Tierschutz Zu viel Tierliebe macht Aktivisten zum Terroristen

In den USA gibt es etwa 275 Nerz-Farmen, die rund drei Millionen Felle im Jahr produzieren mit einem Gesamtwert von rund 300 Millionen Dollar.

(Foto: imago/Reporters)
  • "Unaussprechliches Leid" habe er auf der Nerz-Farm gesehen, sagt Aktivist Kevin Johnson.
  • Er und ein Freund öffneten Käfige und kippten Säure über zwei Pickup-Trucks. Der Familienbetrieb musste schließen.
  • "Seine Absichten sind zwar nobel, seine Taktiken aber nicht", sagte die zuständige Staatsanwältin.
Von Katrin Werner, New York

Kevin Johnson ist ein verurteilter Terrorist. Er ist keiner, der Menschen in Gefahr bringt, kein Rassist oder religiöser Fundamentalist. Johnson ist Tierrechts-Aktivist. "Ich bin nicht Terrorist wegen der Sache, die ich getan habe, sondern weil die Regierung nicht gut findet, warum ich es getan habe", sagt er. Normalerweise, schrieb der 30-Jährige vor Kurzem in der Zeitung The Guardian, lachen die Leute immer und glauben es ihm nicht. Er ist ein schmaler Mann, meist im Hemdkragen und Pulli darüber.

"Seine Absichten sind zwar nobel, seine Taktiken aber nicht", sagt die Staatsanwältin

Am 13. August 2013 ist Johnson gemeinsam mit seinem Freund Tyler Lang in der Nacht in einen Nerz-Zuchtbetrieb im US-Bundesstaat Illinois eingebrochen. "Unaussprechliches Leid" habe er dort erlebt - und dann die Drahtkäfige und Türen des Stalls geöffnet, 2000 Tiere rannten weg. Die Männer kippten Säure über zwei Pickup-Trucks und kritzelten die Worte "Befreiung ist Liebe" an die Wand. Der Schaden lag zwischen 120 000 und 200 000 Dollar. Der Familienbetrieb musste schließen.

"Seine Absichten sind zwar nobel, seine Taktiken aber nicht", sagte die Staatsanwältin Bethany Biesenthal über Johnson. Er saß schon im Gefängnis in Illinois, dort waren er und Lang nach dem örtlichen Gesetz wegen Besitz von Einbruchs-Werkzeug verurteilt worden, als sich die Bundesregierung aus Washington einmischte. Sie klagte die Männer ein zweites Mal an, nach dem Animal Enterprise Terrorism Act, der 2006 erlassen wurde, um Tierbetriebe zu schützen. Johnson musste drei Jahre ins Gefängnis und gilt als Terrorist.

Nun ist er wieder frei und kämpft gegen das Gesetz - ohne Erfolg. Seit er 15 Jahre alt ist, lebt er vegan. Als 19-Jähriger stand er mit einem Megafon vor einem Zirkus. Er protestierte gegen Tierversuche und Mastbetriebe. Das FBI jagte ihn jahrelang, hat mehrfach sein Haus in Kalifornien durchsucht, schwer bewaffnet. Einige seiner Freunde hätten sich durch das harte Vorgehen der Polizei und von dem Terrorismusgesetz einschüchtern lassen, der Protest gegen die Pelz-Branche werde immer leiser, sagt Johnson.

In den USA gibt es laut dem Verband Fur Commission rund 275 Nerz-Farmen, die rund drei Millionen Felle im Jahr produzieren mit einem Gesamtwert von rund 300 Millionen Dollar. Die Mehrheit der Nerz-Pelze kommt aus der EU. Die meisten Tierrechtsaktivisten glaubten nicht, dass sie Gesetze brechen müssen, um ihre Ziele zu erreichen, argumentierte die Ermittlerin des FBI, Maureen Mazzola. Nur Extremisten "haben das Gefühl, dass ein krimineller Akt die einzige Art und Weise ist, mit der man mit Firmen und Menschen umgehen kann, die nach ihrer Ansicht Tierquälerei begehen", sagte sie. "Sie glauben, dass legaler Protest nicht genug ist und nie genug sein wird."

"In meinem ganzen Leben habe ich nie etwas Schöneres erlebt."

Gerade hat Johnson auch vor dem Berufungsgericht in Chicago verloren. Er wollte erreichen, dass das Gesetz als verfassungswidrig erklärt wird, weil es die Meinungsfreiheit zu sehr beschneide. Die Richter entschieden aber, dass der Begriff "Terrorismus" durchaus auch auf Tierschützer anwendbar sein könne. Schließlich gehe es bei dem Gesetz um schwere Straftaten wie Brandstiftung. Johnson vergleicht seinen Fall mit einem Mann, der in einen Hühnerstall in Kalifornien eingebrochen ist und dort mit einem Baseball-Schläger 900 Hühner erschlagen hat. Er gilt nicht als Terrorist, weil der Animal Enterprise Terrorism Act nicht greift, wenn Täter ihre Taten ohne Grund begehen. "Ich finde es zynisch, dass die Regierung die Terrorismus-Rhetorik anwendet, um Aktivisten zu unterdrücken zu Gunsten von Industrie und Finanzwirtschaft", sagt Johnson. Er bereue seine Tat nicht. "In meinem ganzen Leben habe ich nie etwas Schöneres erlebt als zu sehen, wie diese Nerze zum ersten Mal gefühlt haben, wie ihre Füße die Erde berührten."

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