Thyssen Krupp:Italiener in Rage über Arbeitsunfälle

Während in Deutschland über Todesfälle am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr oder bei Familienkonflikten eher im Lokalteil berichtet wird, erregen sie südlich der Alpen landesweites Aufsehen. So kann es vorkommen, dass ein berauschter Autofahrer, der einen Passanten überfährt, tagelang in den Schlagzeilen steht und heftige politische Debatten auslöst. Im Unglücksfall von Turin kommt hinzu, dass er zu einem Zeitpunkt geschah, als das Thema Arbeitsunfälle das Land besonders beschäftigte. Schließlich verloren allein im Jahr 2007 in Italien mehr als 1200 Menschen ihr Leben bei Arbeitsunglücken. "Thyssen Krupp in Turin" wurde zum Symbol für diese Missstände.

Feuerlöscher leer

In Turin war man damals ohnehin ärgerlich über Thyssen Krupp AST. Denn das Unternehmen plante, das Zweigwerk in der Stadt zu schließen, um die Produktion am Hauptwerk im mittelitalienischen Terni zu konzentrieren. Radikale Teile der Gewerkschaften nahmen das Brandunglück außerdem zum Anlass, die "seelenlosen" internationalen Großkonzerne anzuprangern. Dies alles und der Totschlagsvorwurf der Staatsanwaltschaft machen den Prozess zu einem besonders heiklen Fall.

Der Kern der Vorwürfe lautet, Espenhahn und andere Manager hätten nicht genug in die Sicherheit des Turiner Werks investiert, da dieses vor der Stilllegung stand. Laut der Staatsanwaltschaft, die hundert Zeugen benannt hat, wurde die Unternehmensleitung von ihrer Brandversicherung und von Aufsichtsbehörden vergeblich auf Mängel hingewiesen. Dennoch habe sie nicht nachgerüstet. Auch sollen Feuerlöscher leer und ein Nottelefon defekt gewesen sein. Zudem seien die Arbeiter überlastet gewesen.

Die Verteidigung dürfte einwenden, die Beanstandungen der Versicherung und der Behörden hätten gar nicht die Produktionslinie betroffen, an der sich dann das Unglück ereignete. Die Rechtsanwälte von Thyssen Krupp AST könnten außerdem thematisieren, warum die Arbeiter, die in der Unglücksnacht im Einsatz waren, das Feuer nicht früher bemerkten und rechtzeitig löschten. Allerdings ist sich der Konzern bewusst, dass es ein verheerendes Bild in Italien abgeben würde, wenn er nun im Prozess die Opfer als Schuldige hinstellte.

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