er auch den Verwaltungsrat. Schon heute lässt sich sagen, dass er sich mit 56 Jahren zwar auf dem Höhepunkt seiner Macht bei Time Warner befindet, aber sein Unternehmen vor einem Machtverlust steht, den er eingeleitet hat.

Ein Drittel an Umsatz geht verloren

Er will die Kabelsparte abtrennen und verhandelt angeblich mit Yahoo und Microsoft über den Verkauf von AOL. Sogar über einen Verkauf der Zeitschriften wird spekuliert, obgleich das fraglich ist.

Übrig blieben Musik, Film und TV. Die Trennung von der Kabelsparte Time Warner Cable hat Bewkes eingeleitet, wie er es im Mai 2008 ankündigte. Die Abspaltung soll noch im ersten Quartal abgeschlossen werden, bestätigte ein Firmensprecher.

Der Konzern wird damit rund ein Drittel an Umsatz verlieren. Von April an wird Time Warner also nicht mehr die Nummer eins sein - nicht weltweit, nicht in den USA. Erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt wird es eine neue Hackordnung geben. Soeben musste Bewkes weitere 25 Milliarden Dollar abschreiben. Falls er auch AOL verkauft, könnte es nicht einmal mehr zur Nummer zwei reichen, fürchtet die New York Times.

Vermutlich wird das Kabelfernsehunternehmen Comcast - die Nummer eins im Kabel-TV noch vor Time Warner Cable - künftig Weltmarktführer sein. Comcast, das die Zentrale in Philadelphia hat, ist ein von einer Familie geführtes, an der Böse notiertes Unternehmen, das vor allem in den USA, international aber kaum engagiert ist.

Weltmarktführer aus Mississippi

In Deutschland ist der Konzern lediglich Anbieter von Spartenkanälen für Golf und Nachrichten aus Hollywood. Comcast wurde von der Familie Roberts vor 45 Jahren in Tupelo, Mississippi, gegründet. Gewachsen ist der Konzern vor allem durch Zukäufe, etwa durch das Kabelgeschäft von AT&T.

Kurz vor dem Führungswechsel im Januar 2008 versammelte Time-Warner-Chef Jeff Bewkes seine Mitarbeiter noch einmal in Miami und erinnerte sie an die große Tradition des Unternehmens.

Er sprach von Henry Luce, dem Gründer von Time, und von Ted Turner, dem Gründer von CNN. Ob er auch von Steve Ross sprach, ist nicht überliefert. Ross war einst Chef von Warner, und hat als Bestatter angefangen. Dabei, sagte Ross später, habe er Wesentliches für das Mediengeschäft gelernt: Bestattungen seien eine Dienstleistung wie die Medien. Bewkes steht nun weniger in der Tradition von Luce und Turner, den Erbauern, als von Steve Ross, dem einstigem Bestattungsunternehmer. Es spricht nur keiner aus.

© SZ vom 19.01.2009/pak
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