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Teure Schweiz:Das große Preisrätsel

Warum in der Schweiz alles um mindestens ein Drittel teurer ist.

(SZ vom 03.07.03) - So schön es in der Schweiz auch ist: Als Ausländer hat man das Gefühl, pausenlos geneppt zu werden. Ob im Hotel, im Restaurant, im Supermarkt oder am Skilift - die Preise sind so hoch, dass es weh tut.

Schön ist die Schweiz, keine Frage.

(Foto: AP)

Die eigentlich Betrogenen indes sind die Schweizer selbst, die ja nicht weniger bezahlen. Das Boulevard-Blatt Blick hat soeben zum wiederholten Male Schockierendes enthüllt: 50 Franken (rund 33 Euro) kostet das Kilo Entrecôte (das edle Zwischenrippenstück vom Rind) in Zürich - in Deutschland umgerechnet 12,25 Franken. 3,80 Franken zahlen die Schweizer für das Kilo Spaghetti - die Deutschen 1,51. Den Liter Milch bekommt man in der Schweiz für 1,45 Franken - bei uns für 81 Rappen.

Das sind extreme Beispiele, gewiss. Tatsächlich sind die Schweizer Preise gemäß einer Studie des Berner Volkswirtschaftsministeriums 30 bis 40 Prozent höher als in der Europäischen Union.

Die größten Differenzen bestehen bei Nahrungsmitteln, Mieten, medizinischen Produkten und Leistungen, im Gastgewerbe und bei Haushaltsgeräten.

Auch die Firmen leiden

Aber nicht nur die Konsumenten leiden und kaufen Waschmaschinen oder CDs immer öfter im grenznahen Ausland. Auch die Firmen müssen Komponenten und Dienstleistungen viel zu teuer bezahlen.

Entsprechend schwer tun sie sich im internationalen Wettbewerb. Das ist ein Grund dafür, warum die Schweiz in den vergangenen 20 Jahren langsamer gewachsen ist als alle anderen westlichen Länder.

Lange Zeit haben die Eidgenossen ihr Leben auf der Hochpreisinsel als quasi naturgegeben akzeptiert. Die Bahn fahre schließlich pünktlicher, die Schokolade schmecke besser und die Löhne seien höher, hieß es immer.

"Das sind Ausreden, die heute nicht mehr zählen", sagt Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss. Auch im Ausland stimme die Qualität der Produkte. Und die Löhne? Sie vermögen gemäß der Berner Studie gerade mal zehn Prozent der Preisunterschiede zu erklären.

Mangelnder Wettbewerb

Ein viel wichtigerer Faktor hingegen ist die "mangelnde Wettbewerbsintensität", die zu 44 Prozent für die Preisdifferenzen verantwortlich ist. Sie kostet die Schweizer Konsumenten jährlich 19 Milliarden Franken.

Die Ursachen sind vielfältig. So hinkt das Nicht-EU-Mitglied bei der Liberalisierung einiger Branchen hinterher. Im Elektrizitätsmarkt und in der Landwirtschaft zum Beispiel klappt der Wettbewerb überhaupt nicht, bei der Telekommunikation ungenügend, weshalb die Autoren der Studie der Schweiz eine stärkere Integration in Europa empfehlen. Auch der ausgeprägte Föderalismus hemme durch komplizierte Regulierungen.

Doch nicht der Staat sei der größte Preistreiber, glaubt Roger Zäch von der Uni Zürich, Vizepräsident der Wettbewerbskommission. Er sieht die Hauptschuld bei internationalen Konzernen, die die reichen Schweizer schröpften, indem sie preisdrückende Parallel-Importe mit einer Art Erpressung verhindern.

Hohe Einstandspreise

Sie diktieren den Schweizer Händlern hohe Einstandspreise für Deos oder Kameras, und wer sich nicht daran hält, bekommt keine Ware mehr.

Solche Absprachen waren bisher nur implizit verboten. Das neue Schweizer Kartellgesetz verbietet sie hingegen ausdrücklich. Sünder müssen Strafe zahlen - bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes, und zwar sofort. Bisher wurden nur Wiederholungstäter sanktioniert.

Bei patentgeschützten Waren hingegen bleiben die Parallel-Importe untersagt. Davon profitieren die großen Pharmakonzerne, mit denen es sich die Politiker ungern verderben möchten.

Auch ein anderer Aspekt spielt in der eidgenössischen Diskussion kaum eine Rolle: die Tatsache, dass die beiden Giganten Migros und Coop zusammen 75 Prozent des Nahrungsmittelmarktes beherrschen. Echter Wettbewerb sieht anders aus.